Fragwürdige Experimente mit Polio-Schluckimpfungen sogar nach 1945

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Vor drei Jahren hat die Krefelder Pharmakologin Sylvia Wagner mit einem Aufsatz über ethisch fragwürdige Arzneimittel-Versuche an westdeutschen Heimkindern im Zeitraum von 1950 bis etwa Mitte der 1970-er Jahre für einiges Aufsehen gesorgt. Es  habe sie sehr überrascht, „welch ein Echo der Beitrag in Heft 19 der Sozial.Geschichte Online „ Ein unterdrücktes und verdrängtes Kapitel der Heimgeschichte . Arzneimittelstudien an Heimkindern“ in den Medien, den Wissenschaften, der Politik und der Öffentlichkeit hervorgerufen habe, schrieb Sylvia Wagner wenig später.

Im Kern ging es dabei laut Wagner um etwa fünfzig bis dahin ermittelte Studien, hauptsächlich mit Psychopharmaka und Libido hemmenden Präparate sowie mit Impfstoffen gegen Poliomyelitis. Zum Teil seien staatliche Behörden und Institutionen zumindest durch ihr Wissen um die Studien, durch ihre Zustimmung zu diesen (zum Beispiel Polioimpfung in Westberlin 1960, Chlorprothixen in Neu-Düsselthal 1966) und in einem Fall sogar durch eine Beauftragung durch das Bundesgesundheitsamt (Pockenschutzimpfung 1954) mitverantwortlich für die Prüfungen gewesen. Einem häufig zweifelhaften Nutzen hätten oftmals große Risiken gegenübergestanden. In einigen Fällen seien tatsächlich eingetretene Schädigungen dokumentiert. „Unter den Folgen leiden die Betroffenen noch heute“, hieß es damals im „Spiegel“. Die Historikern Lea Münch (Université de Strasbourg) beschreibt nun in einem Beitrag ausführlich die Experimente mit der Polioschluckimpfung. Auch ihre Recherche-Ergebnisse zeigen ein nicht nur aus heutiger Sicht ethisch fragwürdiges Handeln und sprechen wohl zudem für eine über das Kriegsende hinausgehende Kontinuität der NS-Denkweise.

Die Impf-Experimente und ihre Geschichte 

Wie kam es nun zu den unethischen Impfversuchen in westdeutschen Kinderheimen? Westdeutschland hatte, wie Münch erläutert, nach dem Zweiten Weltkrieg nach Italien die höchste Poliorate in Europa. Zur Prävention wurde seit März 1957 in der Bundesrepublik der Salk-Totimpfstoff verwendet, der mehrmals injiziert werden musste. Die Durchimpfungsrate habe jedoch unter 15 Prozent gelegen. Eine deutlich höhere Akzeptanz hatte der Lebendimpfstoff (Alfred Bruce Sabin), der nur einmal geschluckt werden musste. 1960 seien weltweit bereits über 100 Millionen Menschen geimpft worden. In Westdeutschland habe es jedoch keinen Konsens darüber gegeben, ob die ausländischen Erfahrungen mit dem Schluckimpfstoff auf Westberlin und die Bundesrepublik übertragbar seien. Zudem sei nicht hinreichend klar gewesen, ob die nach der Impfung enteral ausgeschiedenen Impfviren für ungeimpfte Personen im Umfeld ein Risiko darstellten.

Impfkampagne in Westberlin im Mai 1960

Durch eine Massenimmunisierung in der DDR einschließlich Ostberlin mit einem oralen Polioimpfstoff aus der Sowjetunion gerieten 1960 die Verantwortlichen in der BRD und in Westberlin jedoch unter Zugzwang. So sei befürchtet worden, dass die „Ostberliner Bevölkerung das Impfvirus in die Westberliner Bevölkerung hineintragen würde“. In Westberlin wurde daraufhin ein „Poliomyelitis-Komitee“ gegründet; Mitglieder waren laut Münch unter anderen die Pädiater Hans Kleinschmidt (Vorsitzender der Deutschen Vereinigung zur Bekämpfung der Kinderlähmung), Heinrich Wiesener (Leiter der Städtischen Kinderklinik Charlottenburg), Adalbert Loeschke (Ordinarius und Leiter der Kinderklinik der Freien Universität Berlins) und Georg Henneberg und Werner Anders vom Bundesgesundheitsamt sowie Alfred Koehn (Leiter des Westberliner Landesmedizinaluntersuchungsamts).

