Franz Kafka, sein Vater und die Gedächtnisforschung - Teil III

  • Dr. Angela Speth
  • Medizinische Nachrichten
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Der Zusammenhang zwischen Misshandlung in der Kindheit und Depressionen, Ängsten oder Schamgefühlen in späteren Jahren ist nach Angaben der Neurowissenschaftler Elisabete Castelon Konkiewitz (Universität Dourados in Brasilien) und Edward B. Ziff (New York University School of Medicine) sicher nachgewiesen. Eine Bemerkung Kafkas im Brief unterstreicht diesen Befund: „ … von jemandem [schrieb ich] einmal richtig: ,Er fürchtet, die Scham werde ihn noch überleben‘ … “ Er meint den letzten Satz im Proceß.

Gedemütigte Menschen verallgemeinern negative Erfahrungen und lasten sie ihren Charakterschwächen an, positive Ereignisse dagegen sehen sie als Ausnahmen und durch Fremdeinflüsse ausgelöst. Ebenso Kafka: Gehorchte er des Vaters Befehlen, war das „eine Schande, denn sie galten ja nur für mich … “.

„Dass psychoanalytische Lektüre auf den Brief eingewirkt hat, ist offenkundig“, konstatiert Kafkas Biograph Stach. Kafka kannte Freuds Werke, auch hörte er mindestens eine Vorlesung über Psychologie. Weiterhin las er pädagogische Schriften, die einen Verzicht auf elterliche Gewalt in der Erziehung propagierten: „Für Kafka eine Utopie, die das genaue Gegenteil jener kleinbürgerlichen ödipal aufgeheizten Familienhölle war, die sein Brief so erbarmungslos ausleuchtet“, stellt Stach fest.

Sind Erinnerungen verlässlich oder fiktiv?

Bei jedem Bericht eines Erwachsenen über Missbrauch in der Kindheit stellt sich die Frage nach der Wahrhaftigkeit. Kafka habe die Geschehnisse sicher nicht verfälscht, denn dann gäbe er sich ja eine Blöße für den Hohn des Vaters, so Konkiewitz und Ziff. Vielmehr habe er sich alle Argumente sorgfältig überlegt und vorher sogar seine Tagebuchnotizen noch einmal gelesen.

Dennoch hat die Neurowissenschaft mittlerweile nachgewiesen, dass unser Gedächtnis ständig aussondert und umformt. Schon beim Speichern von Erinnerungen wird der Inhalt individuell festgelegt. Dabei fügt das Gehirn Wahrnehmungen, die ja ihrerseits bereits Interpretationen darstellen, aus verschiedenen Quellen zu einer Einheit zusammen.

Ebenso werden die begleitenden Emotionen subjektiv aus einem breiten Spektrum von Reizen extrahiert. Was ein Erwachsener lediglich für einen schlechten Scherz hält, kann ein Kind als äußerst bedrohlich empfinden. Selbst wenn es als Erwachsener die Perspektive auf das Geschehene erweitert, den Kontext und die Motive des Anderen besser versteht, löst die Erinnerung die gleichen schlechten Gefühle aus wie damals.

Das Konzept des trügerischen Gedächtnisses

Ihre Autobiografie setzen Menschen der Gedächtnispsychologie zufolge so zusammen, dass sie ein kohärentes Bild von sich selbst und ihren sozialen Beziehungen erhalten. Erinnerungen als wechselhafte und unvollständige Konstruktionen sind also keineswegs mit dem ursprünglichen Ereignis identisch, denn jedes Mal lösen sie das sogenannte Abruf-induzierte Vergessen aus. Die Proteine der vorherigen Gehirnspur zerfallen, worauf sie in einem neuroplastischen Prozess, der Rekonsolidierung, durch eine aktualisierte Variante ersetzt wird – wie wenn man eine alte Karteikarte wegwirft und eine neue anlegt. Daher sind oft reaktivierte Erinnerungen am ehesten mit neuen Informationen – etwa Fragmenten aus anderen Erinnerungen - angereichert und damit umso fehlerhafter, ein Phänomen, das „false memory“, trügerisches Gedächtnis genannt wird. Autobiografische Erlebnisse sind also in Wirklichkeit eine Fiktion, so gewiss sie sich anfühlen.

