Fußball, Kopfball, chronische Hirnschäden?

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Wissenschaftler vermuten seit mehreren Jahren schon einen Zusammenhang zwischen wiederholten symptomatischen und asymptomatischen „Gehirnerschütterungen“ („concusssions“ und „subconcussions“) und einer chronisch-progredienten Hirnerkrankung. Chronisch-traumatische Enzephalopathie (CTE) heißt heute diese Krankheit, die mit neurologischen sowie psychischen Symptomen einhergeht, etwa Gedächtnisstörungen und Depressionen. Morphologisch fallen Läsionen der weißen Substanz auf, regionale Perfusionsstörungen und vor allem Ablagerungen von abnormem und hyperphosphoryliertem Tau-Protein. Die CTE wird daher zu den Tauopathien gezählt. 

Das Thema Sport und chronische Hirnschäden ist, wie bereits bemerkt, nicht neu. Die Fachzeitschrift „Clinics in Sports Medicine“ hat ihm 2011 ein ganzes Heft gewidmet. Und schon 1928 beschrieb der Pathologe Harrison S. Martland zentrale neurologische Störungen wie Gedächtnisverlust und Parkinsonismus bei Boxern als „punch drunk“; 1937 wurde der Begriff der „Dementia pugilistica“ eingeführt.

Autopsie-Studie: weitere Hinweise auf erhöhtes CTE-Risiko 

Eine aktuelle Studie, die in den vergangenen Tagen für einige mediale Aufmerksamkeit gesorgt hat, stützt nun das pathogenetische Konzept der CTE. US-Forscher um die Neurologin und Neuropathologin Professor Ann McKee (CTE-Center, Boston University) untersuchten die Gehirne von 202 gestorbenen ehemaligen American-Football-Spielern. Die Männer waren im Mittel 66 Jahre alt geworden. Im Durchschnitt waren sie 15 Jahre lang aktive Football-Spieler. Ihre Gehirne hatten sie dem Forschungs-Zentrum gespendet. Bei 177 (87 Prozent; Durchschnittsalter 67) ) von ihnen wurde eine CTE diagnostiziert,von den 111 ehemaligen Spielern der US-amerikanischen Profiliga (NFL: National Football League) waren sogar 110 betroffen. Ann McKee, die seit mehreren Jahren schon die CTE erforscht, schlussfolgerte aus den Ergebnissen, dass die bei den Ex-Spielern diagnostizierte chronisch-traumatische Enzephalopathie wahrscheinlich eine Folge der beim American Football häufigen „Concussions“ sei. Allerdings ist die untersuchte Population nicht repräsentativ; es handelt sich um eine hoch-selektive Population. Eine Aussage über die wirkliche Prävalenz der CTE bei American-Football-Spielern und vor allem über ihr CTE-Risiko lässt die Autopsie-Studie nicht zu. Außerdem sind die neuropathologischen Befunde, etwa die Tau-Ablagerungen, nicht spezifisch für die CTE. Möglicherweise wird das CTE-Risiko beim American Football heute überschätzt, nachdem es die Jahre davor unterschätzt und sogar geleugnet wurde. 

Fußball-Spieler auch gefährdet?

Wie riskant für das Gehirn ist nun aber die „Kontaktsport-Art“ Fußball oder Soccer, die mit über 260 Millionen Spielern weltweit sehr viel stärker verbreitet ist als American Football? Einige Studien haben in den letzten Jahren Hinweise auf zerebrale Störungen, morphologische und klinische, bei Fußball-Spielern ergeben. So hat etwa 2012 eine Untersuchung von professionellen, im Mittel knapp 20 Jahre alten Fußball-Spielern ohne Gehirn-Erschütterung in der Anamnese  kernspintomografische Befunde geliefert, wie sie auch bei leichten Schädel-Hirntraumen erhoben werden. Insgesamt könnten die MRT-Befunde (Diffusionstensor-Magnetresonanztomographie) als Hinweise auf eine mögliche Demyelinisierung gedeutet werden. Die Autoren um Professorin Inga Katharina Koerte von der Ludwig-Maximilians-Universität München betonten allerdings, dass die Ätiologie der bei den Fußballern erhobenen zerebralen Befunde unklar sei. 

