ESMO 2022 – Krebs ist keine geschlechtsneutrale Erkrankung

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Erkenntnis

  • Epidemiologische Daten zeigen Unterschiede in der Krebsinzidenz zwischen Männern und Frauen sowie zwischen verschiedenen Ländern und Kulturen.
  • Auf molekularer Ebene werden Unterschiede zwischen den Geschlechtern beobachtet und diese führen manchmal zu geschlechtsspezifischen Reaktionen auf Therapien.

Die Fakten und Zahlen zur Inzidenz und Mortalität von Krebs sprechen deutlich gegen eine Gleichheit der Geschlechter, selbst bei nicht geschlechtsbedingten Krebsarten wie Lungenkrebs und Kolorektalkarzinom oder Melanom. Der ESMO-Kongress 2022 in Paris widmete diesem Thema eine Sitzung.

 

Von der allgemeinen Wahrnehmung zu Daten

Isabelle Soerjomataram von der IARC (Lyon, Frankreich) eröffnete die Sitzung mit globalen Daten zur Krebsepidemiologie. „Ich werde Daten zu geschlechtsspezifischen Unterschieden, nicht zu genderspezifischen Unterschieden vorlegen“ sagte die Expertin und definierte Geschlecht als „die biologischen Aspekte eines Individuums“, die durch dessen Anatomie bestimmt und bei der Geburt zugewiesen werden“. Gender wurde definiert als „ein soziales Konstrukt in Bezug auf Verhaltensweisen und Attribute, eine persönliche Identität“.

Auf die Daten zurückkommend zeigt die Globocan-2020-Analyse, dass Männer ein höheres Risiko als Frauen tragen, an Krebs zu erkranken und an der Krankheit zu versterben. „Diese Wahrnehmung ist nicht immer richtig“, behauptet Soerjomataram. Ein Blick auf das Verhältnis von Frauen zu Männern kann das Bild verändern: die Inzidenz von Krebs (alle Lokalisationen von Krebs außer Nicht-Melanom-Hautkrebs) ist in den meisten europäischen Ländern bei Männern um etwa 20 % höher als bei Frauen, während in Subsahara-Afrika das Gegenteil zutrifft, da Frauen die höchste Inzidenz aufweisen. Anderswo, z. B. in den USA, sind die Raten ziemlich ähnlich.

Bemerkenswert ist, dass sich die Krebsinzidenzen im Laufe der Zeit weiter ändern, wobei die Trends je nach Geschlecht unterschiedlich sind. „Die Trends sind je nach Krebsart, Land, Region und Alter unterschiedlich“, sagte die Referentin, die Daten zu 4 häufig auftretenden, nicht geschlechtsbezogenen Krebserkrankungen zeigte: Lungenkrebs, Kolorektalkarzinom, Magenkarzinom und Melanom. Bei Lungenkrebs zeigen die Inzidenzen in den meisten Ländern mit hohem Einkommen steigende Trends bei Frauen und sinkende Trends bei Männern, während in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen andere Trends beobachtet werden können. In Costa Rica werden sinkende Trends bei Männern und bei Frauen ziemlich stabile Trends beobachtet. „Das hängt zumindest teilweise vom kulturellen Kontext ab. Die soziale Akzeptanz eines bestimmten Verhaltens (d. h. Rauchen) hat diese Trends gefördert“, betonte die Expertin. „Die Daten aus verschiedenen Regionen der Welt zeigen uns, dass sich die Inzidenzen für viele Krebsarten bei Männern und Frauen angleichen“, fügte sie hinzu.

 

Die Biologie zählt

Einige der geschlechtsbedingten Unterschiede in den Krebsinzidenzen können durch etablierte Risikofaktoren wie Rauchen, Alkoholkonsum oder Adipositas erklärt werden. Dies reicht jedoch nicht aus. In seinem Vortrag über geschlechtspezifische Unterschiede beim Screening auf das kolorektale Karzinom zeigte Hermann Brenner (Heidelberg, Deutschland), dass Screening-Tests wie der fäkale immunchemische Test (FIT) bei Männern und bei Frauen eine unterschiedliche Sensibilität und Sensitivität aufweisen können, und dass risikoadaptierte Ansätze erforderlich sind, um Screening-Programme unter Berücksichtigung des Geschlechts durchzuführen.

Darüber hinaus kann sich die Krebsbiologie bei den beiden Geschlechtern unterscheiden, was zu geschlechtsspezifischen Ergebnissen und einem geschlechtsspezifischen Ansprechen auf Therapien führt. Unter Bezugnahme auf Lungenkrebs ging Enriqueta Felip (Barcelona, Spanien) eingehend auf die biologischen und molekularen Merkmale des Tumors ein. Eine kürzlich durchgeführte Studie kam zu dem Schluss, dass Frauen im Durchschnitt eine stärkere und strukturiertere Immunantwort gegen das nicht-kleinzellige Lungenkarzinom (NSCLC) entwickeln. In Bezug auf das Ansprechen auf Behandlungen zeigte eine Metaanalyse des JNCI, in der NSCLC-Patienten berücksichtigt wurden, bei Männern eine größere Wirkung der Erstlinienbehandlung mit Anti-PD-1 allein und bei Frauen eine größere Wirkung der Erstlinienbehandlung mit Anti-PD-1/PD-L1 plus Chemotherapie. Zu guter Letzt werden Unterschiede im Risiko für schwerwiegende unerwünschte Ereignisse (UEs) bei Patienten beobachtet, die eine Chemotherapie, eine zielgerichtete Therapie und eine Immuntherapie erhalten, wobei bei Frauen bei allen Therapien, insbesondere der Immuntherapie, ein erhöhtes Risiko für schwerwiegende UEs besteht.