Frauen sind gleich, Männer aber gleicher: auch in der Forschung zu Herzfehlern

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  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaften

In Deutschland studieren weit mehr Frauen als Männer Humanmedizin. Über die Hälfte der Doktoranden sind Frauen. In der Medizinforschung, auf Professorenstellen und in Chefarztpositionen jedoch bleiben sie rar. Nur ein Beispiel für dieses sogenannte Gender-Gap ist die Situation in der Forschung zu angeborenen Herzfehlern, wie aktuelle Daten des Kompetenznetzes Angeborene Herzfehler zeigen. Insbesondere Deutschland hat offenbar noch erhebliches Optimierungspotenzial.

Ernüchterndes Ergebnis

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vom Kompetenznetz Angeborene Herzfehler haben über 35.000 Fachpublikationen aus den Jahren 2006 bis 2015 ausgewertet, um die Geschlechterverteilung auf dem Forschungsgebiet der angeborenen Herzfehler zu ermitteln. Das Ergebnis ist einer Mitteilung zufolge für Deutschland besonders ernüchternd: Weltweit stellen Frauen gerade einmal 30 Prozent aller Erstautoren und knapp 21 Prozent aller Seniorautoren; in Deutschland beträgt der Anteil bei den Erstautoren sogar nur 22 Prozent, bei den Seniorautoren nur etwas mehr als 12 Prozent. Damit rangiert Deutschland im unteren Drittel von insgesamt 66 Ländern. 

„Wissenschaftlerinnen sind in der Forschung unterrepräsentiert. Das Dilemma ist seit vielen Jahren bekannt. Das aktuelle Ausmaß der Geschlechterungleichheit in unserem Fachgebiet hat uns aber überrascht. Gerade auf einem Forschungsgebiet wie dem der angeborenen Herzfehler muss so ein Ergebnis alarmieren. In solchen dynamisch wachsenden Pionierbereichen wird händeringend nach begabtem Nachwuchs gesucht“, so Professor Dr. Dr. Paul-Gerhard Diller,vom Universitätsklinikum Münster und Seniorautor der Gender-Studie.

Kleiner Anstieg, große Unterschiede

Insgesamt nur 25 Prozent der Gesamtheit der Autoren aller untersuchten Fachpublikationen waren Frauen. Zwar ist der Anteil der Erstautorinnen im gesamten Untersuchungszeitraum weltweit um 0,8 Prozent gestiegen, auch gab es bei den Seniorautorinnen mit fast 0,6 Prozent einen leichten Zuwachs. Zugleich ergab die Studie jedoch, dass die Entwicklung in den einzelnen Regionen sehr unterschiedlich und teilweise sogar rückläufig ist, wie die Kardiologin und Studienautorin Dr. Margarita Brida einschränkt: „Während Nordamerika, Nord-. West-, und Südeuropa einen Anstieg des Anteils der weiblichen Autorenschaft aufweisen, verzeichnen Osteuropa und Westasien einen tatsächlichen Rückgang.“ Zum Anstieg tragen zudem einzelne Regionen, nicht aber alle ihre Länder bei. So schert Deutschland aus der Gruppe der westeuropäischen Länder deutlich nach unten aus. 

Erstautorinnen und gemischte Teams erzielen bessere Ergebnisse 

Was das in der Konsequenz bedeutet? Auch dafür liefern die Ergebnisse der von der EMAH Stiftung Karla Völlm geförderten Studie interessante Anhaltspunkte: Publikationen mit einer Erstautorin erzielten einen höheren durchschnittlichen Impact-Faktor und wurden häufiger zitiert als solche mit einem männlichen Erstautor. Ähnlich überlegen zeigten sich Publikationen mit einem gemischten Autorenpanel. Sie wiesen einen höheren medianen Impact-Faktor und mehr Zitationen auf als Publikationen homogener Autorenpanel. 

Deutschland hinkt hinterher

Die Studienergebnisse zeigen auch, dass der Forschungsstandort Deutschland bei der akademischen Produktion weit hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibe. Bei der Zahl der Publikationen zu Forschungsergebnissen auf dem Gebiet der angeborenen Herzfehler rangiert Deutschland auf dem sechsten Platz hinter den USA, Japan, China, Großbritannien und Italien. Bei den tonangebenden Publikationen belegt Deutschland den dritten Platz hinter den USA und Großbritannien.

Männer bevorzugt

Außerdem würden Gremien im Wissenschaftsbetrieb nach wie vor von Männern dominiert,  heißt es in der Mitteilung. So seien bei von den Fachverlagen angeforderten Publikationen wie Vorworten, Fallberichten oder Leitlinien Frauen deutlich seltener vertreten als bei der originären Forschung. Die Autoren der Studie schließen daraus, dass die bestehenden informellen Netzwerke nach wie vor männliche Autoren bevorzugten.