Fachgesellschaften kontra Dominanz der Ökonomie in der Medizin

  • Deutsche Medizinische Wochenschrift

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaften

Mit einem Strategiepapier wenden sich die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften und ihre Mitglieder gegen die ihrer Wahrnehmung nach zunehmende Dominanz betriebswirtschaftlicher Ziele in der Versorgung von Patienten. Diese Entwicklung beeinträchtige die Versorgung und belaste Ärzte, Pflegekräfte sowie andere Menschen mit Gesundheitsberufen.

Medizin und Ökonomie nicht zu trennen

Die Klage über eine zunehmende Ökonomisierung der Medizin ist nicht neu. Schon vor über 40 Jahren warnte der Philosoph und Theologe Ivan Illich vor der Medikalisierung der Medizin und der Industrialisierung sowie Kommerzialisierung des Gesundheitswesens. Vieles, wovor er warnte, ist inzwischen längst Realität geworden.

Die Krankenversorgung erfolge zunehmend „nach dem Vorbild industrieller Produktion“, monierte daher auch der Freiburger Medizinethiker Giovanni Maio vor wenigen Jahren auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin. Was heute zähle, seien vor allem mess- und kontrollierbare Parameter wie Menge, Schnelligkeit, Effizienz. Worauf es ankommt, ist nicht das, was Patienten brauchen und ihre Ärzte für medizinisch geboten halten, sondern was Betriebswirte oder Controller wollen.

Im solidarisch finanzierten Gesundheitssystem ist laut dem Strategiepapier zwar „eine angemessene, effiziente und gerechte Verwendung der zur Verfügung gestellten Mittel geboten“. Insofern seien Medizin und Ökonomie nicht zu trennen. Ökonomische Interessen dürften aber medizinische Entscheidungen nicht unangemessen beeinflussen. Laut Berufsordnung (§ 2 Abs. 4) dürften Ärzte „hinsichtlich ihrer ärztlichen Entscheidungen keine Weisungen von Nicht-Ärzten entgegennehmen“. Unter den jetzigen Rahmenbedingungen komme es allerdings zunehmend zu Konflikten zwischen betriebswirtschaftlichen Anforderungen und einer evidenzbasierten, patientenzentrierten Versorgung. 

„Wissenschaftlich, patientenzentriert, ressourcenbewusst“

Die AWMF hat nun zusammen mit Vertretern der Fachgesellschaften die Ursachen der Entwicklung analysiert und Maßnahmen für eine „wissenschaftliche, patientenzentrierte und ressourcenbewusste Medizin“ erarbeitet. 

Um der Ökonomisierung entgegenzuwirken,  schlagen die Autoren des Strategiepapiers „Maßnahmen auf allen Ebenen des Gesundheitssystems“ vor. Es bedürfe „der gemeinsamen Anstrengung aller Akteure, der ‚Ökonomisierung‘ in der Medizin entgegenzuwirken und den Patienten und seine Gesundheit wieder in den Mittelpunkt zu stellen“, so die Autoren um Monika Nothacker (AWMF, Universität Marburg). 

Nach ihren Angaben werden der Ausbau der sprechenden Medizin adressiert, eine Stärkung der gemeinsamen Entscheidungsfindung und der interdisziplinären Abstimmung. Durch die konsequente Implementierung von Leitlinien und von allgemeinverständlichen Formaten („Gemeinsam Klug Entscheiden“) solle einer Fehlversorgung (diagnostische und therapeutische Über- sowie Unterversorgung) entgegengewirkt werden.

Krankenhausleitungen haben laut dem Strategiepapier „den Auftrag, Wertemanagement- und Führungskonzepte zu verwirklichen, die medizinische und wirtschaftliche Erwägungen gleichermaßen berücksichtigen, anstatt sich vorrangig an betriebswirtschaftlichen Anforderungen auszurichten. Die Vergütung nach Fallpauschalen sei im Sinne einer patientenorientierten Medizin anzupassen, Fehlanreize für Interventionen seien zu korrigieren.

Der Krankenhaussektor insgesamt dürfe nicht weiter isoliert betrachtet werden, heißt es zudem in dem Strategiepapier. Die Planung müsse nach Bedarf erfolgen, im Rahmen sektorübergreifender Konzepte. Dabei seien vorhandene stationäre Überkapazitäten abzubauen und geeignete teilstationäre und ambulante Strukturen zu entwickeln und vorzuhalten. Definierte Qualitätsanforderungen sollten für alle Krankenhausbereiche vorliegen.