Erst Hypertonie, dann Hypotonie: ein besonders starkes Demenz-Risiko?

  • JAMA

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften 

Für die Beurteilung des Blutdrucks als Risikofaktor einer Demenz ist offenbar auch das Muster des Blutdruck-Verlaufs vom mittleren bis zum höheren Alter relevant: So scheinen unter 74-jährige Patienten mit Hypertonie im mittleren Alter und Hypotonie im höheren Alter ein vergleichsweise besonders erhöhtes Demenz-Risiko zu haben. 

Hintergrund

Mehrere Längsschnitt-Studien haben Zusammenhänge zwischen vaskulären Erkrankungen sowie Risikofaktoren und Demenz belegt. Dabei hat sich unter anderem gezeigt, dass ein Bluthochdruck im mittleren Lebensalter mit dem vermehrten Auftreten einer Demenz im höheren Alter einhergeht. Allerdings ist – den Autoren der vorliegenden Publikation zufolge – nur in wenigen Studien der Zusammenhang zwischen dem Muster des Blutdruckverlaufs im mittleren bis zum höheren Alter und kognitiven Störungen sowie Demenz untersucht worden. Eine genaue Kenntnis sei aber notwendig, um valide Empfehlungen zur antihypertensiven Therapie als Demenz-präventive Maßnahme geben zu können. In der vorliegenden Studie sollte daher geklärt werden, ob bestimmte Muster des Blutdruckverlaufs vom mittleren bis zum höheren Lebensalter mit einem erhöhten Demenz-Risiko verbunden sind.

Design

Ausgewertet wurden Daten von 4761 Teilnehmern (59 % Frauen) der US-Kohortenstudie ARIC (Atherosclerosis Risk in Communities prospective population-based cohort study), die seit 1987 regelmäßig untersucht wurden. Neurokognitive Tests wurden bei den Kontrolluntersuchungen 5 (2011–2013) und 6 (2016–2017) durchgeführt. Eine Demenz wurde gemäß den Kriterien des „National Institute on Aging and the Alzheimer’s Association“ und des aktuellen "Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders" diagnostiziert. 

Hauptergebnisse

Bei 516 Teilnehmern wurde während der über 20-jährigen Beobachtungszeit erstmals eine Demenz diagnostiziert. Die Demenz-Inzidenz betrug pro 100 Personen-Jahren bei 

  • Personen mit normalen Blutdruckwerten im mittleren und höheren Alter 1,31;
  • Teilnehmern mit normalem Blutdruck im mittleren Alter, aber Hypertonie im höheren Alter 1,99;
  • Teilnehmern mit Hypertonie in beiden Lebensabschnitten 2,83;
  • Normotonie im mittleren und Hypotonie im höheren Alter 2,07; und
  • Hypertonie gefolgt von Hypotonie 4,26.
  • Die Assoziation zwischen dem Blutdruck-Muster „Hypertonie-Hypotonie“ und Demenz war besonders bei unter 74-jährigen Teilnehmern ausgeprägt; bei älteren Teilnehmern war sie nicht statistisch signifikant. 
  • Das Blutdruck-Muster „Hypertonie-Hypotonie“ ging außerdem mit einer erhöhten Inzidenz für eine leichte kognitive Beeinträchtigung einher. 

Klinische Bedeutung

Die Studie lässt schlussfolgern, dass der Weg zur Demenz bereits im mittleren Lebensalter beschritten wird. Die Studie zeigt zudem, dass möglicherweise das Blutdruck-Muster „Hypertonie-Hypotonie“ ein besonders starker Risikofaktor für eine leichte kognitive Beeinträchtigung und Demenz ist. Allerdings ist nicht auszuschließen, dass der Blutdruck-Abfall im höheren Alter eine Folge früher neurodegenerativer Prozesse ist. Darüber hinaus könnte auch eine antihypertensive „Übertherapie“ Ursache der Hypotonie sein. Insgesamt machen die Ergebnisse deutlich, dass es entscheidend ist, den Blutdruck-Verlauf über mehrere Jahrzehnte bzw. Lebensphasen zu betrachten.

Die Ergebnisse sprechen zudem für das Konzept der „Demenz-Prävention“ durch Therapie vaskulärer Risikofaktoren, wobei nicht nur der Bluthochdruck und die Blutdruck-Senkung im Fokus stehen sollten. Der präventive Effekt der Blutdruck-Senkung werde vermutlich durch einen multimodalen Ansatz verstärkt, bei dem auch andere vaskuläre Risikofaktoren berücksichtigt werden, so der Neurologe Dr. Shyam Prabhakaran (Klinik für Neurologie der Universität von Chicago) in einem begleitenden Kommentar.

Finanzierung: National Institutes of Health