Folgen der Luftverschmutzung für die Gesundheit möglicherweise unterschätzt


  • Dr. med. Thomas Kron
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Die Zahl der zusätzlichen Todesfälle, die in Europa und weltweit auf das Konto der Luftverschmutzung gehen, ist nach Schätzungen möglicherweise größer als bislang angenommen. In Europa sind es jährlich 800.000 zusätzliche Todesfälle, weltweit 8,8 Millionen. 

Hintergrund

Über die Folgen der Schadstoffbelastung der Luft gibt es seit einiger Zeit kontroverse, teilweise hitzige Debatten. Wie hoch die Zahl der Todesfälle den Schätzungen von Wissenschaftlern zufolge ist, hängt unter anderem von der Art der verwendeten Modell-Rechnung und den Basis-Daten ab. Wissenschaftler der Universität Mainz um den Chemiker Professor Jos Lelieveld und den Kardiologen Professor Thomas Münzel haben nun neue Berechnungen vorgenommen. Die Aktualisierung der Berechnungen wurde notwendig, da eine kürzlich veröffentlichte Studie die krankheitsspezifischen Gefährdungsraten gegenüber den GBD-Werten (GBD: Global Burden of Disease) deutlich höher ansetzt. „Da die GBD-Studie 41 umfangreiche Fallgruppenstudien aus 16 Ländern, inklusive China, berücksichtigt, bietet sie die beste derzeit verfügbare Datengrundlage“, so Jos Lelieveld, Direktor am Max-Planck-Institut für Chemie in einer Mitteilung des Instituts.

Design

Für ihre Studie ermittelten die Wissenschaftler zunächst die regionale Belastung mit Schadstoffen wie Feinstaub und Ozon mit Hilfe eines etablierten, datengestützten Atmosphärenchemiemodells. Diese Expositionswerte verknüpften sie mit krankheitsspezifischen Gefährdungsraten aus epidemiologischen Daten sowie mit der Bevölkerungsdichte und den Todesursachen in einzelnen Ländern. Berechnet wurde die Zahl der zusätzlichen Todesfälle in Gesamt-Europa und in den 28 Mitgliedstaaten der EU. 

Hauptergebnisse

  1. Für Gesamt-Europa ergaben die Berechnungen 790.000 zusätzliche Todesfälle (2015) und für die EU-Mitgliedsstaaten 659.000. Bezogen auf 100.000 Personen und Jahr sind es in Europa 133 zusätzliche Todesfälle, in den 28 EU-Staaten 129. 
  2. Weiteren Berechnungen zufolge beträgt die Zahl der weltweiten zusätzlichen Todesfälle im Zusammenhang mit Luftschadstoffen rund 8,8 Millionen und nicht 4,5 Millionen wie bisher angenommen. Pro Jahr und 100.000 Personen sind es weltweit 120 zusätzliche Todesfälle. In Deutschland sind es 154 Todesfälle, was einer Reduktion der Lebenserwartung um 2,4 Jahre entspricht. 

Weitere Daten zum Vergleich:

  • Italien: 136 (Todesfälle), Reduktion der Lebenserwartung um  1,9 Jahre
  • Polen: 150 Todesfälle und 2,8 Jahre
  • Vereinigtes Königreich (UK): 98 Todesfälle und 1,5
  • Frankreich: 105 Todesfälle und 1,6 Jahre
  • Osteuropäische Länder wie Bulgarien, Rumänien und Ukraine: über 200 zusätzliche Todesfälle pro Jahr und 100.000 Personen.

Klinische Bedeutung

Aufgrund der Ergebnisse ihrer Untersuchungen fordern die Wissenschaftler verstärkte Maßnahmen, um die Schadstoffbelastung der Luft deutlich zu reduzieren. So sei in Europa der Grenzwert für Feinstaub (PM-2,5-Partikel, 25 μg/m3) weit höher als der Wert der WHO (10 μg/m3). Lelieveld und seine Kollegen betonen allerdings, dass es sich bei ihren Daten nicht um absolut gesicherte Daten handelt. Methodisch bedingt seien die Ergebnisse als unsicher zu interpretieren.

Finanzierung: Mainzer Herz-Stiftung, King Saudi University