Fast schon historische Daten: 8 Prostatektomien verhindern einen Todesfall


  • Michael Simm
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Wird ein lokalisiertes Prostatakarzinom klinisch nachgewiesen, so führt die unmittelbare radikale Prostatektomie gegenüber einer Strategie des aufmerksamen Abwartens zu einer verringerten krankheitsspezifischen Mortalität. Nach 23 Jahren Nachbeobachtungszeit betrug der durchschnittliche Gewinn an Lebenszeit 2,9 Jahre pro Patienten.

Hintergrund

Dass eine radikale Prostatektomie bei Männern mit klinisch nachgewiesenen lokalisierten Prostatakarzinomen die Mortalität senkt, ist unbestritten. Allerdings gibt es kaum Daten zur Größe des Effekts aus randomisierten Studien mit langer Laufzeit.

Design

In der Studie Nr. 4 der Skandinavischen Prostatakrebs-Gruppe (SPCG-4) wurden von 1989 an 695 Männer mit hochgradig bis mittelgradig differenzierten, lokalisierten Prostatakarzinomen eingeschlossen und auf zwei Gruppen randomisiert: Radikale Prostatektomie oder achtsames Zuwarten. Hier werden nun die Daten 29 Jahre nach dem Start der Studie präsentiert, ein Zeitpunkt, an dem 80 % der Teilnehmer gestorben waren. Gefragt wurde, ob der Überlebensvorteil durch die Prostatektomie bestehen blieb, ob der Nutzen vom Alter der Patienten abhängig war, und wie viele Lebensjahre durch den Eingriff im Durchschnitt gewonnen wurden.

Hauptergebnisse

  • Bis Ende 2017 waren 261 von 347 Männern in der Prostatektomie-Gruppe gestorben, in der Vergleichsgruppe waren es 292 von 348.
  • An Prostatakrebs gestorben waren nach unmittelbarer Prostatektomie 71 Patienten, nach achtsamem Zuwarten 110. Dies entspricht einem relativen Risiko zugunsten der Prostatektomie von 0,55 bei einem 95%-Konfidenzintervall von 0,41 – 0,74 (P
  • Die Zahl der Behandlungen um einen Todesfall gleich welcher Ursache zu verhindern (Number needed to treat, NNT) betrug 8,4.
  • Nach 23 Jahren Beobachtungszeit betrug der durchschnittliche Gewinn an Lebenszeit durch eine Prostatektomie 2,9 Jahre.
  • Unter den Männern, deren Prostata vollständig entfernt wurde, war das Sterberisiko bei extrakapsulärer Ausbreitung um das 5-fache erhöht. Bei einem Gleason-Score größer 7 war das Sterberisiko 10 Mal größer als mit einem Wert von 6 oder kleiner.

Klinische Bedeutung

Die Studie liefert einen guten Grund, eher fortgeschrittene, lokalisierte Prostatakarzinome unmittelbar durch eine radikale Prostatektomie zu behandeln: Der Gewinn an zusätzlicher Lebenserwartung betrug gegenüber einer Strategie des aufmerksamen Abwartens durchschnittlich 2,9 Jahre. Diese beträchtliche Differenz wurde erst nach einer ungewöhnlich langen Nachbeobachtungszeit von 23 Jahre offenbar, und sie war mehr als doppelt so groß wie nach 10 Jahren. Bezüglich der Lebensqualität hatte die selbe Arbeitsgruppe in einer früheren Publikation zunächst keine Unterschiede zwischen den beiden Gruppen festgestellt. In einer aktuellen Untersuchung kommt sie jedoch zu dem Schluss, dass Männer, die lediglich unter Beobachtung standen („watchfull waiting“) und keine Hormontherapie bekamen, die höchste Lebensqualität hatten. Jene, bei denen wegen progredienter Krankheit eine Hormontherapie initiiert werden musste, hatten dagegen die niedrigste Lebensqualität. Für die Beratung der Patienten sind dies wichtige Erkenntnisse, mit der Einschränkung, dass sie im Wesentlichen an tastbaren Tumoren gewonnen wurden. Die zu Beginn der Studie noch nicht verfügbaren neuen Techniken wie der PSA-Test führen heute zu einer Vorverlegung des Diagnosezeitpunktes und zur Überdiagnose nicht-tödlicher Prostatakarzinome, was die Vorteile einer sofortigen Prostatektomie theoretisch wieder schmälern sollte.

Finanzierung: Schwedische Krebsgesellschaft, National Institutes of Health, Karolinska Institut, Percy Falk Foundation, Orebro lans landsting.