Fournier-Gangrän bei Gliflozin-Therapie: US-Behörde berichtet über weitere Fälle

  • Annals of Internal Medicine

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaften

Wer Diabetiker betreut und ein Gliflozin verordnet, sollte um das Risiko einer nekrotisierenden Fasziitis wissen, um rechtzeitig die Diagnose zu stellen und eine Therapie einzuleiten. Dies raten Wissenschaftler der US-amerikanischen Arzneimittelbehörde im Fachmagazin „Annals of Internal Medicine“.

Warnhinweise bereits 2018 

Anlass für die warnende Empfehlung sind weitere Patienten, bei denen eine lebensbedrohliche nekrotisierende Fasziitis im Zusammenhang mit einer Gliflozin-Therapie aufgetreten ist. Die Frage, ob es sich um einen Kausalzusammenhang handelt, kann derzeit nicht beantwortet werden. Die FDA hatte bereits im vergangenen Jahr über 12 Diabetes-Patienten mit SGLT-2-Hemmer-Therapie berichtet, bei denen zwischen März 2013 und Mai 2018 eine solche schwere Infektion diagnostiziert worden war. Die Fachinformationen zu Medikamenten mit diesen Wirkstoffen enthalten seitdem einen Warnhinweis. 

Weitere Meldungen

Die Zahl der gemeldeten Gangrän-Fälle hat inzwischen weiter zugenommen. Bis zum 31. Januar dieses Jahres sind insgesamt 55 Fälle gemeldet worden (39 Männer und 16 Frauen im Alter von 33 bis 87 Jahren). Die Zeit zwischen Therapie-Beginn und Auftreten der nekrotisierenden Fasziitis reichte von 5 Tagen bis zu 49 Monaten. Alle Patienten waren schwer krank, bei allen wurde ein chirurgisches Débridement vorgenommen. 3 Patienten starben. 

Da Diabetes mellitus selbst mit einem erhöhten Risiko für die lebensbedrohliche Infektion einhergeht, untersuchten die FDA-Wissenschaftler auch die Häufigkeit der Infektion bei Patienten, die andere  Antidiabetika erhielten. Ergebnis: Bei anderen antiglykämischen Substanzen wurden zwischen 1984 und 31. Januar 2019 nur 19 Fälle einer nekrotisierenden Fasziitis identifiziert.

Ohne Therapie fast immer tödlich

Eine nekrotisierende Fasziitis des Perineums (Fournier-Gangrän oder Morbus Fournier) ist eine seltene, aber lebensbedrohliche bakterielle Infektion. In der Regel wird eine Mischinfektion gefunden. Insgesamt sei die untere Extremität die häufigste Lokalisation für eine nekrotisierende Fasziitis und die obere Extremität die seltenste, erläutern der Bochumer Chirurg Professor Dr. Adrien Daigeler (Berufsgenossenschaftliches Universitätsklinikum Bergmannsheil) und seine Kollegen in einem Beitrag zur nekrotisierenden Fasziitis (NF).

Die Mortalitätsrate ist hoch. Ohne Behandlung liege sie den Autoren zufolge bei fast 100 Prozent, aber auch mit Behandlung könne sie über 40 Prozent betragen. Bekannte Risikofaktoren sind vor allem Diabetes mellitus, chronische Niereninsuffizienz, Adipositas, i.v. Drogenabusus, Immunsuppression, arterielle Hypertonie und periphere arterielle Verschlusskrankheit.

Schwierige Diagnose bei frühen Stadien 

Da der Krankheitsverlauf foudroyant ist, muss die Diagnose so früh und rasch wie möglich gestellt werden. Gerade in frühen Stadien sei die klinische Diagnose jedoch erschwert, erläutern die Bochumer Chirurgen. Der Grund: Da sich die NF in tieferen Schichten ausbreite, seien die Hautzeichen nicht repräsentativ für das Ausmaß der Gewebeschädigung bzw. zunächst nicht vorhanden. Klinische Symptome wie Erythem, Ödem und Fieber entsprächen zunächst einer lokalen Infektion und seien nur selten begleitet von Krepitus und Blasenbildung. Mit dem Voranschreiten der NF entstehe dann das Bild einer Sepsis.