Flüchtlinge haben gegenüber Einheimischen ein bis zu 3-fach erhöhtes Psychose-Risiko

  • JAMA Psychiatry

  • von Michael Simm
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

In der laut Autoren „ersten und umfangreichsten“ Meta-Analyse zur Inzidenz nicht-affektiver Psychosen bei Flüchtlingen wurde gegenüber nicht geflüchteten Migranten ein um ca. 40 % erhöhtes Risiko festgestellt - und ein bis zu dreifaches Risiko gegenüber der einheimischen Bevölkerung.

Hintergrund

Traumatische Erfahrungen sind sowohl mit der Schizophrenie als auch mit anderen nicht-affektiven Psychosen assoziiert. Es ist daher zu erwarten, dass Flüchtlinge in besonderem Maße betroffen sind.

Design

Systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse zur Inzidenz nicht-affektiver Psychosen unter Flüchtlingen. Ausgewertet wurden die Einträge in sämtlichen Sprachen in den 3 Literaturdatenbanken PubMed, PsycINFO und Embase für die Jahre 1977 bis 2018.

Ergebnisse

  • Gescreent wurden 4358 Fachartikel unter denen die Reviewer solche auswählten, die
    • in Dänemark, Schweden, Norwegen und Kanada durchgeführt wurden,
    • deren Teilnehmer einen Flüchtlingsstatus hatten,
    • die Effektgröße und Konfidenzintervalle schätzten,
    • nach Geschlecht adjustiert waren,
    • nicht-affektive Psychosen nach Standardkriterien definiert hatten, und die
    • als Vergleichsgruppen entweder Migranten ohne Flüchtlingsgeschichte oder die einheimische Bevölkerung hatten.
  • Dadurch blieben nur 9 Studien (0,2 %) übrig, mit insgesamt 540.000 Flüchtlingen.
  • Das Relative Risiko RR, eine nicht-affektive Psychose zu erleiden war gegenüber nicht geflüchteten Migranten 1,43 (95%-Konfidenzintervall 1,00 – 2,05).
  • Wurde die Analyse beschränkt auf Studien mit geringer Wahrscheinlichkeit für Verzerrungen („Bias“), betrug das RR für obigen Vergleich 1,39 (95%-KI 1,23 – 1,58), für Flüchtlinge gegenüber der einheimischen Bevölkerung 2,41, für nicht geflüchtete Migranten gegenüber Einheimischen 1,92.
  • Beim Ausschluss derjenigen Studien, die den Flüchtlingsstatus generell anhand des Herkunftslandes festgelegt hatten (statt individuell), erhöhten sich die Werte für das Relative Risiko auf 2,24 (Flüchtlinge / sonstige Migranten) bzw. 3,26 (Flüchtlinge / Einheimische).

Klinische Bedeutung

Eine Flüchtlings-Biografie scheint in den untersuchten Ländern Dänemark, Schweden, Norwegen und Kanada ein unabhängiger Risikofaktor für die Entwicklung einer nicht-affektiven Psychose zu sein, schließen die Autoren. Dies lege einen Bedarf für Präventionsstrategien und Förderprogramme nahe. Das Risiko für Flüchtlinge ist allerdings mit ca. 40 % nicht wesentlich höher als für nicht geflüchtete Migranten, sodass traumatische Erfahrungen in der Biografie womöglich nicht ausreichen, das Gefälle zwischen beiden Gruppen und der einheimischen Bevölkerung zu erklären.

Finanzierung: Keine Angaben.