Empfehlungen zur Geschlechtsumwandlung korrelieren mit erhöhter Suizidalität

  • JAMA Psychiatry

  • von Michael Simm
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Eine retrospektive Studie in den USA findet ein signifikant erhöhtes Risiko für psychische Probleme und Suizidalität bei Transgender-Menschen, denen weltliche oder geistige Berater eine Geschlechtsumwandlung empfohlen hatten.

Hintergrund

Versuche zur Umwandlung der geschlechtlichen Identität („Gender identity conversion efforts“, GICE) bei sogenannten Transgender-Personen stehen im Verdacht, psychische Schäden hervorzurufen. Ob es tatsächlich eine Assoziation mit der psychischen Gesundheit gibt, ist bislang aber kaum erforscht.

Design

Querschnittsstudie in den Vereinigten Staaten, bei der Transgender-Personen im September 2015 nach möglichen GICE durch weltliche oder religiöse Experten („professionals“) befragt wurden. Die Frage lautete: „Haben Professionals wie Psychologen, weltliche oder religiöse Berater versucht, Sie dazu zu bringen, sich nur noch mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht zu identifizieren, oder haben sie – in anderen Worten – versucht, Sie davon abzuhalten, transsexuell zu sein?“ Die so erfasste Exposition wurde dann in Bezug gesetzt zu schwerer psychologischer Belastung (ein Wert von mindestens 13 auf der Kessler Psychological Distress Scale) im Monat vor den GICE und verschiedenen Parametern der Suizidalität im Jahr davor und während des gesamten Lebens.

Neuerungen (Auswahl)

  • Die Umfrage beantworteten 27.715 Menschen im mittleren Alter von 31,2 Jahren. 11857 unter ihnen war bei der Geburt das männliche Geschlecht zugewiesen worden.
  • Unter den 19.741 Studienteilnehmern (71,3 %), die jemals mit einem Experten über ihre geschlechtliche Identität gesprochen hatten, berichteten 3869 über Versuche zur Geschlechtsumwandlung (19,6 %).
  • Im Vergleich zu jenen Personen ohne GICE hatten diejenigen mit Exposition häufiger unter schwerem psychologischem Stress gelitten (adjustiertes Chancenverhältnis aOR 1,56; 95%-Konfidenzintervall 1,09 – 2,24; P
  • Es bestand auch eine Assoziation zwischen jeglichen GICE und Suizidversuchen über die Lebenszeit (aOR 2,27; 95%-KI 1,60 – 3,24; P
  • Noch ausgeprägter war die Assoziation, wenn die GICE bis zum 10 Lebensjahr erfolgt war (aOR 4,15; 95%-KI 2,44 – 7,69; P
  • Die Größe der Assoziationen war unabhängig davon, ob die Maßnahmen von weltlichen oder religiösen Experten angewandt wurden.

Limitierung

Die Daten beruhen auf den Erinnerungen der Befragten, sind also retrospektiv und nicht zu verifizieren. Wie viele Menschen befragt wurden, wird nicht erwähnt, daher kann der Publikation keine Rücklaufquote entnommen werden, und es ist unklar, inwiefern die Antwortenden repräsentativ für die intendierte Studienpopulation sind.

Klinische Bedeutung

Die erhöhte Rate psychischer Probleme nach Versuchen zur Umwandlung der geschlechtlichen Identität ist im Einklang mit den Empfehlungen von Fachgesellschaften und manchen Politikern, die sich gegen diese Praxis ausgesprochen haben. Eine Ursache-Wirkungs-Beziehung kann mit solch einer Untersuchung allerdings nicht belegt werden. Nicht auszuschließen ist, dass Transgender-Personen, die besonders stark unter gesundheitlichen und Identitätsproblemen leiden, vermehrt die Dienste der GICE-„Experten“ in Anspruch nehmen.

Finanzierung: Health Resources and Services Administration Bureau of Primary Health Care, National Institutes of Health, American Academy of Child and Adolescent Psychiatry.