Erfahrungsaustausch: Prof. Jean-Michel MOLINA: FRANKREICH – kostenlose PrEP


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Prof. Molina erläutert im Detail die Ergebnisse aus den klinischen Studien, die zur Einführung der PrEP in Frankreich führten, weist auf die Bedeutung der Ärzte bei der Ausweitung der PrEP-Verfügbarkeit hin und erklärt, wie weit wir bei der Ausmerzung von HIV tatsächlich vorangekommen sind

Prof. Jean-Michel Molina ist Leiter der Abteilung für Infektionskrankheiten am Saint-Louis-Krankenhaus in Paris. Er ist Principal Investigator (PI) für zentrale ANRS-Studien: Ipergay und Prévenir mit On-Demand- und täglichem PrEP.

  1. Wie wird die HIV-Epidemie in Frankreich eingedämmt? 
  2. Was ist eine PrEP? 
  3. Was bringt der Zugang zur PrEP in Frankreich? 
  4. Wie kosteneffizient ist eine PrEP in Frankreich?  
  5. Warum hat sich Frankreich für eine volle Rückerstattung der PrEP ab Anfang 2016 entschieden? 
  6. Welche Lehren ziehen andere Länder aus den in Frankreich durchgeführten Studien? 
  7. Wie stark sind Ärzte in die Ausweitung der PrEP-Verfügbarkeit eingebunden? 
  8. Werden wir HIV bald ausgemerzt haben? 

(Video-Transkript zum Herunterladen nach unten scrollen)

 

PrEP – ein Interview mit einem HIV-positiven MSM und seinem Partner, einem PrEP-Anwender, die beide sowohl im Vereinigten Königreich als auch in Frankreich leben

UNIVADIS: Wie haben Sie von der PrEP erfahren?

HIV-positiver MSM (Mann, der Sex mit Männern hat): Ich habe leider erst von der PrEP (Präexpositionsprophylaxe) gehört, nachdem ich als HIV-positiv diagnostiziert wurde (Juni 2015). Seitdem herrscht im Vereinigten Königreich ein größeres Bewusstsein bezüglich der PrEP und seiner Bedeutung für die öffentliche Gesundheit. Aber vielleicht liegt das auch daran, dass ich heute, nachdem ich auf dieses Thema aufmerksam geworden bin, auch stärker damit vertraut bin. Es wird im Rahmen der „Gay Pride“ sehr stark betont!

PrEP-Anwender: Ich entdeckte PrEP durch meinen Partner, der mich darüber aufgeklärt hat, was eine TasP (Therapie als Prävention) ist und warum, wenn wir sexuell offenherzig sind, es wichtig ist, dass ich vor HIV geschützt bin, das von anderen Leuten übertragen wird (mit einer Diagnose umzugehen, war schwierig genug). Öffentliche Gesundheitskampagnen wie Poster in der Metro sind in Frankreich weit verbreitet und sehr bekannt.

UNIVADIS: Wie bekommen Sie eine PrEP und zu welchem Preis?

PrEP-Anwender: Im Vereinigten Königreich war ich ein Teil einer Studie (PROUD), und wenn Sie an einer Studie teilnehmen, ist das kostenfrei. Falls nicht, gibt es einen neu eröffneten PrEP-Laden in der 56 Dean Street, mit vernünftigen Preisen (ICH WÜRDE ES SEHR GERNE SEHEN, DAS DIESES MODELL NACHGEAHMT WIRD). Hier in Frankreich bekomme ich sie mit meine Krankenversicherungskarte „Carte Vitale“. Ich kenne keinen anderen Weg, eine PrEP zu bekommen, abgesehen von einem Online-Bezug über US-Webseiten. Ich bemerke, dass in Frankreich ein hohes Bewusstsein herrscht, aber ich habe noch nicht eingehender mit meinem Hausarzt darüber gesprochen. Als ich meinen Hausarzt auf die PrEP angesprochen habe, wurde ich an einen Facharzt überwiesen. Ich werde je nach Bedarf alle drei Monate getestet, um auch weiterhin eine PrEP zu erhalten. Bisher habe ich keine Probleme mit der Verwendung gehabt.

UNIVADIS: Welches System verwenden Sie für die PrEP?

