FSME: Infizierte Rohmilch birgt hohes Erkrankungsrisiko


  • Andrea Hertlein
  • Medizinische Nachrichten
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Kernaussagen:

  • Das Krankheits-Risiko nach dem Genuss von FSME-infizierter Rohmilch ist um das Dreifache höher, als nach dem Biss von infizierten Zecken.
  • Wer Rohmilch-Produkte in einem Risikogebiet für FSME zu sich nimmt, sollte unbedingt gegen FSME geimpft sein.
  • FSME-Impfstoffe haben eine nahezu 100–prozentige Wirkung, Komplikationen sind mit 1,5 Fällen bei einer Million Impfungen extrem selten.

Fehlender Impfschutz, aber auch Umweltfaktoren und Freizeitverhalten begünstigen die Ausbreitung der Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME). So wurden im vergangenen Jahr nach Angaben des Robert Koch-Instituts bei nahezu 500 Menschen in Deutschland eine durch Zeckenbisse übertragenen FSME-Erkrankung diagnostiziert. 2016 waren es etwa 350 Fälle. Doch nicht nur Zecken verbreiten das Virus. Auch über Rohmilch von infizierten Weidetieren oder daraus hergestellten unerhitzten Milcherzeugnissen wie Frischkäse könne FSME auf den Menschen übertragen werden, heißt es in einer Pressemitteilung der Universität Hohenheim anlässlich des vierten Süddeutschen Zeckenkongresses.

Dieser Infektionsweg wurde in der Vergangenheit bereits häufiger für Länder des Baltikums beschrieben. In Deutschland trat der erste FSME-Fall durch infizierte Rohmilch im Sommer 2016 auf. Im vergangenen Jahr erkrankten hierzulande weitere acht Personen nach dem Verzehr von Ziegen-Rohmilch. Selten aber fatal: „Denn das Risiko an FSME durch infizierte Rohmilch zu erkranken ist besonders hoch“, betonte Prof. Dr. Mackenstedt, Parasitologin an der Universität Hohenheim. Von 100 Personen, die von infizierten Zecken gebissen werden, breche die Krankheit bei 30 Personen aus. Bei infizierter Rohmilch liege der Krankheitsausbruch bei 100 von 100 Personen. 

Grund für das dreifach erhöhte Krankheitsrisiko sei, dass offensichtlich mehr Virusmaterial durch das infizierte Weidetier in die Milch gelangt, als durch den Stich einer FSME-positiven Zecke in die Blutbahn des Menschen. „Glücklicherweise ist die sogenannte alimentäre FSME durch die Pasteurisierung der Milch heute eher eine Randerscheinung“, so Prof. Mackenstedt. Auch das Robert Koch-Institut stuft die FSME-Gefahr durch infizierte Rohmilch als eher gering ein. Allerdings erfreut sich der Verkauf von  Rohmilchprodukten direkt beim Bauern wachsender Beliebtheit. Deshalb sind sich die Experten auf dem Süddeutschen Zeckenkongress einig: „Wer Rohmilchprodukte in einem Risikogebiet für FSME zu sich nimmt, muss gegen FSME geimpft sein.“

Den zuverlässigsten Schutz – auch vor den Erregern in der Nahrung - bietet nach wie vor nur die Impfung. Auch vor dem Hintergrund, dass eine spezifische antivirale Therapie bei einer Infektion mit dem FSME-Virus nicht zur Verfügung steht. Außerdem seien die Impfstoffe mit einer nahezu 100-prozentigen Wirkung sehr effektiv, unterstrich Privatdozent Dr. Dobler, Leiter der Abteilung für Virologie am Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr in München. Auch Komplikationen treten mit 1,5 Fällen bei einer Million Impfungen extrem selten auf. Trotzdem sei die Impfbereitschaft in Deutschland mit nur etwa 20 Prozent sehr gering. In Österreich haben dagegen mehr als 80 Prozent der Bevölkerung einen Impfschutz gegen FSME.

Privatdozent Dr. Dobler warnte davor, die Krankheit nicht zu unterschätzen: „Zu den schweren Krankheitsverläufen gehören Lähmungen, Koma, Krampfanfälle, Defektheilungen und vereinzelt auch Todesfälle.“ Davon seien Erwachsene und Kinder gleichermaßen betroffen.