Erst Asthma, dann COVID-19 und akuter Hörverlust


  • Dr. med. Thomas Kron
  • Fall der Woche
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Kernbotschaften

COVID-19 ist eine Multiorgan-Erkrankung. Dafür spricht auch die Krankengeschichte eines 45-jährigen Mannes mit Asthma und COVID-19, dessen behandelnde Ärzte des University College London ihn bei ihren Kollegen der HNO-Heilkunde (Royal National Throat Nose und Ear Hospital) vorstellen mussten. 

Der Patient und seine Geschichte

Aufgrund eines seit mehreren Tagen bestehenden Hörverlustes wurde der wegen COVID-19 hospitalisierte Patient in der HNO-Abteilung der Klinik vorgestellt. Den Hörverlust bemerkte der Mann zusammen mit einem Tinnitus nach Verlassen der Intensivstation, auf der er wegen starker respiratorischer Probleme (COVID-19, Pneumonie, bilaterale Lungenembolien) mehrere Tage behandelt werden musste. Die HNO-Anamnese war bis zum Auftreten des Hörverlustes unauffällig. Seine Asthma-Therapie bestand aus inhalierbarem Fluticason (1 oder 2 mal täglich) und Salbutamol bei Bedarf. Ototoxische Medikamente erhielt der Mann nicht. 

Die Befunde

  • Gehörgänge frei und nicht entzündet, Trommelfelle intakt
  • Links negativer Rinne-Test und ein Weber-Test, der zur rechten Seite lateralisiert.
  • Weiße Blutkörperchen zu Beginn des Hörverlustes im normalen Bereich, C-reaktives-Protein leicht erhöht
  • Screening auf Autoimmun-Antikörper negativ, Angiotensin-Converting-Enzym, Immunglobuline und Komplement C3 und C4 im Normbereich, Screening auf Influenza und HIV ebenfalls negativ
  • MRT des inneren Gehörgangs unauffällig

Diagnose und Therapie

Die Verdachtsdiagnose der britischen Ärzte lautete sensorineuraler Hörverlust links. Der Patient erhielt für sieben Tage 60 mg Prednisolon oral. Ein anschließendes Audiogramm zeigte einen teilweise verbesserten Befund. Weitere Therapie: mehrere intratympanale Steroid-Injektionen ohne zusätzliche Befundänderung.

Diskussion

Eine eindeutige Ursache für den akuten Hörverlust wurde nicht festgestellt. Die Autoren vermuten einen Zusammenhang mit COVID-19. Über einen solchen Zusammenhang wurde ihren Angaben zufolge bislang nur selten berichtet; eine Literatur-Recherche habe nur fünf Publikationen ergeben. Über Virus-Infektionen als eine mögliche Ursache ist allerdings schon öfter berichtet worden. Die meisten Fälle sind jedoch idiopathisch; mögliche Ursachen sind zum Beispiel Infektionen( z. B. Meningitis, Mumps, Herpes) und auch ototoxische Medikamente, Autoimmunerkrankungen, Vaskulitiden und ein Akustikusneurinom.

Von einem plötzlichen Hörverlust sind jährlich etwa 1/5000 bis 1/10.000 Menschen betroffen. Der initiale Hörverlust ist in der Regel einseitig (Ausnahme: medikamenteninduzierter Hörverlust) und kann einen Schweregrad von leicht bis tief erreichen. Viele Patienten haben auch Tinnitus, und einige zeigen Benommenheit und/oder Schwindel. Da die meisten Fälle als idiopathisch gelten, gibt es keine kausalen Therapie-Optionen. Dennoch haben empirische Therapieverfahren ihren Stellenwert, etwa auf Steroiden basierende Therapiestrategien.