Fettleber-Erkrankungen - eine „erschreckende“ Entwicklung

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Auf die steigende Prävalenz von Übergewicht und Adipositas wird seit Jahren fast schon gebetsmühlenartig hingewiesen. Zu Recht, denn die Situation ist alles andere als erfreulich, wie unter vielen anderen letztes Jahr publizierte weltweite Daten zeigen. Danach beträgt - ausgehend vom BMI als Kriterium - die Prävalenz (in Prozent) von Übergewicht und Adipositas bei mindestens 20-jährigen Männern und Frauen in

  • Deutschland 64, 3 und 49,0
  • Frankreich 55,9 und 42,8
  • Griechenland 71,4 und 51,1
  • Großbritannien 66,6 und 57,2
  • den USA 70,9 und 61,9
  • Mexico 66,8 und 71,4.

Übergewicht das eigentliche Normalgewicht

Insgesamt waren 2013 rund 2,1 Milliarden Menschen übergewichtig oder adipös, 1980 waren es 857 Millionen. Von 1980 bis 2013 sei die Prävalenz des Übergewichts und der Adipositas weltweit bei den Erwachsenen um 28 Prozent, bei den Kindern sogar um bis zu 47 Prozent gestiegen. Überspitzt formuliert: Nicht Normalgewicht ist die Norm, sondern Übergewicht. 

Mit der Prävalenz des Übergewichts und der Adipositas steigt auch die Prävalenz der Fettleber und nicht-alkoholischen Fettleber-Erkrankungen. Bei bis zu 90 Prozent der stark übergewichtigen Menschen verfette die Leber, warnte kürzlich die Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS). Obwohl die Fettleber meist ältere Menschen betrifft, erkranken auch junge Menschen immer häufiger. Schätzungen zufolge hat etwa eines von zehn Kindern eine Fettleber. Etwa 4000 Kinder und Jugendliche in Deutschland seien von einer aggressiv fortschreitenden Verlaufsform bedroht, berichten Autoren einer aktuellen Leitlinie.

Aufgrund von Veränderung der Lebensgewohnheiten, des demographischen Wandels und der zunehmende Komplexität pharmakologischer Therapien sei mit einer weiteren Zunahme der nicht-alkoholischen Fettleber-Erkrankungen zu rechnen. Dies alles habe hohe finanzielle Aufwendungen zur Folge, so die DGVS. „Die Entwicklung ist erschreckend“, so Professorin Elke Roeb vom Universitätsklinikums Gießen und Marburg, die maßgeblich an der Leitlinie beteiligt war.

Erhöhtes Mortalität-Risiko

Sorgen bereitet diese Entwicklung zum einen, weil die Fettleber eng verknüpft ist mit Diabetes mellitus, Atherosklerose und kardiovaskulären Krankheiten. Nicht-alkoholische Fettleber-Erkrankungen können laut der DGVS-Leitlinie auch als „hepatische Manifestation des metabolischen Syndroms verstanden werden kann“. Zum anderen kann aus der Fettleber eine nicht-alkoholische Steatohepatitis entstehen und daraus wiederum eine Leberzirrhose. Aus einer Fettleber entwickelt sich zwar nur selten eine Zirrhose (unter vier Prozent). Auch ist die einfache Fettleber nicht mit einer Übersterblichkeit verbunden. Aber kommt es zur Steatohepatitis, ist das Zirrhose- wie auch das Mortalitäts-Risiko deutlich erhöht. Bei etwa jedem fünften Patienten mit Steatohepatitis werde im Laufe der Zeit eine Leberzirrhose diagnostiziert, so die Hepatologin Professor Mary E. Rinella („Northwestern University Feinberg School of Medicine“ in Chicago). Es wird geschätzt, dass zwei Drittel der über 50-Jährigen mit Diabetes oder Übergewicht eine nicht-alkoholische Steatohepatitis mit fortgeschrittener Zirrhose haben. Ein großes Problem der Fettleber und Fettleber-Erkrankungen: Sie bleiben lange Zeit asymptomatisch, oft haben die Patienten entweder keine oder nur unspezifische Symptome wie Druck im Oberbauch und Appetitlosigkeit. Hinzu kommt, dass eine kranke Leber keine Schmerzen verursacht.

Eine besonders gefürchtete Komplikation: Das Leberzell-Karzinom, das sich aus einer Zirrhose entwickeln kann, aber auch ohne diesen „Umweg“. In Ländern mit westlichem Lebensstil ist diese Krebsart zwar relativ selten, in den vergangenen Jahren ist die Zahl der Neuerkrankungen in diesen Ländern inklusive Deutschland jedoch gestiegen. Etwa 7500 Menschen in Deutschland erkranken jedes Jahr an einem Leberzell-Karzinom, Männer zwei- bis dreimal häufiger als Frauen. Aufgrund der steigenden Adipositas-Prävalenz wird eine weitere Zunahme befürchtet. Denn um fast 40 Prozent steige das Risiko für ein Leberzell-Karzinom, wenn der BMI um fünf Einheiten zunehme, so die DGVS. Die Prognose der Patienten ist schlecht; die Krankheit verläuft meist tödlich. Die 5-Jahres-Überlebensrate liegt unter fünf Prozent. 

