Endokrinologen fordern weniger laschen Umgang mit endokrinen Disruptoren

  • Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaften

Weil endokrine Disruptoren die Entwicklung und Fruchtbarkeit von Tieren – und sehr wahrscheinlich auch die von Menschen – beeinträchtigen können und womöglich auch das Risiko für Erkrankungen wie Krebs oder Adipositas steigern, fordern Wissenschaftler der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE), die betreffenden Substanzen umgehend aus dem Verkehr zu ziehen. Die konkreten Forderungen und Hintergründe zum Thema sollen auch auf einer gemeinsamen Veranstaltung zur Sprache kommen, die die DGE gemeinsam mit der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) am 18. Juni 2019 in Berlin abhält.

Seit Jahren verboten, aber immer noch in der Umwelt

Zu den bekanntesten endokrinen Disruptoren zählen die polychlorierten Biphenyle (PCB), die früher hauptsächlich als Hydraulik- oder Isolieröle verwendet wurden, Weichmacher wie Phthalate und Bisphenol A (BPA), die bei Verbrennungsprozessen entstehenden Dioxine, oder das früher großflächig zur Insektenbekämpfung eingesetzte DDT. „Einige dieser Substanzen sind schon seit Jahren verboten, finden sich jedoch noch immer in der Umwelt“, sagt Professor Dr. rer. nat. Josef Köhrle, ehemaliger Direktor des Instituts für Experimentelle Endokrinologie an der Charité und Präsident der DGE. Polychlorierte Biphenyle etwa werden seit Beginn der 80er-Jahre in vielen Ländern nicht mehr hergestellt, seit 2001 sind sie weltweit verboten. Trotzdem sind sie noch heute auf der ganzen Welt nachweisbar – auch im menschlichen Körper. Mit Luft- und Wasserströmungen sind sie sogar bis in die Polarregionen gelangt.

Anreicherung in Umwelt, Nahrung und Fettgewebe

Auch viele andere endokrine Disruptoren sind aufgrund ihrer chemischen Struktur sehr stabil und reichern sich in der Umwelt, in der Nahrungskette und letztlich auch im Fettgewebe von Tieren und Menschen an, sagt Professor Dr. med. Baptist Gallwitz von der DDG. So können auch ursprünglich geringe Konzentrationen zu gesundheitlich relevanten Belastungen führen. „Wir beobachten beispielsweise, dass Jugendliche früher in die Pubertät kommen, und Übergewicht und Diabetes, aber auch Entwicklungsstörungen bei Kindern zunehmen“, erklärt der kommissarische Direktor der Medizinischen Klinik IV am Universitätsklinikum Tübingen. Von Fachleuten werden derzeit mehr als 1000 Substanzen als endokrine Disruptoren eingestuft. Von insgesamt knapp 100.000 bekannten chemischen Verbindungen ist bisher nur ein kleiner Bruchteil auf mögliche endokrin aktive, schädliche Wirkungen geprüft.

Erst Nachweis der Unbedenklichkeit, dann Massenproduktion

Endokrinologische Fachgesellschaften weltweit, unter ihnen auch die DGE, fordern, die bereits als endokrine Disruptoren bekannten Substanzen konsequent aus dem Verkehr zu ziehen. Zudem müssten neue chemische Substanzen auf ihre Unbedenklichkeit überprüft werden, bevor sie in großem Maßstab produziert und in Umlauf gebracht würden. Insbesondere sei es nicht sinnvoll, bekannte endokrine Disruptoren durch verwandte, aber noch wenig untersuchte Verbindungen zu ersetzen. Auch diese können das Hormonsystem aus der Balance bringen und gefährden ebenfalls die Gesundheit. „Nur wenn Produzenten und Vertreiber nachweisen müssen, dass neue Substanzen nicht als endokrine Disruptoren wirken, können gesundheitliche Risiken verhindert werden“, sagt der Biochemiker Köhrle. 

Handeln, bevor das Kind in den Brunnen fällt

Um das Problem in den Griff zu bekommen, müsste zunächst die einheitliche Definition der Weltgesundheitsorganisation WHO für endokrinen Disruptoren konsequent angewendet und in den noch unterschiedlichen Prüfverfahren für neue Substanzen EU-weit einheitlich umgesetzt werden. Das sei bislang noch nicht der Fall, kritisiert Köhrle. Weitere Forderungen der Endokrinologen beziehen sich auf die Verbesserung und konsequente Anwendung der Informations-, Kennzeichnungs- und Meldepflicht für endokrine Disruptoren, die Intensivierung und Förderung der Forschung, und die Entwicklung von Testmethoden zum schnelleren und sicheren Nachweis der Wirkung von endokrinen Disruptoren. „Wir müssen erreichen, dass nicht wie bisher erst nach dem Auftreten von Gesundheitsschäden reagiert wird“, sagt Köhrle, „sondern dass das in der EU geltende Vorsorgeprinzip auch auf endokrine Disruptoren konsequent angewendet wird.“