Endlich: ein Gen für eine „schlanke Linie“ entdeckt


  • Dr. med. Thomas Kron
  • Smalltalk
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Kernbotschaften

Genforscher suchen meist nach Gen-Varianten, die mit Krankheiten assoziiert sind; es gibt jedoch auch Forscher, die sich um jene Gene oder Mutationen kümmern, die mit Gesundheit zusammenhängen. Dazu zählen etwa Wissenschaftler um Professor Josef Penninger vom Institut für molekulare Biotechnologie (IMBA) in Wien. Der Genforscher und seine Mitarbeiter beschäftigen sich nämlich mit den genetischen Ursachen der Schlankheit, nicht der Adipositas. Dabei sind sie unter anderem auf das ALK-Gen gestoßen. Dieses aus der Onkologie bereits bekannte Gen enthält die Bauanleitung für die Anaplastische Lymphomkinase.

Erbgut-Analysen und Tierexperimente

Den Zusammenhang zwischen diesem Gen und Schlankheit haben die Forscher bei der Analyse der Genomdaten einer estnischen Kohorte von gesunden Menschen mit sehr niedrigem Body Mass Index entdeckt. Ihren Untersuchungen zufolge ist das Gen zudem Taillenumfang, Cholesterinspiegel und Glukosestoffwechsel assoziiert. Tierexperimente bestätigten diesen Zusammenhang: So hatten Fruchtfliegen, denen das ALK-Gen entfernt worden war, niedrige Lipidwerte im Blut; Mäuse ohne ALK-Gen waren besonders schlank und blieben es trotz fettreicher Ernährung. Die Autoren konnten zudem zeigen, dass der zugrundeliegende Mechanismus die Repression von ALK in bestimmten Nervenzellen des Hypothalamus ist, was offensichtlich zu einer erhöhten Aktivität des sympathischen Nervensystems im Fettgewebe führt.

Ein Weg zu einer effizienten Adipositas-Therapie?

Die Befunde der Wiener Forscher legen nun die Frage nahe, ob Substanzen, die das Eiweiß ALK hemmen, zur Therapie von übergewichtigen Menschen verwendet werden könnten. Solche ALK-Hemmer gibt es bereits in der Krebs-Therapie, etwa Crizotinib , Ceritinib und     Lorlatinib. Ob solche „aggressiven“ Wirkstoffe allerdings auch für die Adipositas-Behandlung eingesetzt werden sollten, ist eine Frage, auf die es wahrscheinlich unterschiedliche Antworten gibt.

Die Wiener Wissenschaftler seien einen interessanten neuen Weg gegangen, indem sie sich nicht auf Übergewichtsgene fokussiert, hätten sondern auf Gene, die mit Schlankheit beim Menschen assoziiert seien, kommentierte Professor Dr. Stephan Herzig (Wissenschaftlicher Direktor des Helmholtz Diabetes Center und Direktor des Instituts für Diabetes und Krebs) die Studie für das „Science Media Center Germany“Forschungen zur genetischen Ursache von Übergewicht hätten bislang mehr als 110 Gene identifiziert, welche beim Menschen mit Übergewicht assoziiert seien, so Herzig. Insgesamt könnten diese Assoziationen aber nur zwei bis drei Prozent der Gewichtsvariation beim Menschen erklären. Diese mangelnde Aussagekraft bisheriger Studien basiere auf einer Vielzahl von Gründen, wie „dem komplexen Zusammenspiel zwischen Genen und Umwelt (wie der Ernährung), der mangelnden Aussagekraft des Body Mass Index (BMI) als Maß für Übergewicht und so weiter.“

Zweifel am Nutzen für die klinische Adipositas-Forschung

Skepsis ist laut Herzig bei der Frage angebracht, ob das ALK-Gen tatsächlich „ein Game Changer in der (klinischen) Adipositas-Forschung werden kann“. Zum einen basierten die initialen Erhebungen auf dem erwähnten BMI-Marker, der hinsichtlich seiner Aussagefähigkeit angezweifelt werde. Zum Beispiel hätten Bodybuilder einen extrem hohen BMI, ohne als übergewichtig angesehen zu werden. Zum anderen gehe der schlank machende Mechanismus des ALK-Gens auf einen altbekannten Signalweg zurück – dem Abbau von Speicherfetten. Hier seie bereits mehrere Induktoren bekannt, „die allesamt aber als Ansatz einer Anti-Übergewichtstherapie letztlich gescheitert sind.“ Hinzu komme eine weitere Schwierigkeit bei der Übertragung der Ergebnisse in die Klinik und auf den Menschen.