Geringer sozioökonomischer Status auch ein kardiovaskulärer Risikofaktor


  • Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaften

Sozial benachteiligte Menschen haben eine verringerte Lebenserwartung. Einen wesentlichen Anteil daran haben soziale Unterschiede in der Inzidenz und Prävalenz von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Mögliche Erklärungen sind vor allem höhere psychosoziale Belastungen am Arbeitsplatz und ein für die Gesundheit riskanterer Lebensstil. Zudem sollten psychosoziale Belastungen außerhalb der Arbeitswelt und in geringerem Umfang verfügbare soziale und personale Ressourcen berücksichtigt werden.

Hintergrund

In den letzten 30 Jahren haben viele Studien gezeigt, dass auch in Deutschland, trotz des hohen allgemeinen Wohlstandes und der sozialen Sicherungssysteme, ein enger Zusammenhang zwischen sozialem Status und Gesundheit sowie Krankheiten besteht, etwa Herzkreislauf-Krankheiten. Privatdozent Dr. Thomas Lampert vom Robert Koch-Institut in Berlin hat die wissenschaftliche Literatur dazu ausgewertet und den Stand des Wissens in einem Übersichtsbeitrag dargestellt.

Soziale Stressoren spielen eine wesentliche Rolle

Die internationalen Studienergebnisse, auch aus Deutschland, sind laut Lampert eindeutig. Danach sei Armut auch in Deutschland ein Herz-Kreislauf-Risiko. So erleiden nach Angaben des Berliner Wissenschaftlers Menschen aus sozial benachteiligten Verhältnissen zwei- bis dreimal häufiger einen Herzinfarkt oder Schlaganfall als Menschen, die unter besseren Bedingungen leben. Trotz weitgehend gleicher Behandlung im Krankenhaus erholten sie sich schlechter. „So verkürzt ein Herzinfarkt das Leben der Betroffenen in ärmeren Bevölkerungsschichten um rund fünf Jahre. Patienten mit höherem Einkommen verlieren nur etwa dreieinhalb Jahre“, erläutert Thomas Lampert. Eine wesentliche Rolle in der Genese von Herzinfarkten und Schlaganfällen bei Menschen mit geringem sozioökonomischem Status spielen soziale Stressoren. Diese können auch schon im Kindes- und Jugendalter auftreten und langfristige Auswirkungen haben.

Die sozialen Unterschiede bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen können laut Lampert nur zum Teil auf verhaltensbezogene Risikofaktoren zurückgeführt werden. Ärmere Menschen rauchen in Deutschland zwar häufiger und sind eher übergewichtig. Außerdem ernähren sie sich ungesünder und bewegen sich weniger. Zum Teil sind sie am Arbeitsplatz auch ungesunden Belastungen ausgesetzt. Es gibt aber auch psychische Stressoren. Dazu zählen beispielsweise hohe Arbeitsanforderungen in Kombination mit geringer Selbstbestimmung. Aber auch „Gratifikationskrisen“ gehen mit einem erhöhten Infarkt-Risiko einher. Solche Krisen entstehen durch das empfundene Missverhältnis von persönlichem Engagement am Arbeitsplatz und dem gezahlten Lohn. Vielen ärmeren Menschen fehlt es zudem an sozialen Kontakten. Der Verlust des Partners oder des Arbeitsplatzes führten bei ihnen schneller zu Lebenskrisen. Außerdem gehen ärmere Menschen seltener zum Arzt und reagieren später auf gesundheitliche Beschwerden.

Klinische Bedeutung

Die Studien-Ergebnisse zum Zusammenhang zwischen sozioökonomischem Status, psychosozialen Stressoren und Herz-Kreislauf-Erkrankungen sprechen zum einen für verhaltensbezogene Ansätze zur Prävention, zum anderen für v erhältnisbezogene Ansätze, etwa sozial- und bildungspolitische Maßnahmen. Die Vorbeugung kardiovaskulärer Erkrankungen sollte bereits bei Kindern und Jugendlichen beginnen.