Gefährliche Altlasten der Weltkriege

  • Rechtsmedizin

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Fall der Woche
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Kernbotschaften

Der Erste und der Zweite Weltkrieg liegen schon lange zurück, die meisten Spuren und Altlasten sind beseitigt. Aber nicht alle - und damit auch nicht alle Gefahren. Eine noch immer reale Gefahr stellt etwa Phosphor aus Weltkriegsmunition dar, wie Professorin Johanna Preuß-Wössner und ihre Kollegen vom Institut für Rechtsmedizin des UKSH (Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Kiel) mit der Krankheitsgeschichte eines Kindes verdeutlichen.

Die Patientin und ihre Geschichte

Ein achtjähriges Mädchen sammelt den Autoren zufolge bei einem Spaziergang mit den Eltern an einem Binnengewässer in Schleswig-Holstein am Seeufer Steine und steckt diese in die Hosentasche. Plötzlich soll die Hose des Kindes gebrannt haben, woraufhin der Vater seine Tochter zum Löschen in den See gehalten und ihr die Hose ausgezogen habe. Das Mädchen wird mit Verbrennungen in die Universitätskinderklinik nach Lübeck gebracht und dort auch von Rechtsmedizinern untersucht, da eine Misshandlung nicht sicher genug ausgeschlossen werden kann. 

Die Befunde

Verbrennungen 2. und 3. Grades an beiden Oberschenkelvorderseiten. Betroffen waren etwa vier Prozent der Körperoberfläche. Auffällig war den Rechtsmedizinern zufolge, dass sich „trotz relativ lokaler Begrenzung schwerste, tiefreichende Verbrennungen überwiegend 3. Grades zeigten“. Aufgrund der Vorgeschichte und des Hautbefunds wurde der Verdacht auf Verbrennungen durch Phosphor geäußert. 

Diskussion und Erklärungen

Das Beispiel erinnert daran, dass unzureichend entsorgte Weltkriegsmunition noch heute, mehr als 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges, eine latente Bedrohung darstellt. Die Gefahr von Unfällen durch explodierende Munition ist bekannt. Von den Altlasten der Weltkriege gehen aber noch weitere Gefahren aus: So kann durch die Zersetzung von Munition, etwa von Bomben, im Wasser weißer Phosphor freigesetzt werden, der für die Herstellung von Brandbomben und Handgranaten verwendet wurde. Der oft farblos-durchsichtige bis leicht gelbliche Phosphor sei im Wasser praktisch unlöslich, erklären die Rechtsmediziner. Besonders gefährlich sei weißer Phosphor, weil er äußerst reaktionsfreudig sei und sich bei Zimmertemperatur an der Luft spontan entzünden könne. Bei der Verbrennung entstünden dann Temperaturen bis an die 1300°C (Wohnungsbrand: 500–1000 °C). Preuß-Wössner und ihre Mitautoren vermuten, dass der Phosphor, mit dem das Mädchen Kontakt hatte, aus im See entsorgten Handgranaten stammte.

Besonders betroffen von solchen Altlasten des Krieges seien die Küsten Mecklenburg-Vorpommerns und auch Schleswig-Holsteins, „wo gerade nach Sturmwetterlagen aus im Meer liegender Munition weißer Phosphor austritt und an die Strände gespült werden kann“, erläutern die Autoren. Zum Teil handele es sich am ehesten um Blindgänger bzw. Fehlwürfe von Bomben. Entsorgt wurde Munition allerdings nicht allein in der Nord- und in der Ostsee, sondern auch in Binnengewässern. Die Gefahr gehe im Wesentlichen davon aus, dass der weiße Phosphor aufgrund seiner Farbgebung mit Bernstein verwechselt werden könne und daher von Kindern und auch Erwachsenen gern aufgesammelt werde. In die Hosentasche gesteckt und hier getrocknet könne es zur spontanen Selbstentzündung kommen. Dabei entstünden aufgrund der hohem Temperaturen „umgehend schwerste Verbrennungen, gehäuft 3. Grades“. Entzünde sich weißer Phosphor, sollte dies nicht mit Wasser gelöscht, sondern mit Sand erstickt werden, da ansonsten ein erhöhtes Risiko zur erneuten Selbstentflammung bestehe.

Weißer Phosphor ist außerdem hochgiftig. Orale Vergiftungen durch Phosphor spielten heutzutage jedoch keine Rolle mehr, berichten die Rechtsmediziner. Als Gegengift bei einer akuten oralen Phosphorvergiftung könne z. B. eine sehr verdünnte Kupfersulfatlösung eingesetzt werden, die Phosphor als Kupferphosphid binde und als Brechmittel wirke.