Gestationsdiabetes: strengere Kriterien führen nicht zu mehr normalgewichtigen Neugeborenen

  • Nicola Siegmund-Schultze
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Werden die glykämischen Grenzwerte der Diagnose eines Schwangerschaftsdiabetes (GDM) abgesenkt, resultieren daraus zwar mehr GDM-Diagnosen, nicht aber eine geringere Rate von Kindern mit überproportional starken Wachstum. Die übermäßige Körpergröße ist mit höheren Geburtsrisiken assoziiert, zum Beispiel Frakturen des Schlüsselbeins oder der langen Knochen der Extremitäten beim Kind, aber auch mit metabolischen Störungen.

Hintergrund

Die Prävalenz eines dokumentierten Schwangerschaftsdiabetes (GDM) liegt Analysen des Robert Koch-Instituts zufolge in Deutschland bei fast 7 % (6,8 % im Jahr 2018; [1]). Das entspricht circa 51.400 Patientinnen. Potenzielle Folgen des GDM sind ein gesteigertes Wachstum des Fetus. Bei einem Gewicht > 90. Perzentile bezogen auf das Gestationsalter wird dies beschrieben als „large for gestational age“ (LGA). Komplikationen bei LGA-Kindern sind zum Beispiel Geburtstraumata bei Mutter und Kind, Hypoglykämie des Neugeborenen als Folge hoher fetaler kompensatorischer Insulinspiegel, Hyperviskosität und Hyperbilirubinämie beim Säugling. Fragestellung einer neuseeländischen Studie war, ob sich durch Anlegen strengerer Kriterien an die Definition eines GDM der Entwicklung von LGA-Kindern durch frühere Diagnose und Therapie der Schwangeren entgegenwirken lässt in der Hoffnung, dadurch Komplikationen zu verhindern (2).

Design

  • Studiendesign: prospektiv randomisierte kontrollierte Studie zum Screening des Schwangerschaftsdiabetes
  • GDM-Diagnosekriterien im 75-g-oralem-Glukosetoleranztest:
    • Strengere Grenzwerte mit Nüchternglukose von ≥ 92 mg/dl (≥ 5,1 mmol/l), einem Wert von ≥ 180 mg/dl 1 Stunde nach Trinken der Testlösung (≥10,0 mmol/l) und einem Wert von ≥ 153 mg/dl (≥ 8,5 mmol/l) zum Zeitpunkt 2 Stunden nach Einnahme der Glukoselösung
    • Die weniger strengen Grenzwerte lagen bei ≥ 99 mg/dl für die Nüchternglukose (≥ 5,5 mmol/l) und einem Wert von ≥ 162 mg/dl (≥ 9,0 mmol/l) zum Zeitpunkt 2 Stunden nach Einnahme der Glukoselösung
  • Primärer Endpunkt war der Prozentsatz der Kinder mit LGA (> 90. Perzentile bezogen auf das Gestationsalter)

Hauptergebnisse

  • 4061 Schwangere wurden in eine der beiden Gruppen zur GDM-Diagnose randomisiert: 2022 Frauen in die Gruppe mit den strengeren Kriterien und und 2039 Frauen in die Gruppe mit den weniger strengen Grenzwerten.
  • Bei Diagnose eines GDM wurde die übliche Versorgung initiiert wie Ernährungstherapie, Blutglukose-Monitoring und pharmakologische Behandlung, falls erforderlich.
  • 15,3 % in der Gruppe mit niedrigeren glykämischen Werten hatten nach dieser Definition einen GDM und 6,1 % in der Gruppe mit weniger strengen Kriterien.
  • Die Rate der LGA-Kinder von Frauen, die nach strengeren Kriterien auf GDM gescreent worden waren, betrug 8,8 % und von Müttern, die nach weniger strengen Kriterien auf GDM gescreent worden waren, betrug sie 8,9 %. Dies war mit einem p-Wert von 0,82 kein statistisch signifikanter und auch kein klinisch relevanter Unterschied.
  • In der Gruppe der Frauen mit niedrigeren glykämischen Werten wurden häufiger Geburten künstlich eingeleitet und diese Frauen hatten häufiger medizinische Leistungen inklusive Pharmakotherapie in Anspruch genommen als Frauen aus der Gruppe mit weniger strengen GDM-Kriterien.
  • Ein Vorteil strengerer GDM-Diagnosekriterien: Es wurden mehr Kinder identifiziert, die nach der Geburt eine Behandlung wegen Hypoglykämie benötigten, als bei der Anwendung weniger strenger Kriterien für die Diagnose eines GDM.

Klinische Bedeutung

Die in der neuseeländischen Studie untersuchten GDM-Kriterien liegen in glykämischen Grenzwertbereichen, wie sie auch in Deutschland für die GDM-Diagnostik angelegt werden (3).

Offenbar gibt es keinen klaren, perfekten Grenzwertbereich zur Feststellung eines GDM, ab dem die Risiken für Mutter und Kind minimal sind, heißt es im Kommentar (4).

Bei strengeren GDM-Kriterien lassen sich aber durch die mit der vermehrten GDM-Diagnose verbundene erhöhte Aufmerksamkeit der Ärzte mehr Kinder identifizieren, die nach der Geburt eine Hypoglykämie haben und deshalb behandelt werden sollten. Eine neonatale Hypoglykämie ist mit einem höheren Risiko für neuronale Fehlentwicklungen assoziiert.

Finanzierung: öffentliche Mittel