Gewichtsreduktion: die Herausforderung

Die positive Botschaft: Prävention ist möglich, indem Übergewicht und Adipositas verhindert oder reduziert werden, durch köperliche Bewegung und vernünftige Ernährung. „Durch Veränderung des Lebensstils kann sich eine Fettleber auch wieder zurückbilden, so dass einer Entzündung vorgebeugt und in der Folge ein Leberzellkrebs vermieden werden kann“, betont Professor Dr. Michael P. Manns, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Leberstiftung. Studien zufolge könne eine Gewichtsabnahme um vier bis 14 Prozent den Leberfettgehalt um 35 bis 81 Prozent senken, heißt es in der Leitlinie. 

Gelingt es trotz aller Anstrengung nicht abzunehmen, sollten Patienten auf jeden Fall in Bewegung bleiben. „Das lohnt sich“, ist Elke Roeb überzeugt. Körperliche Aktivität führe nachweislich auch ohne Reduktion des Körpergewichts zu einer Besserung der Fettleber. In einer Studie konnten Probanden mit acht Wochen Training auf dem Fahrradergometer ihren Fettgehalt in der Leber um 13 Prozent reduzieren. „Am besten ist es, die Bewegung in den Alltag zu integrieren, also Stufen laufen statt Rolltreppe, Radfahren statt Autofahren“, empfiehlt die Hepatologin. Optimal sei es, pro Woche mindestens zweieinhalb Stunden Sport zu treiben. Notwendig ist darüber hinaus auch Nikotin-Verzicht, denn Rauchen führt nicht allein zu Herzgefäß-Krankheiten und malignen Tumoren, sondern fördert bei nicht-alkoholischen Fettleber-Erkrankungen auch die Fibrosierung des Organs. Eine Selbstverständlichkeit sollte auch der Verzicht auf Alkohol sein.

Vielen Menschen gelingt es allerdings nicht, ihre Lebensgewohnheiten zu ändern und mit Hilfe von körperlicher Bewegung und vernünftiger Ernährung ihr Übergewicht zu reduzieren. Übergewicht und Adipositas sind bekanntlich ausgesprochen „hartnäckig“, wie erst vor wenigen Tagen erneut eine Untersuchung belegt hat. Die Standardempfehlung, weniger zu essen und sich mehr zu bewegen, werde vielen Patienten nicht gerecht; sie reiche nicht aus, um wirklich dauerhaft etwas zu bewirken, betonen daher auch Adipositas-Forscher im Fachmagazin „Lancet Diabetes & Endocrinology“.

Spezifische „Leber-Medikamente" nicht verfügbar

„Fremd-Hilfe“ ist daher oft notwendig. Aufgrund der engen Verknüpfung der Fettleber-Erkrankungen mit kardiovaskulären und metabolischen Erkrankungen ist selbstverständlich eine darauf gerichtete Therapie, etwa mit Statinen und Antidiabetika, erforderlich. Eine Option sind auch gewichtsreduzierende Pharmaka und gegebenenfalls bariatrische Eingriffe. Nicht vergessen werden sollten auch Impfungen gemäß STIKO-Richtlinien, insbesondere gegen Hepatitis A, Hepatitis B und Influenza. Wünschenswert sind allerdings auch Therapien, die direkt gegen die Leber-Erkrankung gerichtet sind. Doch bislang gibt es keine für die Therapie von Patienten mit nicht-alkoholischen Fettleber-Erkrankungen zugelassenen Medikamente. Es liegen zwar einige klinische Daten vor, etwa zu Pioglitazon, Vitamin E, Ursodeoxycholsäure, Pentoxyfillin und auch zu dem GLP-1-Agonisten Liraglutid und zu RemogliflozinDoch entweder sind die bisher belegten Effekte, insbesondere auf den krankhaften Leberprozess, nicht ausreichend überzeugend oder das Nutzen-Risiko-Verhältnis ist - wie im Falle von Vitamin E - zu schlecht. Es gibt zwar Substanzen, die bereits klinisch getestet werden. Beispiele sind der Caspase-Hemmer GS-9450, der die Apoptose verhindert, der duale PPARa- und PPARd-Agonist GFT-505, außerdem Cenicriviro, ein CCR2/CCR5-Antagonist, oder auch Simtuzumab, ein Anti-LOXL-2-Antikörper, und Obeticholsäure, die den Farnesoid-X-Rezeptor stimuliert. Eine therapeutische Option könnte vielleicht auch die Transplantation fäkaler Mikrobiota werden.

Aber das ist alles noch Forschung - mit ungewissem Ausgang. Adipositas-Prävention und Gewichtsreduktion durch eine veränderte Lebensweise bleiben daher wohl noch recht lange das Alpha und das Omega - auch im Kampf gegen die steigende Prävalenz der Fettleber-Erkrankungen.