Forsa-Umfrage: noch mehr Kinder seit Pandemie-Beginn übergewichtig

  • Dr. med. Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaften 

Eine Umfrage stützt die schon oft geäußerte Befürchtung, dass die Corona-Pandemie Auswirkungen auf die Gesundheit von Kindern hat: Jedes sechste Kind in Deutschland ist der repräsentativen Forsa-Umfrage bei Eltern zufolge in den vergangenen zwei Jahren dicker geworden, fast die Hälfte bewegt sich weniger als zuvor, etwa ein Viertel isst mehr Süßwaren. Besonders betroffen sind Kinder und Jugendliche aus einkommensschwachen Familien, eine Tatsache, auf die ebenfalls schon häufiger hingewiesen wurde. Die Umfrage ist heute  von der Deutsche Adipositas-Gesellschaft (DAG) und dem Else Kröner-Fresenius-Zentrum (EKFZ) für Ernährungsmedizin der Technischen Universität München vorgestellt worden. 

„Alarmierende“ Zahlen zur Gewichtszunahme 

„Eine Gewichtszunahme in dem Ausmaß wie seit Beginn der Pandemie haben wir zuvor noch nie gesehen. Das ist alarmierend, denn Übergewicht kann schon bei Kindern und Jugendlichen zu Bluthochdruck, einer Fettleber oder Diabetes führen. Schon vor Corona waren 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen von Übergewicht betroffen, sechs Prozent sogar von starkem Übergewicht“, so Dr. Susann Weihrauch-Blüher, Oberärztin an der Universitätskinderklinik Halle/Saale und Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter (AGA) der DAG in einer Mitteilung.

„Die Krankheitslast ist ungleich verteilt und Corona hat das erheblich verschärft“, wird Prof. Hans Hauner, Direktor des EKFZ für Ernährungsmedizin und DAG-Vorstandsmitglied in der Mitteilung zitiert. „Die Folgen der Pandemie müssen aufgefangen werden, sonst werden die ‚Corona-Kilos‘ zum Bumerang für die Gesundheit einer ganzen Generation. Die Stärkung geeigneter Therapie-Angebote, die alle Gruppen gleichermaßen erreicht, ist nun von enormer Bedeutung.“, so Hauner. Die Finanzierung der Adipositas-Therapie durch die Krankenkassen müsse dafür zur Regel werden.

Die Hauptergebnisse

Für die Studie hat das Meinungsforschungsinstitut Forsa im März und April 2022 insgesamt 1004 Eltern mit Kindern im Alter von 3-17 Jahren befragt. Die wichtigsten Ergebnisse:

  • 16 Prozent der Kinder und Jugendlichen sind dicker geworden, bei Kindern im Alter von 10 bis 12 Jahren sind es sogar 32 Prozent.
  • Kinder und Jugendliche aus einkommensschwachen Familien sind doppelt so häufig von einer ungesunden Gewichtszunahme betroffen wie Kinder und Jugendliche aus einkommensstarken Familien (23 zu 12 Prozent).
  • 44 Prozent der Kinder und Jugendlichen bewegt sich weniger als vor der Pandemie, bei Kindern im Alter von 10 bis 12 Jahren sind es sogar 57 Prozent.
  • Bei 33 Prozent der Kinder und Jugendlichen hat sich die körperlich-sportliche Fitness verschlechtert, bei Kindern im Alter von 10 bis 12 Jahren sind es sogar 48 Prozent.
  • Bei 43 Prozent der Kinder und Jugendlichen belastet die Pandemie die seelische Stabilität „mittel“ oder „stark“.
  • 70 Prozent der Kinder und Jugendlichen haben die Mediennutzung gesteigert.
  • 27 Prozent der Kinder und Jugendlichen greifen häufiger zu Süßwaren als zuvor.
  • 34 Prozent der Familien essen häufiger gemeinsam als zuvor.

Kürzlich hat der Mitteilung zufolge die WHO Europa vor den Folgen der Adipositas-Epidemie gewarnt und auf „nachteilige Veränderungen bei Ernährungs- und Bewegungsmustern“ durch die Corona-Pandemie hingewiesen. Auch der Corona-Expertenrat der Bundesregierung hatte im Februar vor einer „Zunahme von Adipositas“ gewarnt und Gegenmaßnahmen empfohlen. Das EKFZ für Ernährungsmedizin hatte im September 2020, kurz nach Beginn der Corona-Pandemie, bereits eine Befragung mit vergleichbarer Methodik durchgeführt. Ein Abgleich mit den aktuellen Daten zeigt, dass sich die Auswirkungen auf den Lebensstil verfestigt haben.

