Führen Integrase-Inhibitoren vermehrt zu ZNS-Nebenwirkungen?


  • Dr. Stefanie Reinberger
  • Medizinische Nachrichten
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Kernaussage

  • Neuropsychiatrische Nebenwirkungen (neuropsychiatric adverse events, NPAE) unter Einnahme des Integrase-Inhibitors Dolutegravir treten vermutlich häufiger auf als bislang gedacht.
  • Diese Nebenwirkungen sollte ernst genommen, aber nicht dramatisiert werden.

Hintergrund

Der Integrase-Inhibitor Dolutegravir ist ein hochpotenter Wirkstoffe zur HIV-Therapie. Er gilt zudem als gut verträglich. Unter der Einnahme von Dolutegravir können jedoch NPAE auftreten, die zum Teil sehr unspezifisch sind: Schlafstörungen, das Gefühl „vernebelt“ zu sein, Reizbarkeit, der Eindruck unter Strom zu stehen. Allerdings leiden HIV-positive Menschen häufiger unter psychiatrischen Störungen und Symptomen als die Allgemeinbevölkerung. Wie lässt sich das auseinander halten? Und wie ernst sind NPAE unter Dolutegravir zu nehmen? Christian Hoffmann, Internist, Hämatoonkologe und Infektiologe zieht Bilanz aus Literatur und Praxis.

Hauptergebnisse

  • Die Inzidenzraten schwanken stark: Während in sieben randomisierten Studien mit insgesamt 2.117 therapienaiven Patienten die NPAE-bedingte Abbruchsrate deutlich unter 1% lag, berichteten niederländische Forscher 20014 dass in einem Amsterdamer Krankenhaus von 388 Patienten 16% die Dolutegravir-Behandlung innehalb weniger Monate aufgrund von NPAE abgebrochen hatten.

  • Die durchschnittliche Abbruchrate liegt bei 3,5%.

  • NPAE, die nicht zu einem Therapie-Abbruch führen, waren auch in randomisierten klinischen Studien keine Seltenheit. In den Studien SPRING-2 und SINGLE betrug die Rate der Schlafstörungen 5% und 23%, die von Schwindel 6% bzw. 9%.

  • Von 985 in Deutschland behandelten Patienten hatten 5,6% die Therapie mit Dolutegravir im ersten Jahr aufgrund von NPAE abgebrochen. Vor allem Frauen und Ältere, beide in Zulassungsstudien chronisch unterrepräsentiert, waren häufiger betroffen.

  • Die Inzidenz ist für weibliche und ältere Patienten möglicherweise erhöht.

  • Bislang gibt es keine Belege dafür, dass das Risiko bei psychiatrischer Komorbidität erhöht ist. In einer Untersuchung von 861 Hamburger Patienten konnten bei vorbestehenden Depressionen oder anderen neuropsychiatrischen Diagnosen keine erhöhten Abbruchraten festgestellt werden.

  • Es ist derzeit unklar, ob genetische Polymorphismen das Risiko für NPAE erhöhen.

  • NPAE treten auch unter anderen Integrase-Inhinbitoren auf. Die zugrundeliegenden Mechanismen sind nicht geklärt.

Klinische Bedeutung

Um die Bedeutung von NPAE unter einer Therapie mit Integrase-Inhibitoren besser beurteilen zu können, werden mehr Daten aus Kohorten-Studien benötigt. Nach Auffassung von Christian Hoffmann sollten die NPAE ernst genommen, aber nicht dramatisiert werden. Zwar sind die NPAE mild und reversibel, doch um Patienten längerfristig mit diesen Medikamenten zu behandeln, wäre es wichtig, diese Nebenwirkungen und ihre Mechanismen näher zu erforschen.