Episodisches visuelles Schneegestöber: ein neues Migräne-Symptom?

  • JAMA Neurology

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaften

Erstmals haben jetzt Neurologen das so genannte Visual Snow Syndrome (VSS, visuelles Schnee-Syndrom) als episodisches Phänomen beschrieben, das nur während Migräne-Attacken auftritt. Bis vor kurzem habe das VSS als permanente Störung gegolten, die sich deutlich von der Migräne-Aura unterscheide, berichten die Neurologen um Privatdozent Christoph Schankin von der Universitätsklinik Bern im Fachmagazin „ JAMA Neurology“ Ein möglicher Zusammenhang des VSS mit Migräne sei bisher vermutet, aber nicht nachgewiesen worden.

Eine permanente Sehstörung 

Das VSS ist durch permanentes Bildrauschen im gesamten Gesichtsfeld gekennzeichnet. Die Patienten sehen ständig viele kleine flimmernde Punkte, ein Phänomen, das an ein Schneegestöber erinnern kann und dem Bildrauschen von analogen TV-Geräten ähnelt. Die Störung ist konstant und mit geschlossenen und offenen Augen wahrnehmbar. Normalerweise sind die flackernden Punkte schwarz oder weiß, weniger häufig gefärbt. Das visuelle Schnee-Syndrom tritt auf, wenn zusätzliche Sehstörungen vorliegen, insbesondere Palinopsie (etwa Nachbilder, Bewegungsunschärfe), Photophobie (Lichtempfindlichkeit) und Nyctalopie (beeinträchtigtes Nachtsichtvermögen). Die Sehstörung betrifft Personen beiderlei Geschlechts. Die Prävalenz des VSS ist unbekannt. Es wird angenommen, dass es bei vielen Patienten unerkannt bleibt, da die Ergebnisse ihrer ophthalmologischen Untersuchungen normal sind. Da Patienten mit VSS auch sehr häufig an Migräne leiden, wurde das Phänomen lange Zeit als persistierende Migräne-Aura (falsch) interpretiert. Leider erhalten Patienten bei Untersuchungen ohne pathologischen Befund häufig auch die Diagnose einer psychischen Störung.

Auch Jahre nach den ersten Veröffentlichungen ist das Wissen über die pathophysiologischen Ursachen des Syndroms und den Zusammenhang mit Migräne noch sehr begrenzt; außerdem fehlen wirklich vielversprechende Therapieansätze.

Drei Patienten mit visuellem Schnee nur bei Attacken

Nun beschreiben Schankin und seine Kollegen drei Patienten, bei denen das VSS nicht permanent vorhanden war, sondern nur episodisch - zu Beginn und während der Migräne-Attacken - auftrat. Die Kopfschmerz-Experten vermuten, dass es sich bei dem episodischen VS um ein neues Symptom der Migräne handelt. Die Berner Neurologen schlagen daher vor, zwischen dem VSS mit permanentem „Schneegestöber“ plus weiteren visuellen Störungen  und dem temporären (episodischen), mit Migräne-Attacken assoziierten VS zu unterscheiden. Laut Schankin sei dieses temporäre Phänomen auch kein Aura-Symptom. Migräne-Medikamente wie die Triptane scheinen beim VSS nicht effektiv zu sein. Ein neuer Ansatz, so Schankin, könnte die transkranielle Magnetstimulation sein; dies müsse allerdings noch genauer erforscht werden. 

Die Prävalenz des episodischen VS ist wahrscheinlich gering. Schankin und seine Kollegen Julius Hodak, Urs Fischer und Claudio L. A. Bassetti fanden es nur bei drei von insgesamt 1934 Migräne-Patienten (0,2 Prozent).

 

Finanzierung: Deutsche Migräne-und Kopfschmerzgesellschaft, Eye on Vision Foundation und Baasch-Medicus Foundation