Anfang März 1960 wurde dann auch die Lebendimpfung in Westberlin beschlossen, wobei als Impfstoff der orale Dreifachimpfstoff des Mikrobiologen Herald Cox ausgewählt wurde. Vom 11. bis 18. Mai 1960 seien in Westberlin dann rund 280.000 Personen damit geimpft worden; die erste große Impfkampagne in der gesamten Bundesrepublik sei im Frühjahr 1962 gestartet worden. 

Impf-Experimente in mehreren Heimen

Die offizielle Einführung der oralen Polioimpfung in Westberlin wurde, wie Münch weiter berichtet, von wissenschaftlichen Untersuchungen begleitet, darunter sogar Versuche mit Kindern in dem evangelischen Kinderheim Elisabethstift in Berlin-Hermsdorf. 139 Kindern im Alter von 0 bis 15 Jahren hätten den oralen Impfstoff erhalten; anschließend seien jeweils die Antikörperbildung und die Virusausscheidung untersucht worden. Zur Beobachtung von Kontaktinfektionen seien 12 Kinder des Heimes nicht geimpft worden. 

Eine Erkrankungsgefahr habe, so Münch, daher eher für die nichtgeimpften Kinder bestanden, die mit den geimpften auf engem Raum zusammengelebt und „Toilettengemeinschaften“ gebildet hätten. In der Auswertung des Versuchs wurde Münchs Angaben zufolge auch berichtet: „Alle ungeimpften Kinder des Heimes ohne Antikörper gegen Typ I und Typ III wurden durch Kontakt von den geimpften Kindern mit Typ I und III infiziert.“ Der Versuch habe mit dem aus früheren Untersuchungen bekannten Wissen stattgefunden, „dass sowohl die Ausscheidung als auch die anschließende Aufnahme des Impfvirus bei ungeimpften Kleinkindern besonders häufig war und diese gleichzeitig vergleichsweise wenige Antikörper besaßen“. Münch: „Damit wurden Kinder wissentlich dieser potenziellen Gefahr ausgesetzt, auch wenn sie als relativ gering angesehen wurde.“

Außerdem: Auch in anderen Kinderheimen seien solche fragwürdigen Experimente durchgeführt worden. So hätten Dr. Alfred Koehn und Dr. Else Eggert aus dem Landesmedizinaluntersuchungsamt in einer anderen Publikation „zwei weitere Untersuchungsreihen in zwei nicht näher benannten Kinderheimen aufgeführt“. Diese hätten 55 Kinder mit eingeschlossen und ebenso die Übertragung des Impfvirus an alle 31 ungeimpften Kinder ergeben. Außerdem sei „in einem anderen Heim“ bei 50 geimpften Kindern die Virusausscheidung in den folgenden Wochen nach der Impfung überwacht worden.

Heutige Erklärungsversuche

Wie lässt sich das Handeln der Ärzte erklären oder verstehen? Es sind sicher mehrere Faktoren, die mit dazu beigetragen haben, dass selbst nach 1945 Mediziner zumindest als fragwürdig zu bezeichnende Experimente vorgenommen haben. Ein Faktor mag, wie Münch erläutert, eine utilitaristische Denkweise gewesen sein, „die den Erkenntnisgewinn der Versuche bedenkenlos über die mögliche Gefährdung der einzelnen Heimkinder“ gestellt habe. Zudem hätten die damaligen Entscheidungsträger einen „paternalistischen Expertenstatus“ beansprucht, der „weitestgehend unangefochtenen“ gewesen sei.

Bei einigen der beteiligten Mediziner sei darüber hinaus die nationalsozialistische Vergangenheiten unübersehbar, so dass auch von einer gewissen Kontinuität der NS-Ideologie gesprochen werden kann. So war der Historikerin zufolge Hans Kleinschmidt im Wissenschaftlichen Beirat des Bevollmächtigten für das Gesundheitswesen Dr. Karl Brandt (Begleitarzt von Adolf Hitler, Generalleutnant der Waffen-SS - und der Ranghöchste unter den Angeklagten im Nürnberger Ärzteprozess, in dem er zum Tode verurteilt wurde).

