Erhöhtes Risiko für Übergewicht und Adipositas unter Antidepressiva


  • Michael Simm
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaft

Die Verschreibung von Antidepressiva an einen erheblichen Teil der Bevölkerung könnte möglicherweise zur Gewichtszunahme auf Populationsebene beitragen.

Hintergrund

Die Prävalenz der Fettleibigkeit hat sich weltweit zwischen 1975 und 2014 auf 10,8 % bei Männern und 14,9 % bei Frauen annähernd verdreifacht, berichten die Autoren. Parallel dazu hatte sich in einer britischen Studie die Zahl der Verschreibungen von Antidepressiva zwischen 1995 und 2011 fast verdoppelt. Schließlich gibt es mehrere Studien kurzer Dauer, die einen starken Zusammenhang zwischen dem Gebrauch von Antidepressiva und einer Gewichtszunahme dokumentieren.

Design

Ziel der Studie war es, Daten zum langfristigen Risiko einer Gewichtszunahme unter einzelnen Antidepressiva zu gewinnen. Dazu griff man in dieser populationsbasierten Kohortenstudie auf die UK Clinical Practice Research Datalink (CPRD) zurück. Dies ist eine der größten Datenbanken von elektronischen Gesundheitsaufzeichnungen in der Primärversorgung. Unter anderem enthält sie Angaben zu Gewicht, BMI und den Rezepten britischer Patienten.

Hauptergebnisse

  • Unter den annähernd 300.000 Patienten mit mindestens drei Angaben zum BMI hatten 13,0 % der Männer und 22,4 % der Frauen Rezepte auf Antidepressiva erhalten.
  • Die Inzidenz einer Gewichtszunahme von mindestens 5 % betrug bei Personen ohne Einnahme von Antidepressiva 8,1 pro 100 Personenjahre; unter Antidepressiva lag sie bei 11,2. Dies entspricht einem adjustierten Chancenverhältnis OR von 1,21 (P
  • Das Risiko einer Gewichtszunahme unter Antidepressiva blieb während der 6-jährigen Nachbeobachtung erhöht. Für das 2. Jahr der Nachbeobachtung errechneten die Forscher, dass es für jeweils etwa 27 Patienten mit Antidepressiva-Verschreibungen 1 zusätzlichen Fall von mindestens 5 % Gewichtszunahme gebe.
  • Das adjustierte Chancenverhältnis für ursprünglich Normalgewichtige, mit Antidepressiva-Verschreibungen, übergewichtig zu werden, lag bei 1,29. Ebenso hoch war das Risiko für den Übergang vom Übergewicht zur Fettleibigkeit.

Klinische Bedeutung

Die weite Verbreitung von Antidepressiva könnte zum langfristig erhöhten Risiko von Übergewicht auf Populationsebene beitragen, vermuten die Autoren. Gleichzeitig räumen sie ein, dass sie eine Kausalität für die gefundenen Assoziationen nicht belegen können und trotz Adjustierung für zahlreiche Faktoren eine Verzerrung nicht auszuschließen sei. Für die Praxis kann daher lediglich der – nicht wirklich neue – Hinweis abgeleitet werden, man möge das Risiko einer Gewichtszunahme bei der Verschreibung von Antidepressiva bedenken.

Finanzierung: National Institute for Health Research.