Gegen die Angst: Orale Immuntherapie reduziert Symptome schwerer Erdnussallergien deutlich


  • Dr. Nicola Siegmund-Schultze
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Eine orale Immuntherapie gegen Erdnussallergie, in der ansteigend Dosierungen eines Medikamentes aus Allergen gegeben werden, erhöht die Verträglichkeit von Erdnüssen bei Kindern und Jugendlichen deutlich und vermindert Symptome bei alltagsrelevanter Exposition. Die Patienten sind vermutlich nicht geheilt. Es wird aber erwartet, dass sich durch die Reduktion der Symptomatik auch die ständige Angst vermindert, unbeabsichtigt Erdnussbestandteile zu sich zu nehmen. Das sollte die Lebensqualität verbessern.

Hintergrund

Circa 0,5-1 % der Kinder und Jugendlichen in Deutschland haben eine Erdnussallergie, Tendenz steigend. Die Ausprägung der Erdnussallergie ist unterschiedlich stark. Grundsätzlich aber gehört die Erkrankung zu den schwersten Nahrungsmittelallergien überhaupt, da bereits kleinste Mengen des Allergens starke Reaktionen bis hin zum lebensbedrohlichen anaphylaktischen Schock auslösen können. Angst ist ein ständiger Begleiter von Patienten mit schwerer Erdnussallergie. Noch gibt es keine etablierte wirksame und sichere Behandlung. In einer großen, prospektiv randomisierten Studie mit mehr als 500 Patienten auch aus Deutschland ist eine orale Immuntherapie gegen Erdnussallergie geprüft worden.

Design

  • prospektiv randomisierte, doppelblinde placebokontrollierte Phase-3-Studie
  • teilnehmende Zentren: 66 Zentren in den USA und in 9 Ländern Europas inklusive Deutschland (Charité)
  • Probanden: 551 Patienten mit klinisch gesicherter und mit Hilfe von Laborparametern bestätigter Erdnussallergie (maximal vertragene Erdnussmenge: 10 mg)
  • Alter zu Studienbeginn: 496 Patienten 4-17 Jahre alt, 55 Patienten 18-55 Jahre alt
  • Randomisierung: 3:1 in eine Verum- und eine Placebogruppe
  • Art der Therapie: Eskalationsphase mit steigende Dosierungen eines oralen Immuntherapeutikums aus Erdnüssen (AR101), beginnend mit 0,5 mg/Tag und eskalierend in 2-Wochen-Schritten um jeweils 3 mg bis zu 300 mg pro Tag oder jeweils Scheinpäparat (24 Wochen)
  • Erhaltungsphase: weitere 24 Wochen nach Beendigung der Eskalationsphase mit 300 mg Verum täglich oder Placebo
  • primärer Endpunkt: Anteil der Probanden, die in einem Allergenprovokationstest ohne dosislimitierende Symptome mindestens 600 mg Erdnussallergen (Äquivalent von 2 Erdnüssen) zu sich nehmen konnten

Hauptergebnisse

Von den 496 Kindern und Jugendlichen konnten 67,2 % nach Verumbehandlung (250 von 372 Teilnehmern der Verumgruppe) mindestens 600 mg des Erdnussallergen-Präparats essen ohne dosislimitierende Krankheitszeichen, in der Placebogruppe waren es nur 4 %. Die Differenz von 63,2 % war mit einem p-Wert

Allerdings funktioniert die Behandlung nicht bei allen. 14 % der Teilnehmer in der Verumgruppe erhielten während der Behandlungsphase eine Notfallmedikation (Epinephrin), darunter ein Kind mit Anaphylaxie. Bei den erwachsenen Teilnehmern wurde keine signifikante Wirkung der oralen Immuntherapie gefunden.

Klinische Bedeutung

Bei Erdnussallergie ist die strikte Allergenvermeidung eine bekannte Option und oft die einzige. Spuren von Erdnüssen sind in vielen Nahrungsmitteln enthalten. Aufgrund der hohen Allergenität der Erdnuss besteht ständig das Risiko für schwere, auch anaphylaktische Reaktionen auf Lebensmittel. Der strikten Allergenvermeidung steht die Strategie einer langsamen oralen Hyposensibilisierung durch kontrollierte Aufnahme des Allergens gegenüber, beginnend mit geringsten Allergenmengen. Diese Strategie funktioniert, wie die Ergebnisse einer qualitativ hochwertigen Phase-3-Studie mit dem Medikament AR101 belegen. Die Ergebnisse wurden vor wenigen Tagen beim Kongress des American College of Allergy, Asthma & Immunology in Seattle vorgestellt und erzielten große Aufmerksamkeit: Die Behandlung könne Leben retten, auch wenn Patienten möglicherweise lebenslang bestimmte Restriktionen einhalten müssten. Das herstellende Unternehmen plant, eine Zulassung in den USA zu beantragen.