Kleinschmidt stellte laut Münch die Pädiatrie bereits 1933 bereitwillig in den Dienst des Nationalsozialismus, als er in einer Leitschrift für die Hitler-Jugend äußerte: „Wir Kinderärzte wollen helfen, [. . . ] damit ein gesundes, lebensmutiges und opferwilliges, der nationalsozialistischen Idee ent- sprechendes Geschlecht heranwächst“. Als Herausgeber der Monatsschrift für Kinderheilkunde und Präsident der Deutschen Vereinigung zur Bekämpfung der Kinderlähmung sei er als „graue Eminenz“ auch in der Nachkriegszeit richtungweisend für die westdeutsche Pädiatrie gewesen. 

Man könne „wohl ohne Übertreibung sagen, dass Kleinschmidt in den Anfangsjahren der bundesdeutschen Universitätspädiatrie Ton und Richtung angegeben hat und auch die Linie der DGfK in Fragen des Umgangs mit der Vergangenheit bestimmte“, schreibt der Medizinhistoriker Professor Dr. Thomas Beddies vom Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin an der Charité. So heiße es 1961 in der Rubrik „Tagesgeschichte“ der Monatsschrift für Kinderheilkunde: „Prof. Dr. Siegfried Rosenbaum in Tel Aviv (Israel), Schüler Bessaus, ehemals Privatdozent und a.o. Professor an der Universität Leipzig, wurde von der deutschen Ärzteschaft durch Verleihung der Paracelsus-Medaille geehrt.“  Beddies: „Die Vertreibung Siegfried Rosenbaums von der Leipziger Kinderklinik nach der Machtübernahme 1933 wurde nicht erwähnt.“ 

Walter Keller war nach Angaben von Münch ab 1942 an Polio-Übertragungsversuchen beteiligt und arbeitete mit dem Hirnforscher Julius Hallervorden zusammen, der die Gehirne von im Rahmen des „Euthanasie“-Programms ermordeten Kindern untersuchte. In seine Verantwortlichkeit seien auch ethisch grenzüberschreitende Ernährungsversuche an Kindern in einem Gießener Heim gefallen.

Gerhard Joppich wiederum war in den 1930er-Jahren zunächst Assistenzarzt unter Hans Kleinschmidt in Köln und veröffentlichte später als HJ-Arzt maßgebliche Schriften zur „Gesundheitsführung der Jugend“. Mit ihm sei dann 1948 in Westberlin ein Mann auf den pädiatrischen Lehrstuhl der Freien Universität (FU) gekommen, der aus heutiger Sicht im Hinblick auf die Zeit der Nationalsozialismus (NS) als „belastet“ zu gelten habe, schreibt Beddies. Nachteile seien ihm aus seiner führenden Rolle in der NS-geprägten Jugendmedizin jedoch keine erwachsen. Da er bereits seit 1944 Direktor des Kaiserin-Auguste-Viktoria-Hauses in Berlin-Charlottenburg gewesen sei und das Haus einigermaßen unbeschadet über das Kriegsende gebracht habe, hätte es geradezu eines Affronts bedurft, ihn dort abzulösen. Auch sein ehemaliger Chef an der Kölner Kinderklinik, Hans Kleinschmidt, soll sich dahingehend geäußert haben, dass der ehemalige hochrangige Funktionär und designierte Leiter einer nationalsozialistischen „Akademie für Jugendmedizin“ auf Kongressen etc. durchaus wieder präsentiert werden könnte. 

Wie kam es nun nach dem Krieg zu der, wie Beddies es formuliert, „halbherzigen ‚Entnazifizierung“ innerhalb der Ärzteschaft? Dabei habe  nach. Ansicht des Historikers „sicherlich auch die Besorgnis eine Rolle“ gespielt, „die zu erwartenden Versorgungs- und Gesundheitsprobleme, zumal bei Kindern, nicht in den Griff zu bekommen“-

„Sie können schmutziges Wasser nicht wegschütten, wenn Sie noch kein frisches haben.“ Mit diesem Satz soll Konrad Adenauer einmal dieses Phänomen, das ja nicht auf das Gesundheitswesen beschränkt war, zu erklären versucht haben.