Eine 2015 publizierte Studie, ebenfalls von Inga K. Koerte, ergab dann bei ehemaligen Fußball-Profis (Durchschnittsalter 52 Jahre) magnetresonanz-spektroskopisch Zusammenhänge zwischen wiederholten Kopfstößen im Subcommotions-Bereich (RSHI: repetitive subconcussive head impacts) und zerebralen Entzündungsmarkern; der Hirnstoffwechsel der Fußballer also Anzeichen einer leichtgradigen chronischen Entzündung gezeigt; möglicherweise, so die Koerte und ihre Mitautoren, beeinträchtigten RSHI die „Neurochemie“ des Gehirns und gingen kognitiven Veränderungen voraus.

Eine weitere Untersuchung von ehemaligen Fußball-Profis (Durchschnittsalter knapp 50) lieferte schließlich Zusammenhänge zwischen einer Abnahme der Cortex-Dicke, verminderten kognitiven Fähigkeiten und RSHI. Ebenfalls wenig erfreuliche Ergebnisse hatte eine vor wenigen Monaten publizierte Studie, in der Inga K. Koerte und ihre Kollegen bei jugendlichen Fußball-Spielern Hinweise auf einen möglichen Einfluss wiederholter Kopfstöße auf kognitive Fähigkeiten fanden.

Mangel an guten Studien

Die Studien-Lage ist allerdings nicht so eindeutig wie möglicherweise vermutet. Der US-Wissenschaftler Professor Anthony P. Kontos (Universität von Pittsburgh) und seine Mitautoren haben daher für eine Metaanalyse die Fachliteratur nach relevanten Studien durchsucht; insgesamt fanden sie 28 geeignete Studien mit insgesamt 2288 Teilnehmern (933 Frauen und 1355 Männer) im Alter von 13 bis 70 Jahren. Die Auswertung ergab keine Belege für schädliche zerebrale Effekte, insbesondere auf die kognitiven Fähigkeiten. Ihre Resultate stimmten im Großen und Ganzen mit den Ergebnissen einer systematischen Daten-Auswertung von Dr. Monica E. Maher (Universität von Toronto) und ihren Kollegen überein, schreiben Kantos und seine Mitautoren. Es sei demnach voreilig, generell Einschränkungen für das Kopfball-Spiel zu empfehlen oder einzuführen. Allerdings gebe es Hinweise, dass Profi-Fußballer gefährdet seien. Denn selbstverständlich kommt es auf die kumulative Häufigkeit und die Schwere der gewollten Kopf-Ball- und ungewollten Kopf-Kopf-Kontakte an. Häufigkeit und Schwere dürften bei Profi-Kickern sicher größer sein als bei Freizeit-Kickern. Aber selbst bei der Hochrisiko-Population der professionellen Balltreter seien die Belege recht dürftig, viele Studien qualitativ unzureichend. Insgesamt  seien noch viele Fragen wissenschaftlich zu klären, betonen daher auch Dr. Geoff Manley (University of California San Francisco) und seine Kollegen, die 47 Studien zu den möglichen Langzeit-Effekten von Gehirnerschütterungen (Concussions) beim Sport ausgewertet haben. Ihr Fazit: Multiple Gehirnerschütterungen scheinen bei manchen Sportlern ein Risikofaktor für kognitive und psychische Störungen zu sein. Die meisten Studien seien allerdings von minderer Qualität. Anders formuliert: Es muss weiter geforscht werden. Wer jedoch schon jetzt auf der sicheren Seite sein will, etwa als Vater, Mutter oder Trainer fußballbegeisterter Kinder, muss diesen eben raten, den Ball ausschließlich mit den Füßen zu spielen und auf eine allzu aggressive Spielweise zu verzichten.