Gabapentin fördert Abstinenz bei Alkoholismus mit schweren Entzugssymptomen

  • JAMA Internal Medicine

  • von Michael Simm
  • Studien – kurz & knapp
Der Zugang zum gesamten Inhalt dieser Seite ist nur Angehörigen medizinischer Fachkreise vorbehalten. Der Zugang zum gesamten Inhalt dieser Seite ist nur Angehörigen medizinischer Fachkreise vorbehalten.

Kernbotschaft

Von den Patienten mit Alkoholmissbrauch profitieren die mit schwerer Entzugssymptomatik am stärksten von dem Antikonvulsivum Gabapentin, zeigt eine kleine Studie aus den USA.

Hintergrund

Nur wenige Alkoholabhängige erhalten eine angemessene Pharmakotherapie, schreiben die Autoren der aktuellen Studie. Ihre Hypothese lautet, dass eine stärker individualisierte, Symptom-spezifische Vorgehensweise sowohl die Wirksamkeit als auch die Akzeptanz dieser Therapien verbessern könnte.

Design

Die Fragestellung war, ob das Antikonvulsivum Gabapentin in einer Dosierung von bis zu 1200 mg / Tag bei der Therapie des Alkoholmissbrauchs nützlich sein würde – insbesondere bei jenen Patienten mit den meisten Entzugssymptomen. Dazu wurden in dieser doppel-blinden, Placebo-kontrollierten, randomisierten Studie 96 Individuen mit kürzlich aufgetretenen Entzugssymptomen in der Öffentlichkeit rekrutiert und nach 3 Tagen Abstinenz über 16 Wochen bei 9 Sitzungen von je 20 Minuten Dauer in ambulanten Einrichtungen behandelt. Gemessen wurde der Anteil der Studienteilnehmer ohne schweren Alkoholkonsum und mit totaler Abstinenz, außerdem das Ausmaß von Entzugssymptomen im Vergleich zu vor dem Studienbeginn.

Ergebnisse

  • 90 der 96 Studienteilnehmer konnten evaluiert werden. Sie waren zu 77 % männlich und durchschnittlich 49,6 Jahre alt. Zu Studienbeginn konsumierten sie an 83 % der Tage mehr als 4 (Frauen) bzw. 5 (Männer) Drinks pro Tag und hatten durchschnittlich 4,5 Entzugssymptome, wie sie in der 5. Ausgabe des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders definiert sind.
  • 27 % der Teilnehmer unter Gabapentin (12 von 44), und 9 % unter Placebo (4 von 46) erreichten das Ziel, an keinem Tag mehr heftig zu trinken. Die Differenz von 18,6 Prozentpunkten hatte ein 95%-Konfidenzintervall von 3,1 – 34,1 und war statistisch signifikant (P = 0,02). Die Zahl der Patienten, die behandelt werden mussten, um einen Erfolg zu erzielen (number needed to treat, NNT) war 5,4.
  • Vollständige Abstinenz erreichten 18 % (8 von 44) der Patienten mit Gabapentin gegenüber 4 %  (2 von 46) unter Placebo. Auch hier war die Differenz von 13,8 Prozentpunkten signifikant (P = 0,04). Die NNT betrug 6,2.
  • Während Patienten mit (vor Studienbeginn) schwerer Entzugssymptomatik sowohl bezüglich der Tage mit heftigem Alkoholkonsum als auch totaler Abstinenz profitierten (P
  • Mehr Patienten unter Gabapentin beklagten sich über leichten bis moderaten Schwindel (25 gegenüber 15 mit Placebo); dies hatte jedoch keinen Einfluss auf die Wirksamkeit der Arznei.

Bedeutung

Wie mit anderen Medikamenten wurde auch in dieser Studie nur bei einem kleinen Anteil der Patienten eine Abstinenz erreicht, zudem war die Studiendauer mit 16 Wochen sehr kurz. Die Unterschiede zu Placebo waren aber signifikant, und die NNT niedrig. Dies spricht dafür, dass Gabapentin die Abstinenz fördern und den Alkoholkonsum reduzieren kann - und zwar insbesondere bei Individuen mit starker Entzugssymptomatik.

Finanzierung: National Institute on Alcohol Abuse and Alcoholism.