Früher Arbeitsplatzverlust eine auch langfristige Gefahr für die Gesundheit


  • Dr. med. Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaften

Der unfreiwillige Verlust des Arbeitsplatzes in einer frühen Phase des Berufslebens kann die Gesundheit auch langfristig beeinträchtigen. 

Hintergrund

Die Öl-Konzerne Chevron, Exxon, BP, Shell und Total haben 2018 zusammen 80 Milliarden US-Dollar verdient. „Das Geheimnis dieser wundersamen Gewinnsteigerung“ sei der Mensch, „genauer gesagt, der wegrationalisierte Mensch“, schreibt der Wirtschaft sjournalist Gabor Steingart in seinem „Morning Briefing“.  In vier Jahren hätten die Konzerne rund 400.000 Mitarbeiter verabschiedet. Die technologische Revolution marschiere. Die gute Nachricht: Sie töte keine Menschen. Die schlechte: nur Jobs. Diese Aussage ist allerdings nicht ganz korrekt. Denn zahlreiche Studien legen nahe, dass Arbeitsplatzverluste und Arbeitslosigkeit der Gesundheit schaden können. So können die Betroffenen unter Zukunftsängsten, Depressivität und auch Alkoholmissbrauch leiden. Doch hat der Verlust des Arbeitsplatzes auch dann noch Auswirkungen auf die Gesundheit, wenn er schon Jahrzehnte zurückliegt und gegebenenfalls anschließend weitere Anstellungen folgten? Dieser Frage sind Jonas Voßemer und Prof. Dr. Michael Gebel von der Universität Bamberg in einer Studie nachgegangen. 

Design

Für ihre Studie verwendeten die Forscher Daten der SHARELIFE Erhebung, der dritten Welle des Survey of Health, Ageing and Retirement in Europe (SHARE). Bei dieser länderübergreifenden Studie wurden rund 28.000 über 50-jährige Europäer rückwirkend zu ihrem sozialen und familiären Netzwerk, ihrer Gesundheit und ihrem sozioökonomischen Status über ihren gesamten Lebenslauf befragt. Die Studienteilnehmer stammen aus 14 europäischen Ländern, darunter etwa Irland, Polen, Frankreich und auch Deutschland. Wie die Bamberger Wissenschaftler betonen, wurde bei der Auswahl der Teilnehmer und der Auswertung der Daten besonders auf Störfaktoren geachtet. So wurden zum Beispiel Personen ausgeschlossen, die ihren Arbeitsplatz aufgrund einer Krankheit oder einer Behinderung verloren hatten. 

Hauptergebnisse

Personen, die ihren Arbeitsplatz in den ersten zehn Jahren ihres Berufslebens unfreiwillig verloren, gaben mit einer im Mittel sechs Prozentpunkte höheren Wahrscheinlichkeit an, einen mittelmäßigen oder schlechten Gesundheitszustand zu haben. Als Vergleichsgruppe dienten Personen, die in dieser Phase keinen Arbeitsplatzverlust erfuhren, aber ansonsten vergleichbare Eigenschaften hatten. 

Die Forscher konnten außerdem zeigen, dass dies sowohl für Arbeitnehmer gilt, die entlassen wurden, als auch für diejenigen, deren Betrieb schloss. Das spricht dafür, dass der Einfluss von Störfaktoren in den Analysen vermieden werden konnte. Denn bei einer Schließung sind alle Arbeitnehmer betroffen, sodass es weniger wahrscheinlich ist, dass der Arbeitsplatzverlust auf persönliche Merkmale der Arbeitnehmer zurückzuführen ist, die auch deren Gesundheit beeinflussen. 

Schlussfolgerungen

Welche Schlussfolgerung lassen die Ergebnisse zu? Voßemer: „Im Einklang mit früheren Studien zeigen wir, dass Arbeitsplatzverluste und Arbeitslosigkeit nicht nur finanzielle Konsequenzen haben. Unsere Studie deutet außerdem daraufhin, dass diese Folgen lange weiterbestehen können.“

Diese Ergebnisse, falls sie in weiterer Forschung bestätigt werden, legen nahe, dass Politiker, Ökonomen und auch Juristen (Arbeitsrecht) in ihrer Abschätzung der Kosten von Arbeitsplatzverlusten und Arbeitslosigkeit sowohl die gesundheitlichen Folgen als auch deren Dauerhaftigkeit berücksichtigen sollten.

Finanzierung: Die Studie ist Teil des internationalen und interdisziplinären EU-Projektes EXCEPT (Social Exclusion of Youth in Europe: Cumulative Disadvantage, Coping Strategies, Effective Policies and Transfer), das von der Europäischen Union mit rund 2,4 Millionen Euro gefördert wurde.