„German Male Sex Study“: manche Männer sind homosexuell, haben aber Sex nur mit Frauen


  • Dr. med. Thomas Kron
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Sexuelle Orientierung und Verhalten stimmen offenbar bei einigen Männern  nicht überein. So führt insbesondere ein Teil der homosexuellen Männer der „German Male Sex Study“ zufolge das Leben eines heterosexuellen Mannes. So gaben etwa zehn Prozent der homosexuellen Männer an, in den letzten drei Monaten Sex mit einer Frau gehabt zu haben. Rund 6 Prozent waren „hidden homosexuals“, die sich selbst als homosexuell sahen, Sex aber nur mit Frauen hatten und häufig verheiratet waren.

Hintergrund

Studien zur Sexualität von Männern und zu ihrem Sexualverhalten haben sich meist auf heterosexuelle Männer beschränkt. In der aktuellen „German Male Sex Study“ sind auch homo- und bisexuelle Männer berücksichtigt worden. Mit der Studie können außerdem Veränderungen in der Sexualität des Mannes ermittelt werden.

Design

12.354 Männer im Alter von 45 Jahren wurden in Düsseldorf, Hannover, Heidelberg und München unter anderem über ihre erste sexuelle Erfahrung, ihre sexuelle Orientierung, die Zahl ihrer Partnerinnen und Partner und ihre sexuellen Praktiken befragt (Fragebögen und Anamnesegespräche). Die Daten wurden im Rahmen der PROBASE-Studie erhoben, die das Risiko für Prostatakrebs bei jungen Männern ermittelt und durch die Deutsche Krebshilfe finanziert wird. Bis 2020 sollen 50.000 Männer in die PROBASE-Studie aufgenommen werden. Ziel der PROBASE-Studie ist die Etablierung einer standardisierten, risikoadaptierten Prostatakrebs-Früherkennung, vergleichbar der Darmkrebs-Früherkennung. Letztlich soll sie zeigen, dass Männer, die das risikoadaptierte PSA-Screening im Alter von 50 Jahren beginnen, bis zum Alter von 60 Jahren nicht häufiger an fortgeschrittenem, bereits gestreutem Prostatakrebs erkranken, als Männer, bei denen eine vergleichbare Vorsorge bereits im Alter von 45 Jahren anfängt.

Hauptergebnisse

  • 95,1% der befragten Männer gaben an, heterosexuell zu  sein, 3,8% bezeichneten sich als homosexell und 1,1% als bisexuell.
  • Unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung machten die Männer ihre ersten sexuellen Erfahrungen im Alter von etwa 18 Jahren – mit Frauen. Erst im Durchschnitt zwei Jahre später hatten einige auch sexuelle Kontakte zu Männern und auch das unabhängig von ihrer in der Studie angegebenen Orientierung. 
  • Gefragt wurde auch nach der Art des Geschlechtsverkehrs, den die Männer in den letzten drei Monaten hatten. Der vaginale Sex lag bei heterosexuellen Männern deutlich auf Platz 1 (98 %), gefolgt von oralem Sex (knapp 60 %). Diese Form des Sexes wurde von homosexuellen Männern (91%) am häufigsten praktiziert, weitaus weniger häufig Analverkehr (64%). 
  • Jeder zehnte homosexuelle Mann gab an, in den letzten drei Monaten Geschlechtsverkehr mit Frauen gehabt zu haben. Ähnlichen Studien aus Australien, Belgien oder den USA hatten diese Abweichung von sexueller Orientierung und Sexualverhalten bisher nicht gefunden.
  • Bis zum 45. Lebensjahr hatte der Großteil (98%) der heterosexuellen Männer mit bis zu zehn unterschiedlichen Menschen Sex. Etwa ein Drittel der bisexuellen Männer und knapp die Hälfte der homosexuellen Männer waren sexuell deutlich aktiver: sie hatten mehr als 30 unterschiedliche Sexualpartner beziehungsweise -partnerinnen.
  • Im Alter von 45 waren über drei Viertel der heterosexuellen Männer zwischen fünf und zehn Jahren mit ihrer Partnerin zusammen, auch über die Hälfte der homo- und bisexuellen Männer war in einer festen und langjährigen Partnerschaft. Knapp 70 Prozent der heterosexuellen Männer waren verheiratet, 80 Prozent waren Vater geworden.
  • Auffällige Diskrepanzen zwischen der angegebenen sexuellen Orientierung und der gelebten Sexualität zeigten sich vor allem bei Homosexuellen.

Klinische Bedeutung

Die German Male Sex-Study (GMS-Study) wurde 2013 begonnen. Zusammen mit einer Kölner Studie aus dem Jahr 2000 ist sie nach Angaben der Autoren die einzige deutsche Studie, die sich in diesem Umfang mit der Sexualität des Mannes befasst. Aufgrund des Studiendesigns der GMS-Study, das ein Follow-up nach 15 Jahren vorsehe, sei es außerdem möglich, die Daten in Längsschnittstudien auszuwerten. So könnten mögliche Veränderungen in der Sexualität des Mannes im Verlauf erfasst werden. 

Ein auffälliger Befund der Studie ist die Diskrepanz zwischen sexueller Orientierung und Verhalten. „Wir haben eine Gruppe gefunden, die ihre Homosexualität zwar kennen, diese aber nicht ausleben, sondern ein rein heterosexuelles Leben führen und geführt haben - häufig mit Ehefrau und Kindern. Es gibt Hinweise darauf, dass eine solche Diskrepanz zu psychischen Problemen führen kann. Unsere Studie liefert wichtige Daten, um das Phänomen weiter zu erforschen.“, sagt Studienleiterin Prof. Kathleen Herkommer, Oberärztin in der Klinik für Urologie am TUM Universitätsklinikum. Herkommer ergänzt: „Andere Studien gaben bereits Hinweise, dass es diese Gruppe gibt. Wir konnten es jetzt erstmals wissenschaftlich beweisen.“ Betroffen waren davon 5,9 Prozent der homosexuellen Männer. 

Zu beachten ist bei der Interpretation der Daten, dass möglicherweise besonders gesundheitsbewusste Männer überrepräsentiert sind.

Finanzierung: Deutsche Forschungsgemeinschaft und Technische Universität München