Auch Kafka passte seine Erinnerungen der Vorstellung an, die er von sich gebildet hatte: Er imaginierte sich als schwach und unsicher. So behauptete er, sein Brief sei unvollständig, „weil die Größe des Stoffs über mein Gedächtnis und meinen Verstand weit hinausgeht.“ Der mit einer Prämie ausgezeichnete Vorzugsschüler bekundete: „Eher kann man mit viel weniger Übertreibung sagen, daß ich wenig gelernt und nichts erlernt habe.“

Er redete seine beruflichen Erfolge, die Anerkennung der Kollegen und Vorgesetzten, sein literarisches Können klein, überzeichnete die eigene Nichtswürdigkeit, damit die „Logik des Untergangs“ stringent erschien. Er, der sich tags für die verunglückten Arbeiter einsetzte und die Nächte oft am Schreibtisch zubrachte, bezichtigte sich, dass er „bei voller Gesundheit mehr Zeit auf dem Kanapee verfaulenzt habe, als Du [der Vater] in Deinem ganzen Leben … Meine Gesamtarbeitsleistung sowohl im Büro ... als auch zu Hause ist winzig; hättest Du darüber einen Überblick, würde es Dich entsetzen.“

Vater-Sohn-Beziehung im Modell der sozialen Niederlage (Social Defeat)

Konkiewitz und Ziff beleuchten das Verhältnis von Kafka zum Vater mit dem Modell der sozialen Niederlage, dem zufolge Konkurrenz Verhalten und Stoffwechsel beeinflusst.

Kafka selbst sprach immer wieder von Kampf, zum Beispiel als er in die Rolle des Vater schlüpfte und ihn antworten ließ: „Ich gebe zu, daß wir miteinander kämpfen, aber es gibt zweierlei Kampf. Den ritterlichen Kampf, wo sich die Kräfte selbständiger Gegner messen, jeder bleibt für sich, verliert für sich, siegt für sich. Und den Kampf des Ungeziefers, welches nicht nur sticht, sondern gleich auch zu seiner Lebenserhaltung das Blut saugt. Das ist ja der eigentliche Berufssoldat und das bist Du.“

Kafka rang mit ihm um die Anerkennung seiner Person, seiner Tätigkeit, seiner Freunde und seiner Form des Judentums, doch der Vater verharrte in seiner Gegnerschaft.

Wie er gerade das literarischen Schaffen seines Sohnes abwertete, schilderte der Brief: nämlich mit „Deiner für uns berühmt gewordenen Begrüßung meiner Bücher: ‚Legs auf den Nachttisch!’“ Dort blieb das Exemplar dann unaufgeschlagen liegen. Hier verwendete Kafka eine bestürzende Metapher: „[Mit dem Schreiben] war ich tatsächlich ein Stück selbständig von Dir weggekommen, wenn es auch ein wenig an den Wurm erinnerte, der, hinten von einem Fuß niedergetreten, sich mit dem Vorderteil losreißt und zur Seite schleppt.“

„Als Vater warst du zu groß für mich“

Auch die Freunde seines Sohnes machte der Vater mies: „Es genügte, daß ich an einem Menschen ein wenig Interesse hatte – es geschah ja infolge meines Wesens nicht sehr oft -, daß Du schon ohne jede Rücksicht auf mein Gefühl und ohne Achtung vor meinem Urteil mit Beschimpfung, Verleumdung, Entwürdigung dreinfuhrst. Unschuldige, kindliche Menschen wie zum Beispiel der jiddische Schauspieler Löwy mußten das büßen. Ohne ihn zu kennen, verglichst Du ihn in einer schrecklichen Weise, die ich schon vergessen habe, mit Ungeziefer, und wie so oft für Leute, die mir lieb waren, hattest Du automatisch das Sprichwort von den Hunden und Flöhen bei der Hand.“

Diese Aussprüche hatte er sich im Tagebuch notiert mit der Bemerkung: „So spricht mein Vater über meinen Freund (den er gar nicht kennt) nur deshalb, weil er mein Freund ist. Das werde ich ihm immer entgegenhalten können, wenn er mir Mangel an kindlicher Liebe und Dankbarkeit vorwerfen wird.“

In solchen Konstellationen kann der Schwächere dem Stärkeren zwar kampflos das Feld überlassen, doch er zahlt einen hohen Preis. Studien zu den Kategorien Tyrann/Opfer zeigen, dass die Verlierer anfällig werden für Minderwertigkeitsgefühle, Depressionen und erlernte Hilflosigkeit. Außerdem steigt der Spiegel des Stresshormons Cortisol.