Wahrlich kein neues Problem

Vor einer weitern Zunahme der Adipositas-Inzidenz während der Pandemie hatten Kinder- und Jugendmediziner bereits im Juni des vergangenen Jahres gewarnt. Zwei Millionen Kinder in Deutschland seien übergewichtig, davon 800.000 adipös. Die Inzidenz der Adipositas nehme in den letzten Monaten der -Pandemie langsam, aber stetig zu, hieß es in einer Mitteilung der AG Adipositas im Kindes- und Jugendalter (AGA) der Deutschen Adipositas-Gesellschaft (DAG) und die wissenschaftliche Fachgesellschaft der Kinder- und Jugendmedizin in Deutschland (DGKJ). 

„Wir dokumentieren in unseren Spezialsprechstunden Gewichtszunahmen von bis zu 30 Kilo in sechs Monaten – Einzelfälle, aber „Rekorde“ dieser Art mehren sich. Es gibt bei Kindern einen derart klaren Anstieg an Adipositas während der coronabedingten Lockdowns, dass wir hier von einer zweiten, einer ‚stillen Pandemie’ sprechen“, so schon letztes Jahr AGA-Sprecherin Weihrauch-Blüher. Zudem beobachten Kinder- und Jugendärzte bei Jugendlichen eine deutliche Zunahme der Neumanifestationen von Typ-2-Diabetes.

Als Ursache für die Zunahme adipöser Kinder gelten durch Corona eingeschränkten Bewegungs- und Sportmöglichkeiten, ein hoher Medienkonsum und fehlende Strukturen in Tagesablauf und Sozialleben. „Der Beginn aber reicht wesentlich weiter zurück als die Corona-Pandemie “, betonte DAG-Vizepräsidentin Susanna Wiegand, denn „seit Jahren schon verlieren auch normalgewichtige Kinder Muskelmasse und bauen Körperfett auf. Dabei geht es nicht nur um das Körpergewicht, sondern um die gesamte Entwicklung. Eine Trendwende ist nicht in Sicht!“.

Dass die Pandemie und Lockdown-Maßnahmen auch Folgen für das Körpergewicht haben, hat auch das Robert-Koch-Institut (RKI) schon im Dezember 2020 berichtet. So habe das mittlere Körpergewicht im Zeitraum April bis August 2019 noch bei 77,1 Kilo gelegen, im gleichen Zeitraum des vergangenen Jahres jedoch bei 78,2 Kilo. Der mittlere BMI stieg von 25,9 im April bis August 2019 auf 26,4 im Vergleichszeitraum 2020. Auch eine repräsentative Online-Umfrage des INSA-Consulere Instituts im Auftrag des Rundfunks Berlin-Brandenburg ergab einen Zusammenhang zwischen Lockdown und Gewichtszunahme: Rund 43 Prozent der Befragten aus Berlin und Brandenburg gaben an, während der Pandemie zugenommen zu haben - im Mittel um 5,5 Kilogramm. 

Auch ein sozioökonomischen Problem

 „Das Risiko von Übergewicht und Fehlernährung steigt ganz besonders bei den Schul­kindern über zehn Jahren“, sagte auch der Münchener Ernährungsmediziner Professor Berthold Koletzko. So habe eine Forsa-Umfrage ergeben, dass 27 Prozent der Eltern und neun Prozent der Kinder unter 14 Jahren zwischen dem Lockdown im März 2020 und der Umfrage im September an Gewicht zugelegt hätten. „Wenn man dann die sozioökonomische Schichtung anschaut, sieht man, dass Kinder aus Familien mit hohem Bildungsabschluss der Eltern wenig betroffen sind, aber dass eines von vier Kindern von Eltern mit Hauptschulabschluss eine Zunahme des Körpergewichts hat“, wurde Koletzko im „Deutschen Ärzteblatt“ zitiert. Das sei eine sehr beunruhigende Beobachtung, zumal diese Kinder schon vor der Pandemie  ein höheres Risiko fьr Übergewicht und Adipositas gehabt hätten. Auf den hohen Ausgangswert komme jetzt auch noch diese hohe Steigung. Zudem werde die ohnehin bestehende soziale Kluft und die damit einhergehenden Folgen durch die Pandemie noch weiter verschärft werden.