Entzündungshemmung auch bei chronischer Koronar-Erkrankung eine Option?

  • ESC/New England Journal of Medicine

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften 

Colchicin, eine Mitose-Inhibitor, wirkt nicht nur antibiotisch, sondern auch entzündungshemmend und hat in einer randomisierten und placebo-kontrollierten Studie Patienten mit chronischer Koronar-Erkrankung vor kardiovaskulären Komplikationen geschützt. Die Ergebnisse der Studie (LoDoCo2) sind auf dem virtuellen Kongress der Europäischen Kardiologen-Gesellschaft vorgestellt worden und zugleich im „New England Journal of Medicine" erschienen. 

Hintergrund

Wissenschaftliche Rationale der aktuellen Studie ist die Tatsache, dass an der Pathogenese der Atherosklerose unter anderen entzündliche Prozesse beteiligt sind. Gestützt wurde dieses Konzept insbesondere durch Daten der 2017 publizierten Studie CANTOS (Canakinumab Antiinflammatory Thrombosis Outcomes Study); die Studie ergab, dass Patienten mit akutem Koronarsyndrom (AKS), deren Wert für das hochsensitive CRP (hsCRP) nach einmaliger Therapie mit dem Entzündungshemmer Canakinumab stark fiel, klinisch besser abschnitten als AKS-Patienten ohne starke Reduktion des hsCRP-Wertes.

Gestärkt wurde der antiinflammatorische Therapie-Ansatz dann auch durch die 2019 veröffentliche Studie COLCOT mit Colchicin, einem pflanzlichen Alkaloid, das die Dimerisierung von Mikrotubuli für die Zellteilung hemmt. In dieser Studie erhielten Patienten, die gerade einen Herzinfarkt erlitten hatten (Rekrutierung innerhalb von 30 Tagen nach dem Infarkt) entweder niedrig dosiertes Colchicin (0,5 mg einmal täglich) oder Placebo. Der primäre Wirksamkeitsendpunkt war eine Kombination aus kardiovaskulär bedingten Todesfällen, Herzstillstand mit erfolgreicher Reanimation, Myokardinfarkt, Schlaganfall oder Krankenhausaufenthalt wegen Angina pectoris und Revaskularisierung. Die mediane Beobachtungsdauer betrug  knapp 23 Monate. Hauptergebnis der Studie war eine relative Risikoreduktion beim primären Endpunkt um 23 Prozent durch den Entzündungshemmer (absolut: 5,5% versus 7,1%. Die naheliegende Frage war nun, ob das Gichtmittel auch eine Option für Patienten mit chronischer Koronar-Erkrankung ist. Dies wurde nun in der aktuellen Studie (LoDoCo2) geprüft.

Design

An der Studie nahmen 5522 Patienten teil; sie waren im Mittel 66 Jahre alt; der Frauen-Anteil in der Colchicin-Gruppe betrug 16,5 Prozent, in der Placebo-Gruppe 14,1 Prozent. 2762 Patienten erhielten täglich 0,5 Milligramm Colchicin, 2760 ein Placebo. Die mediane Beobachtungsdauer betrug fast 29 Monate. Der primäre kombinierte Endpunkt bestand aus den Einzelfaktoren kardiovaskulärer Tod, spontaner, nicht prozeduraler Herzinfarkt, ischämischer Schlaganfall oder ischämie-bedingte Koronar-Revaskularisierung. Der zweite Endpunkt bestand aus den Faktoren kardiovaskulärer Tod, spontaner, nicht prozeduraler Herzinfarkt, oder ischämischer Schlaganfall.

Hauptergebnisse

  • Ein primäres Endpunkt-Ereignis trat bei 187 (6,8 Prozent) der Patienten der Colchicin-Gruppe auf, in der Placebo-Gruppe bei 264 (9,6 Prozent) Patienten. Die Inzidenz betrug pro 100-Personen-Jahre 2,5 in der Serum-Gruppe und 3,6 in der Kontroll-Gruppe. Die Berechnungen ergaben eine relative Risikoreduktion um signifikante 31 Prozent (Hazard Ratio 0,69; 95% CI 0,57 - 0,83; p
  • Ein sekundäres Endpunkt-Ereignis gab es in der Colchicin-Gruppe bei 115 Patienten (4,2 Prozent) und in der Placebo-Gruppe bei 157 (5,7 Prozent) (Inzidenz 1,5 versus 2,1 Ereignisse pro 100 Personen-Jahre). Hier ergaben die Berechnungen eine relative Risikoreduktion um 28 Prozent (HR 0,72; 95% CI 0,57 - 0,92; p=0,007). 
  • Höher war in der Colchicin-Gruppe die Inzidenz nicht-kardiovaskulärer Todesfälle (0,7 versus 0,5 pro 100-Personen-Jahre). Die Berechnungen ergaben hier eine relative Risiko-Zunahme um 51 Prozent (HR 1,51; 95% CI, 0,99 - 2,31). 

Ernsthafte Nebenwirkungen waren in den beiden Gruppen etwa gleich häufig:

  • Krebs-Diagnosen: 4,3% der Colchicin-Patienten versus 4,4% der Patienten der Kontroll-Gruppe
  • Hospitalisierung wegen Infektionen: 5,0% versus 5,2%
  • Hospitalisierung wegen Pneumonie: 1,7% versus 2,0%
  • Hospitalisierung wegen gastrointestinaler Symptome: 1,9% versus 1,8%
  • Myotoxische Effekte: 0,1% versus 0,1%.

Bei einem Patienten mit dem Entzündungshemmer kam es zu einer Rhabdomyolyse; der Patient erholte sich den Autoren zufolge vollständig. 

Klinische Bedeutung

Welche Relevanz die Ergebnisse für den klinischen Alltag haben können und sollen, wird noch weiter zu diskutieren sein. Eine Kernfrage dabei lautet, für welche Patienten mit chronischer Koronar-Erkrankung der Entzündungshemmer infrage kommt - und für welche nicht. Anders formuliert: Wie repräsentativ ist die Studien-Population für die Gesamt-Population der Patienten mit chronischer Koronar-Erkrankung?

Finanzierung: National Health Medical Research Council von Australien, niederländische Stiftungen, ein Konsortium von Teva, Disphar und Tiofarma in den Niederlanden u.a.