„Es pikst im Po“ einer Fibromyalgie-Patientin

  • Der Schmerz

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Fall der Woche
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Kernbotschaften

Diagnostik und Behandlung bei Patienten mit Fibromyalgie und wechselnder Schmerzlokalisation können mühsam sein; dennoch sollte immer sorgfältig vorgegangen werden, damit keine weiteren schmerzhaften Erkrankungen übersehen werden, wie die folgende Kasuistik zeigt, die Dr. Alexander Ranker und seine Kollegen der LMU-München kürzlich geschildert haben. 

Die Patientin und ihre Geschichte

Eine 46-jährige Frau mit 2011 leitliniengerecht gestellter Diagnose eines Fibromyalgie-Syndroms verspürte vor vier Jahren beim Aufstehen von ihrem Stuhl „ein starkes Stechen tief lumbosakral“. Da sie zu diesem Zeitpunkt schwanger war, wurde auf Röntgenaufnahmen verzichtet und eine Analgetika-Therapie begonnen. Röntgenaufnahmen nach der Geburt (2016) waren unauffällig. Die Schmerzen bleiben allerdings bestehen. Hinsetzen, Nach-hinten-Lehnen beim Sitzen sowie Aufstehen aus dem Sitzen hätten den Schmerz verstärkt. Die Folge war eine Vielzahl unterschiedlicher Therapien (lumbale Infiltrationen, Analgetika, Physiotherapie, gepulste Radiofrequenzbehandlung von LWK 1 bis LWK 5 sowie tägliche peridurale Infiltrationen). Alle Therapiemaßnahmen hätten, so die Autoren, den Schmerz  nicht gelindert und seien laut der Patientin stets mit einer Exazerbation des Fibromyalgiesyndroms erklärt worden. 

Die Befunde

Laut Ranker und seinen Kollegen bestätigt eine klinische Abklärung die Diagnose Fibromyalgie. Dabei sei aufgefallen, dass die Patientin, „stets bemüht war, nach vorne gelehnt zu sitzen oder auf nur einer Gesäßhälfte zu sitzen.“ Auf die Frage nach der Schmerzlokalisation habe die Frau mit „ganz unten am Rücken“ sowie „es pikst im Po“ geantwortet.

Aufgrund dieser und weiterer Befunde stellten die Orthopäden die Verdachtsdiagnose einer Fraktur des Os coccygis bei chronischer Kokzygodynie. Röntgenaufnahmen des sakrokokzygealen Übergangs zeigten  dann ein deutlich disloziertes Coccygeum im Sitzen. 

Die Therapie 

Behandelt wurde die Patientin ambulant mit hydroelektrischen Bädern, detonisierenden manualmedizinischen Verfahren, Entspannungsverfahren, lokalen Anästhetika, TENS, Hilfsmittel (Sitzringe), Metamizol und Paracetamol sowie manualmedizinischen Manipulationsverfahren des Os coccygis. Letztere Maßnahme sei zweimal in bidigitaler Technik durchgeführt worden. Beim zweiten Versuch sei das Os coccygis erfolgreich reponiert worden, was die Schmerzen allerdings nur kurzfristig gelindert habe. Eine Infiltration des Bruchspalts unter Röntgenkontrolle habe dann für einige Tage zur kompletten Schmerzfreiheit geführt und „die instabile Fraktur als nozizeptiven Reiz unabhängig von dem bestehenden Fibromyalgiesyndrom“ bestätigt. Nach mehr als einem Jahr schmerztherapeutischer Begleitung hätten die Schmerzen so weit stabilisiert werden können, dass die Patientin wieder habe arbeiten können. Im Februar 2018 sei es jedoch durch einen langen Flug nach Indien zu einer starken Schmerzexazerbation gekommen. Interdisziplinär und gemeinsam mit der Patientin wurde daraufhin der Entschluss zur totalen Kokzygektomie (2018) getroffen. Die Patientin berichte mittlerweile von Schmerzfreiheit in diesem Gebiet. Auch die manuelle Untersuchung bleibe im Operationsgebiet schmerzfrei. Sitzende Tätigkeiten könnten wieder durchgeführt werden. Allerdings hätten die Ganzkörperschmerzen des Fibromyalgiesyndroms deutlich an Intensität zugenommen.