Erst Thunfisch-Steaks, dann Brustschmerzen und Luftnot

  • JACC: CASE REPORTS

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Fall der Woche
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Kernbotschaften

Brustschmerzen können viele Ursachen haben. Oft löst eine Koronarischämie infolge einer Atherosklerose die Schmerzen aus, ein anderer möglicher Übeltäter ist eine Pleuritis. Die Krankheitsgeschichte eines Mannes mit substernalen Schmerzen offenbart eine eher seltene Ursache; zudem bekräftigt sie die Bedeutung der Anamnese.

Der Patient und seine Geschichte 

Bei dem Patienten handelte es sich um einen 53-jährigen Mann, der wegen starker, in den Rücken ausstrahlender Brustschmerzen und akuter Ruhedyspnoe in die Notaufnahme eines Krankenhauses in New York kam. Zu den Symptomen gehörten darüber hinaus Gesichtsrötung, Wärmegefühl und akuter starker wässriger Durchfall. Die Symptome hätten dem Mann zufolge etwa eine Stunde nach dem Essen (Thunfisch-Steaks) mit seiner Frau begonnen, die allerdings nur über leichte gastrointestinale Beschwerden geklagt hätte. Anamnestisch waren Bluthochdruck, obstruktive Schlafapnoe und hoher Alkohol-Konsum (Rotwein) bekannt. Medikamente nahm der Mann seinen Angaben nach nicht ein. Die Familienanamnese lieferte keine relevanten Informationen.

Die Befunde

  • Hypotonie (88/48 mm Hg) und Tachypnoe
  • Gesichtsrötung, diffuser Ausschlag am Oberkörper, Lunge und Herz auskultatorisch unauffällig, Abdomen weich
  • Blut-Untersuchung: Laktatämie (6,7 mmol/l), keine Leukozytose oder Eosinophilie, Troponin T unauffällig, Histamin-Konzentration sechs Stunden nach dem Essen erhöht (1,347 nmol/l)
  • Urin-Untersuchung: keine Hinweis aus toxische Substanzen
  • EKG: diffuse ST—Senkungen
  • Computertomografie der Aorta: keine Aorten-Dissektion

Therapie und Verlauf

In der Notaufnahme erhielt der Patient intravenös Flüssigkeit, Famotidin und Steroide schließlich auch Adrenalin intramuskulär;  Die Blutdruckwerte stiegen(121/58 mmHg), aber die Brustschmerzen wurden stärker, so dass eine Koronarangiographie durchgeführt wurde, die keine Obstruktion oder Koronarspasmen zeigte. Der Troponin-T-Spiegel betrug dann 0,19 ng/ml, der Histamin-Spiegel normalisierte sich am nächsten Morgen. Alle Symptome verschwanden innerhalb von 18 Stunden nach der Vorstellung. Der Patient konnte das Krankenhaus verlassen. 

Die Diagnose lautete: vasospastische Angina pectoris durch Thunfisch-Intoxikation (Scombroid-Fischvergiftung) bzw. Myokardinfarkt ohne Koronoarobstruktion.

Erläuterungen

Die Scombroid-Fischvergiftung ist eine Nahrungsmittelvergiftung, die durch unsachgemäße Verwertung und Lagerung (mangelnde Kühlung) von bestimmten Meerfischen, vor allem von Thunfischen, zustande kommt. Durch bakterielle Kontamination des Fisches wird nach dessen Einnahme beim Menschen eine histaminartige Intoxikation ausgelöst, die klinisch einer akuten allergischen Reaktion gleicht. Die Histaminbildung im Fisch erfolgt durch mikrobielle Decarboxylierung des im Fleisch dieser Fische in großen Mengen enthaltenen Histidins.

Zu den Symptomen von SFP gehören normalerweise Flush, Hautausschlag, Bauchschmerzen, Durchfall, Kopfschmerzen, Herzklopfen, Engegefühl in der Brust sowie ein pfeffriger oder metallischer Geschmack. Selten sind Hypotonie, Anaphylaxie oder Myokardinfarkt. Die Schwere der Symptome hängt von der Menge des aufgenommenen Histamins, der Inaktivierungsrate und der individuellen Empfindlichkeit ab. Darüber hinaus kann Alkohol (insbesondere Rotwein) den Histamingehalt aufgrund des Histamingehalts und der Hemmung der Diaminoxidase erhöhen

Antihistaminika sind die Mittel der ersten Wahl bei dieser Fischvergiftung. Bei schweren Erkrankungsfällen wird auch Adrenalin intramuskulär verabreicht. Wichtig für die Aufklärung der Patienten: Die Patienten müssen nach einer solchen Intoxikation nicht auf Fisch verzichten. Sie haben keine Fisch-Allergie.