Rächen konnte Kafka sich nur, indem er den Vater genau beobachtete, kleine Lächerlichkeiten, die er bemerkte, sammelte und übertrieb, und über ihn insgeheim Scherze machte, „wie man sie über Götter und Könige verbreitet“.

Ein Kampf wie David gegen Goliath

Kafkas Brief spiegelte die Verzweiflung über die erlittene Schmach deutlich wider: „Zwischen uns war es kein eigentlicher Kampf; ich war bald erledigt; was übrigblieb war Flucht, Verbitterung, Trauer, innerer Kampf.“ Ein Tagebucheintrag aus dem Jahr 1921 klang ebenfalls resigniert: „Letzthin die Vorstellung, daß ich als kleines Kind vom V[ater] besiegt worden bin und nun aus Ehrgeiz den Kampfplatz nicht verlassen kann alle die Jahre hindurch, trotzdem ich immer wieder besiegt werde.“

Die Ungleichgewicht zwischen Vater und Sohn habe sich auch durch genetische Unterschiede zugespitzt, vermuten Konkiewitz und Ziff . Kafka selbst äußerte diese Einsicht: „Daß dieses Ergebnis [deiner Erziehungsmethoden] Dir trotzdem peinlich ist ... liegt eben daran, daß Deine Hand und mein Material einander so fremd gewesen sind.“ Nachdenklichkeit, Feinfühligkeit, Zurückhaltung, ja Scheu, traf auf eine grobschlächtige und diktatorische Kaufmannsnatur.

Schon allein in der äußeren Erscheinung zeigte sich die Diskrepanz: „Ich war ja schon niedergedrückt durch Deine bloße Körperlichkeit. Ich erinnere mich zum Beispiel daran, wie wir uns öfters zusammen in einer Kabine auszogen. Ich mager, schwach, schmal, Du stark, groß, breit. Schon in der Kabine kam ich mir jämmerlich vor, und zwar nicht nur vor Dir, sondern vor der ganzen Welt, denn Du warst für mich das Maß aller Dinge. Traten wir dann aber aus der Kabine vor die Leute hinaus, ich an Deiner Hand, ein kleines Gerippe, unsicher, bloßfüßig auf den Planken, in Angst vor dem Wasser, unfähig Deine Schwimmbewegungen nachzumachen ...“

Intime Botschaft oder Teil des literarischen Kosmos?

Immer wieder ist diskutiert worden, ob der Brief als private Nachricht oder als fiktionales Werk zu verstehen ist. Literaturkenner haben vor der naiven Interpretation gewarnt, wonach die Darstellung eins zu eins die Realität abbildet. Auch Stach konstatiert mit Blick auf die Länge: „So sehen nicht Briefe, so sehen Erzählungen aus.“ Konkiewitz und Ziff schließen sich der Ansicht an, dass er zwischen beiden Textgattungen changiert, dass Kafka also auf tatsächliche Begebenheiten zurückgegriffen, sie aber auch artistisch aufbereitet hat.

Zum Beispiel hatte er, der promovierte Jurist, seine Angriffe mit rhetorischen Kunstgriffen geschärft, zum Beispiel besonders markante Episoden ausgewählt. Und er betrachtete den Brief keineswegs als so persönlich, dass er Bedenken gehabt hätte, ihn an die unbeteiligte Milena Jesenská zu schicken mit der Ermahnung: „ ... heb ihn bitte gut auf, ich könnte ihn vielleicht doch einmal dem Vater geben wollen ... Und verstehe beim Lesen alle advokatorischen Kniffe, es ist ein Advokatenbrief.“

Kafka spielte mit seiner Beherrschung der Sprache

Zudem hatte Kafka den Inhalt mit geisterhaften Bildern verfremdet und damit den Kontrast zwischen den Kontrahenten verstärkt: Gott, König, über die Erdkarte ausgespannter Riese, Oberbefehlshaber gegen Sklaven, Schwein, Wurm, Ungeziefer. In einem Buch mit dem treffenden Titel „Franz Kafka: Der ewige Sohn“ heißt es: „Die Bilder, die er für seine Kindheit findet, bleiben eingewoben in die literarischen Netze, die er ausspannt.“

Für die Version, dass der Brief auch eine Art Erzählung darstellt, spricht zudem die berühmte Selbstbeschreibung Kafkas in einem Brief an Felice Bauer: „Ich habe kein literarisches Interesse, sondern bestehe aus Literatur, ich bin nichts anderes und kann nichts anderes sein.“