Entlastung pur – Wie Physician Assistant und Arzt kooperieren


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Physician Assistants unterstützen Ärzte in Klinik und Praxis. Was können die neuen Mitarbeiter und wie funktioniert die Kooperation? Im Schmerzzentrum Berlin, ein Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ), arbeitet Matthias John, Physician Assistant, im Team. Er nimmt dem  Ärztlichen Leiter, Dr. Jan-Peter Jansen, reichlich Arbeit ab. Wie das genau aussieht, erzählen beide im Interview:

 

Univadis: Warum haben sie die Ausbildung zum Physician Assistant (PA) gemacht? Was bereitet Ihnen an Ihrer jetzigen Aufgabe am meisten Freude?

 

John: Ich wollte eigentlich Medizin studieren, aber aufgrund von sozialen Faktoren konnte ich den Studienort nicht frei wählen, zusätzlich waren die langen Wartezeiten auf einen Platz hier in Berlin sehr hinderlich. Ich bin seit 2003 im Schmerzzentrum angestellt, zu Beginn als Kranken-und Gesundheitspfleger, seit  2013 als PA des Ärztlichen Leiters, Dr. Jansen. Teile meiner Ausbildung zum PA habe ich im Schmerzzentrum absolviert, ich war dort also eigentlich nie richtig weg. Ich versorge sehr gerne Patienten, das ist auch mein Aufgabenschwerpunkt als PA.

 

Jansen: Herr John hatte den Wunsch, sich zu qualifizieren. Nach vielen Überlegungen und Gesprächen haben wir uns entschieden, dass er sich an der Mathias Hochschule in Rheine zum Studium „Physician Assistant“ anmeldet. Die Studienkosten hat unser Haus übernommen und ihm auch jede mögliche weitere Unterstützung gewährt.

 

Univadis: Ist langfristig eine Erhöhung des PA-Anteils geplant?

 

Jansen: Wir haben uns mit der Universität in Plauen verständigt, dass wir ab dem nächstmöglichen Zeitpunkt für zwei weitere unserer Mitarbeiter die Möglichkeit eines Studiums einrichten wollen, die den Wunsch nach Weiterentwicklung haben.

 

Univadis: Warum setzt das Schmerzzentrum auf PA? Werden Ärzte dadurch entlastet?

 

Jansen: Das Berufsbild geht mit einem hohen Interesse und einer Bereitschaft zur intensiven Arbeit einher. Nach meinen Erfahrungen können die PAs für die Ärzte erhebliche Ressourcen frei machen.

 

Univadis: Welche Aufgaben übernehmen die PAs?

 

Jansen: Unser PA erarbeiten z. B. Antworten auf Standardfragen zum Krankheitsverlauf, bereitet Arztbriefe vor, übernimmt aber auch sehr qualifizierte Tätigkeiten im medizinischen Kontext. Zum Beispiel die Applikation von Medikamenten als Injektion und die Anlage und Überwachung von Infusionen. Außerdem erleichtert er uns die Sprechstunde, indem er die Verlaufsdaten erhebt und sie in Systeme zur Erfassung des Patient Reported Outcomes eingibt und auswertet. Der PA hat in unserem Haus auch die Aufgabe, die Behandlung von schwierigen Verläufen zu koordinieren. Er übernimmt während der Sprechstunden die Dokumentation und Initiierung der nächsten Behandlungsschritte. Durch die Verzahnung von ambulant-stationär in unserem Modellprojekt 'Schmerzmedizin Berlin' erfüllt der PA im zentralen Patientenmanagement eine Schlüsselaufgabe im intersektoralen Procedere. Er unterstützt die interdisziplinären Assessments, achtet auf die prästationäre Qualifizierung der Patienten (Dokumentationen, Vorbefunde, Laborergebnisse, Bildgebung, Kontakt zum Einweiser) und verfolgt deren Weg während des gesamten Behandlungsprozesses.

Man kann es auch einfach so sagen: Unser PA kennt die Patienten mit schwierigen Verläufen namentlich, wie sie zu erreichen sind und kümmert sich umfassend um deren Wohlbefinden.

 

Univadis: Gab es anfänglich Vorbehalte unter den Arzt-Kollegen?

 

Jansen: In unserem Haus herrscht ein fortschrittliches, neugieriges und sehr kollegiales Klima. Herr John war lange Zeit vorher im Team bekannt. Durch seine besonderen Talente war er schon vorher als „Fallmanager“ tätig und die Ärztinnen und Ärzte haben ihn gern beauftragt, den aktuellen wissenschaftlichen Stand zu verschiedenen Diagnosen zu erarbeiten und darzustellen.

 

Univadis: Wie reagieren Patienten auf den PA?

 

John: Die Patienten kennen diesen Beruf in der Regel nicht, freuen sich aber nach unserer Meinung, dass junge Leute hier einen Zwischenweg zwischen Arzt und Pflege finden und ihre Talente entfalten können. Außerdem genießen sie den Umstand, dass der PA in der Regel mehr Zeit für sie hat, als der Arzt. Sie sehen die Verbindung zwischen beiden und freuen sich über die Entlastung, die der Arzt dadurch erfahren kann.

 

Univadis: Die Landesärztekammer Brandenburg lehnt den PA ab, weil sie eine minderwertige Gesundheitsversorgung fürchtet. Was sagen Sie dazu?

 

Jansen: Zahlreiche Fragen und Probleme, die ein Patient hat, können auch von den nicht-ärztlichen Mitarbeitern übernommen werden. Das passiert in der Praxis und ist alltägliche Realität. Die weitere Qualifikation wie z.B. bei einem PA erhöht die Betreuungssicherheit in einem Team und stellt für den Patienten eine echte Verbesserung dar.

 

Univadis: Die Honorierung der ambulanten PA-Leistungen ist noch nicht geklärt. Was würden Sie sich dazu von den Verhandlungspartnern wünschen?

 

Jansen: Bisher ist das PA-Entgelt Vereinbarungssache. Der Berufsverband der PA hat sich hier noch nicht definitiv geäußert. Sicherlich wird die höhere Qualifikation auch besser bezahlt. Das kann jeder Arbeitgeber für sich selbst organisieren und leisten.

 

Univadis: Wird der PA sich auch in der ambulanten Versorgung etablieren?

 

Jansen: Nach meiner Ansicht werden sich die PA zuerst in den Kliniken, dann in MVZ und auch in der ambulanten Praxis etablieren. Wenn Kollegen meine Berichte über die Zusammenarbeit hören, sind sie sehr interessiert und können das manchmal gar nicht glauben, welch eine Verbesserung der Lebens-und Arbeitsqualität auch für uns Ärzte dadurch möglich ist. Wenn sich das herumspricht, werden die PA eine sehr beliebte Ergänzung sowohl stationär, als auch im ambulanten Bereich sein. Das gibt dem Berufsverband dann auch sicherlich mehr Chancen, die Gehaltssituation weiter zu verbessern.