ESMO-Forum — Weibliche Onkologen schließen die Lücke, aber nicht schnell genug


  • Ben Gallarda
  • Studien – kurz & knapp
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„Die geschlechtsbedingten Probleme sind nicht nur für weibliche Fachleute von Interesse, sondern die gesamte onkologische Gemeinschaft würde von der Sicherstellung eines ausgeglichenen Verhältnisses profitieren“, sagte Solange Peters vom Centre Hospitalier Universitaire Vaudois, Lausanne, auf der ESMO 2019 in Barcelona. Peters ist die Vorsitzende des ESMO Women for Oncology Committee, dessen Rolle darin besteht, die Karrieren von Frauen in der Onkologie aktiv zu fördern. „Jedem Fachmann und jeder Fachfrau unabhängig vom Geschlecht dieselben Möglichkeiten zu bieten, führt zu einem System, das auf Leistungsbewertung basiert, und das die Forschung und Praxis vorantreiben und für unsere Patienten optimale Versorgung bieten kann.“

W40 – Stand der Forschung

Peters wird für 2020–2021 den Vorsitz der ESMO übernehmen und wird nach Martine Piccart nun die zweite Präsidentin. Bei diesem Forum stellte sie Daten der W40-Studie vor, die die Repräsentation von Frauen bei wichtigen nationalen und internationalen Kongressen beobachtet. Im Jahr 2018 erhobene Daten wurden mit Daten von früheren W40-Studien verglichen, die seit 2015 durchgeführt werden. 2018 war nur 1 von 6 Vorsitzenden der onkologischen Gesellschaften eine Frau, dieselbe Rate wie 2017.

Die Studie untersuchte auch den Zusammenhang zwischen dem Geschlecht der/des Vorsitzenden einer Gesellschaft und dem Geschlecht der Vorstandsmitglieder. 2017 und 2018 beeinflusste das Geschlecht der/des Vorsitzenden die Anzahl weiblicher Vertreterinnen innerhalb der Gremien nicht. „Aus einer optimistischen Perspektive betrachtet könnte dies bedeuten, dass wir das Gleichgewicht bereits erreicht haben, aber leider ist dies nicht der Fall. Wir müssen sehr umsichtig und aufmerksam sein und wir brauchen Frauen in den Gremien und in hohen Positionen, um die anderen Mitglieder stets auf die Geschlechterlücke aufmerksam zu machen. Wenn wir damit aufhören, verlieren wir alles, was wir bereits erreicht haben.“

Frauen in höheren Positionen sind nicht ausreichend, um einen fairen Zugang für andere Frauen zu garantieren. „Wir sehen uns mit einem sehr bekannten Phänomen konfrontiert, dem sogenannten Queen Bee Effect“, sagt Peters. „Viele Frauen neigen dazu, noch stärker diskriminierend zu sein als Männer, sobald sie eine Autoritätsposition eingenommen haben. Dies soll zeigen, dass ihr Geschlecht keine Auswirkung auf ihre Entscheidungen hat. Was wir brauchen, ist nicht nur irgendeine Frau auf der obersten Ebene, sondern eine aufgeklärte und sensible Frau. Eine Führungspersönlichkeit, die sich des Gefälles bewusst ist und sich proaktiv für deren Schließung einsetzt.“

Die wesentliche Rolle der Industrie

Interessante Daten stammen auch aus der Geschlechteranalyse von Rednern und Rednerinnen bei wichtigen onkologischen Kongressen. Auf der ASCO 2018 waren 38 % der Referenten Frauen (vs. 29 % im Jahr 2009), im Vergleich zu 39 % bei der ESMO 2018 (vs. 26 % im Jahr 2009). Asiatische Frauen (nur 24 % der Frauen 2018) sind im Vergleich zu europäischen (37 %) und amerikanischen Frauen (41 %) auf Kongressen unterrepräsentiert.

Bei der Betrachtung onkologischer Fachzeitschriften sind Frauen bei nur 38 % der Veröffentlichungen Erstautorinnen (vs. 62 % männliche Autoren) und in 30 % der Fälle Letztautorinnen (im Vergleich zu 70 % der Letztautoren).

Es gibt viele Gründe für diese Unterschiede, aber auch die Industrie spielt eine wichtige Rolle. „Bei Kongressen zur klinischen Onkologie stellen wir oft die neuesten Ergebnisse aus klinischen Studien dar. Und Frauen werden selten als Koordinatorinnen großer klinischer Studien oder als Key Opinion Leader (Meinungsbildner) ausgewählt. Beides sind Rollen, die oft von dem Unternehmen entschieden werden, das die Studie unterstützt“, sagte Peters. „Wir müssen mit ihnen zusammenarbeiten, um die für die Auswahl der Studienkoordinatoren angewandten Kriterien zu ändern.“

Letztendlich ist das Problem, dass die Anzahl der Referentinnen weitestgehend unzureichend ist. 2018 waren 38 % der ESMO-Mitglieder Frauen und in der Altersgruppe unter 40 Jahren machten Frauen mehr als die Hälfte der Mitglieder (54 %) aus.

„Wir müssen die Situation sehr genau überwachen und weiterhin Daten für zukünftige Aktualisierungen der W40-Studie erfassen“, kommentierte Peters. „Und wir müssen das Bewusstsein für das Geschlechterproblem schärfen und die Samen für ein in der Zukunft ausgewogenes Geschlechterverhältnis pflanzen.“