PrEP-Anwender: Ich verwende eine tägliche PrEP. Manchmal vergesse ich sie, das ist aber nicht groß von Bedeutung. Ich stelle auf meinem Telefon einen Erinnerungsalarm ein und in meiner Tasche habe ich immer ein paar Tabletten, so dass ich das Haus nicht ohne verlassen kann.

UNIVADIS: Was sind die Probleme, die Sie ansprechen möchten, und die sie in beiden Systemen, in Frankreich und im Vereinigten Königreich, gerne verbessert hätten?

HIV-positiver MSM: Ich weiß, dass viele Menschen im Vereinigten Königreich sich Sorgen über die Auswirkung des Brexit machen, und bei einem No-Deal-Brexit über die Möglichkeit fehlender Absprachen bezüglich der Versorgung mit Medikamenten. In Frankreich ist der Zugang zu einer medizinischen Behandlung von HIV ein Problem für mich. Es ist nicht einfach, mit der endlosen und ineffektiven Bürokratie in Frankreich – ich warte nach einem Jahr immer noch auf meine „Carte Vitale“. Ich muss alle 6 Monate nach England zurückgehen, um den NHS (National Health Service) zu nutzen und Medikamente zu bekommen. 

UNIVADIS: Finden Sie, dass mit HIV-positiven Personen oder der PrEP-Anwendung ein Stigma verbunden ist?

HIV-positiver MSM: Das Stigma ist in unserer Gesellschaft verankert. Es wird in einiger Hinsicht einfacher, aber es ist ein doppelseitiges Schwert. Ganz allgemein denke ich, dass die Menschen in Europa wissen, dass HIV nicht mehr tödlich ist, aber trotzdem vielleicht immer noch keine Ahnung davon haben. Daher ist die Stimmung bei Gesprächen oft unangenehm oder übertrieben mitfühlend. Deshalb erzähle ich Bekanntschaften nicht, dass ich positiv bin, das macht einfach keinen Sinn. Mein Freund nimmt PrEP und wird regelmäßig getestet, und bei mir ist nichts nachweisbar. Wenn jemand nach meinen Status fragt, würde ich es niemals verleugnen, aber ich sage es meinen Bekanntschaften nicht von mir aus. Ich denke, dass es auch unter Schwulen ein Stigma gibt, vor allem, weil die PrEP-Anwendung steigt. Je mehr die HIV-Raten sinken, desto mehr habe ich das Gefühl, als ein Sonderfall betrachtet zu werden, oder wie etwas aus der Vergangenheit, wie jemand, der etwas falsch gemacht hat oder eine Schlampe war. Das ist nur ein Eindruck. Als Schlampe oder „Bottom“ verspottet zu werden ist unter Schwulen stark verbreitet, wenn die PrEP ins Spiel kommt. Menschen machen auch Memes und Witze über die Tatsache, dass PrEP wie ein magisches Schutzschild gegen alle STD (sexuell übertragbaren Krankheiten) verwendet werden kann (z. B. „Truvada-Queen“ oder „PrEP-Queen“).

Einige in den Tabloid-Medien des Vereinigten Königreichs stellen die PrEP als teuer dar (insbesondere nachdem der NHS England in den Schlagzeilen war), und dass durch sie zu noch häufigerem Partnerwechsel angeregt wird. Aber ganz ehrlich, ich denke, dass das durch ein gewisses Maß an heteronormativer Homophobie (interne mit eingeschlossen) und Doppelmoral gefördert wird (um wieder einmal zu versuchen, HIV, PrEP und häufige Partnerwechsel als Probleme darzustellen, die ausschließlich oder hauptsächlich bei Schwulen zu finden sind …). In den Dating-Apps geben viele Leute an, dass sie PrEP anwenden. Manche sind aber auf aggressive Art und Weise misstrauisch gegenüber PrEP-Anwendern – als ob wir gar nicht in der Lage wären, medikamentöse Behandlung zu nutzen oder mit Absicht über die Anwendung und Einhaltung der PrEP lügen.

Ansonsten werde ich persönlich gegenüber den richtigen Leuten bezüglich meines Status offen umgehen. Weil die einzige Möglichkeit, die Wahrnehmung zu verändern, die ist, Gespräche und Diskussionen anzuregen und sie wissen zu lassen, dass HIV nicht nur eine Statistik, ein Thema in den Nachrichten, eine homosexuelle Angelegenheit oder öffentliche Gesundheitskampagne ist, sondern für Freunde und geliebte Menschen die pure Realität, und vielleicht auch eines Tages ihre eigene.