Erweiterte Molekulardiagnostik in der Onkologie: Wie schwerkranke Patienten profitieren


  • Dr. Nicola Siegmund-Schultze
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Mit einer erweiterten molekularbiologischen Diagnostik findet sich für die Hälfte der Patienten mit weit fortgeschrittener Krebserkrankung noch eine Behandlungsoption, auch wenn Leitlinien-basierte Diagnostik und Therapien nicht mehr wirken. Fast 60 % derer, bei denen eine solche Empfehlung umgesetzt wird, sprechen zumindest vorübergehend auf die neue Therapie an. Ihre Lebenserwartung erhöht sich signifikant im Vergleich zu Patienten ohne weitere Behandlung.

Hintergrund

Malignome werden zunehmend auf Basis der Tumorbiologie therapiert. An einem akademischen Zentrum in Deutschland ist untersucht worden, ob sich für Patienten mit mehrfach rezidivierten Krebserkrankungen molekularbiologische Tumorboards implementieren lassen mit dem Ziel, zeitnah Empfehlungen zu geben und dazu beizutragen, das Leben der Patienten zu verlängern.

Design

  • retrospektive Analyse einer Fallserie von Tumorpatienten mit mehrfachen Rezidiven nach Leitlinien entsprechenden Behandlungen
  • erweiterte molekularbiologische Diagnostik entsprechend den Empfehlungen eines interdisziplinären Molekularen Tumorboards (MTB)
  • Empfehlungen zur Therapie mit zugelassenen oder nicht zugelassenen Arzneimitteln oder deren Kombinationen
  • Empfehlungen zur Teilnahme an Studien
  • Zeitrahmen der Studie: März 2015 bis Februar 2017

Hauptergebnisse

198 Patienten der Universitätsklinik Freiburg mit vorwiegend soliden progredienten Tumoren (n = 189) und durchschnittlich 2 Vortherapien nahmen an dem Projekt teil. Für 172 Teilnehmer empfahl das MTB eine erweiterte Diagnostik mit durchschnittlich 5 molekularbiologischen Tests pro Tumor (insgesamt 867 Tests zusätzlich zum Standard).

Nach median 28 Tagen konnten für 104 Patienten Empfehlungen zur Therapie gegeben werden. Dazu gehörten Tyrosinkinase-Inhibitoren (42,3 %), Checkpoint-Inhibitoren (37,5 %) und Kombinationstherapien (18,3 %). Bei einem Drittel wurden diese Empfehlungen umgesetzt. Nach 40 Monaten Beobachtungszeit war das mediane Gesamtüberleben bei Patienten, die nach Empfehlungen des Tumorboards weiterbehandelt worden waren, noch nicht erreicht. Bei Patienten ohne Empfehlung betrug das Gesamtüberleben median 10 Monate und bei Patienten, bei denen es Empfehlungen gab, die nicht umgesetzt wurden, median 8 Monate. Die Unterschiede im Überleben zwischen den behandelten und nicht behandelten Patienten waren statistisch hoch signifikant (p = 0,002).

Klinische Bedeutung

Die Präzisionsmedizin in der Onkologie berücksichtigt inter- und intraindividuelle Besonderheiten der Tumorbiologie und wird zunehmend komplex. Für Patienten mit progredienten Tumoren stellt sich die Frage, ob sich zeitnah biomarkeradaptierte Therapien finden lassen, die über den - schon angewendeten - Behandlungsstandard hinausgehen und Erfolg versprechen. Interdisziplinäre molekulare Tumorboards können für einen Teil dieser Patienten Empfehlungen geben, und nach den Erfahrungen eines einzelnen akademischen Zentrums in Deutschland verbessern diese empfohlenen Therapien deutlich die Prognose. „Wir hätten zu Beginn nicht zu hoffen gewagt, dass wir so vielen Betroffenen so gut helfen können“, sagt Prof. Dr. Nikolas von Bubnoff, Oberarzt an der Klinik für Innere Medizin I des Universitätsklinikums Freiburg. Nun ist ein landesweites Pilotprojekt im Aufbau für ein einheitliches Vorgehen in Diagnostik und Therapie, kombiniert mit einer gemeinsamen Datenbank.
 

Finanzierung: öffentliche Mittel