Folgen heißer Tage: mehr Todesfälle, mehr Klinik-Einlieferungen, höhere Gesundheitskosten


  • Dr. med. Thomas Kron
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaft

 

An besonders heißen Tagen steigt, wie erwartet, die Sterberate. Bezogen auf das gesamte Jahr ist der Effekt allerdings gering.  Außerdem ist der Effekt geringer,wenn andere Umwelt-Faktoren wie Ozon-Konzentration und Luftverschmutzung berücksichtigt werden. 

 

Hintergrund

Große Hitze aufgrund der globalen Erderwärmung sei für die Menschheit eine wachsende tödliche Bedrohung, der kaum zu entgehen sei, berichteten im vergangenen Jahr Forscher um Dr. Camilo Mora (Universität von Hawaii in Honolulu) im Fachmagazin „Nature Climate Change"

https://www.nature.com/nclimate/journal/vaop/ncurrent/full/nclimate3322.html

Welche Folgen extreme Hitze haben kann, ist in Europa und auch Deutschland im „Jahrhundert-Sommer“ 2003 deutlich geworden: In Europa seien mehr als 50 000 und in Deutschland etwa 5000 Menschen zusätzlich an den Folgen der Hitzebelastung gestorben, zum Beispiel an Herzschlag, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und renalen Erkrankungen, berichten Dr. Maxie Bunz und Dr. Hans-Guido Mücke vom Umweltbundesamt in Berlin („Bundesgesundheitsblatt“).

Der Gesundheitsökonom Professor Martin Karlsson von der Universität Duisburg-Essen und der Wirtschaftswissenschaftler Professor Nicolas Ziebarth von der Cornell-Universität (New York) haben nun untersucht, welche Auswirkungen extrem heiße Tage auf Sterberate und Klinik-Einlieferungen in Deutschland haben.

Design

Auswertung von Daten des Statistischen Bundesamtes und des Deutschen Wetterdienstes aus der Zeit von 1999 bis 2008. Berechnung des Zusammenhangs zwischen 170 Millionen Klinik-Einlieferungen sowie acht Millionen Todesfällen in dieser Zeit mit Wetter-Daten. 

Hauptergebnisse

Extreme Hitze ging signifikant und zeitnah mit einer Zunahme der Hospitalisierungen und Todesfälle einher.

Die Mortalität stieg den Berechnungen zufolge an extrem heiße Tagen (über 30 Grad Celsius) um zehn Prozent, Hospitalisierungen nahmen um fünf Prozent zu. In absoluten Zahlen bedeutete dies, wie Ziebarth gegenüber „FAZ.NET" erklärt hat, dass „an jedem Hitzetag die Todesrate um „knapp 300 zusätzliche Todesfälle für Gesamtdeutschland steigt“. Fast 3000 Menschen würden zusätzlich ins Krankenhaus gebracht.

Besonders betroffen sind zum Beispiel Menschen, die an Hitze nicht gewöhnt sind, weil sie in Regionen leben, in denen extrem hohe Temperaturen sehr selten sind. Außerdem: Alte Menschen, wobei zu beachten ist, dass auch an Tagen mit normalen Temperaturen es eher alte Menschen sind, die sterben. 

Die gesundheits-bezogenen Kosten belaufen sich auf fünf Millionen Euro pro zehn Millionen Einwohner und Tag mit extremer Hitze. Die Kosten könnten nach Angaben der noch höher sein. Denn nicht berücksichtigt wurden ambulante Arztkosten, verminderte Arbeits-Produktivität und weitere hitzebedingte materielle Schäden (etwa Straßenbelag, Getreide- und Obst-Ernte).

Klinische Bedeutung

Die Studie bestätigt zum einen andere Studien, wonach an Tagen großer Hitze Mortalität und Hospitalisierungen zunehmen. Die Studie liefert zudem einen Beleg für den so genannten Harvest-Effekt. Gemeint ist damit in diesem Fall ein kurzfristiger Anstieg der Sterberate an heißen Tagen gefolgt von einem deutlichen Abfall dieser Rate bei normalen Temperaturen. Dies bedeutet: Bezogen auf das ganze Jahr ist der „Hitze-Effekt“ keineswegs so stark wie oft angenommen. Denn auch an den heißen Tagen sterben meist jene Menschen, die aufgrund von Alter und Multinorbidität in den folgenden Wochen – ohnehin gestorben wären. Ähnlich ist es bei Klinik-Einlieferungen. Nach den den Berechnungen der beiden Ökonomen beträgt der Mortalitätsanstieg pro Jahr nur 0,08 Prozent -  und pro zusätzlichem heißem Tag nur zwei zusätzliche Todesfälle. Ähnlich ist es bei der Hospitalisierungsrate: Sie steigt pro Jahr nur um 0,05 Prozent. 

Für den klinischen Alltag haben die Ergebnisse zwar keine Bedeutung. Relevant sind sie allerdings für die weitere Forschung zum sogenannten Klimawandel und für Diskussionen dazu. Denn laut Klimaforscher Dr. Camilo Mora von der Universität von Hawaii in Honolulu sind gegenwärtig rund 30 Prozent der Weltbevölkerung an wenigstens 20 Tagen im Jahr potenziell tödlicher Hitze ausgesetzt. 2100 könnten es sogar 48 Prozent und mehr sein, selbst dann, wenn die Treibhausgas-Emissionen drastisch reduziert würden. 

In Zukunft könnte es aufgrund „häufigerer und intensiverer Hitzeereignisse von längerer Dauer“ einen Anstieg der Mortalität um 1–6 % pro Grad Celsius geben; für Deutschland könnte dies bereits bis Mitte des Jahrhunderts ca. 5000–8000 zusätzliche Todesfälle pro Jahr durch Hitzestress bedeuten, warnen die Umweltforschern Buna und Mücke.


Finanzielle Unterstützung bekamen die Ökonomen vom Cornell Institute für Social Science (ISS)