ESMO 2018 Expertenmeinung – Schritte in Richtung personalisierter Medizin bei Kolorektalkarzinom


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Rodrigo Dienstmann ist der Hauptprüfer der ODysSey-Gruppe (Oncology Data Science) am Vall d'Hebron Institut für Onkologie (VHIO) in Barcelona, Spanien, sowie Forscher in der Gruppe für computergestützte Onkologie von Sage Bionetworks in Seattle, USA. Er ist außerdem ein aktives Mitglied der ESMO (European Society of Medical Oncology), der ASCO (American Society of Clinical Oncology) und der AACR (American Association of Cancer Research).

 

  • Um eine lange Geschichte kurz zu fassen, könnte man sagen, dass wir den Weg für die personalisierte Medizin bei Kolorektalkarzinomen (CRC) bahnen.
  • Eine Reihe von Beispielen aus der klinischen Praxis zeigen, dass die Konzentration auf eine Personalisierung der Therapie beim CRC wirklich sinnvoll ist. Der häufigste Ansatz nutzt die molekularen Veränderungen des HER2, die meistens bei einem Wildtyp-RAS/BRAF-Hintergrund auftreten: Patienten mit HER2-Mutationen sprechen üblicherweise gut auf eine Kombination aus zielgerichteten und/oder Immuntherapien an und die Ansprechdauer ist ziemlich hoch.
  • Viele Forscher suchen jetzt vor allem nach Subpopulationen von Patienten, die von bestimmten Therapieschemata profitieren könnten. Dabei generieren sie viele Daten zum Potenzial der Immuntherapie in allen Krankheitsstadien.
  • Nehmen wir zwei Beispiele hier von der ESMO 2018. Myriam Chalabi stellte die Ergebnisse einer explorativen Phase-II-Studie vor. Sie zeigten, dass eine neoadjuvante Therapie mit einer Kombination aus den Immun-Checkpoint-Inhibitoren Nivolumab and Ipilimumab ein merkliches pathologisches Ansprechen bei 100 % der Mismatch-Repair-defizienten Kolonkarzinome im Frühstadium bedingte. In einem anderen Vortrag präsentierte Heinz-Josef Lenz die Ergebnisse von CheckMate-142. Sie wiesen darauf hin, dass eine kombinierte Immuntherapie aus Nivolumab und niedrig dosiertem Ipilimumab eine neue Erstlinientherapie für Patienten mit stark metastasiertem Kolorektalkarzinom mit Mikrosatelliteninstabilität (MSI) sein könnte.
  • Ein Nachteil der personalisierten Medizin ist, dass sie generell nur auf sehr kleine Teilgruppen von Patienten angewendet werden kann. Die gute Neuigkeit ist, dass inzwischen viele molekulare Veränderungen bekannt sind, deren Rolle und Angreifbarkeit die Forscher besser zu verstehen versuchen.
  • Aber wir haben auch noch andere Ansätze in der Forschungs-Pipeline. Beispielsweise werden über die Krebszellen hinaus auch die Mikroumgebung des Tumors oder das Mikrobiom im Darm erforscht, weil immer mehr Daten auf die wichtige Rolle dieser Aktoren in der Entstehung und Weiterentwicklung von Krebs hindeuten. Die Daten aus diesem Bereich sind noch nicht ausgereift, aber hochinteressant. Eine longitudinale molekulare Charakterisierung eines Tumors kann zu einer optimalen Therapiewahl beitragen, auch wenn eine sequenzielle Beurteilung genetischer Veränderungen nicht durch routinemäßige Gewebebiopsie möglich ist. Deswegen suchen wir jetzt nach Biomarkern im Blutkreislauf. Es ist sehr wichtig, dass neue Biomarker gefunden werden, die durch Flüssigbiopsie getestet werden können. Diese Technik hat bereits eine hohe Konkordanz (80 % bis 90 %) mit Tumortests bei metastasierten Karzinomen gezeigt.
  • Wer glaubt, dass die personalisierte Medizin nur was für Reiche ist und deswegen nicht für den klinischen Alltag infrage kommt, dem kann ich versichern, dass die Institute in der medizinischen Fachwelt zunehmend enger zusammenarbeiten, was die gemeinsame Nutzung von Daten und Technologie verbessert. Diese Haltung wird sicher dazu beitragen, die Lücke zwischen Forschung und Routinepraxis zu schließen, auch wenn das noch ein bisschen dauern kann.
  • Meine Vision der zukünftigen Forschung und Behandlung des CRC? Personalisierte Medizin von Anfang an und nicht beschränkt auf Gentests oder Biopsie bei refraktären Erkrankungen. Vielleicht lässt sich das durch eine Kombination aus Immun-, Stroma- und Genmarkern erreichen, ohne die Klinik zu ignorieren, denn Gene erklären nicht alles. Die Tumorlage sowie die Vorbeugung durch einen gesunden Lebensstil kann beim CRC noch mehr als bei anderen Krebsarten einen entscheidenden Unterschied machen.