Emotionsverarbeitung im Gehirn wird durch Misshandlungen altersabhängig beeinflusst

  • JAMA Psychiatry

  • von Michael Simm
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaft

Misshandlungen scheinen die Reaktivität der Amygdala unterschiedlich zu beeinflussen, je nach dem Alter, in welchem sie erfolgen.

Hintergrund

Die Amygdala spielt eine zentrale Rolle bei der Verarbeitung und Bewertung von Emotionen im Gehirn. Im Experiment zeigten sich abnormale Reaktionen auf bedrohliche Gesichter bei Personen mit Angststörungen, Autismus, Bipolarer Erkrankung, Depression, Posttraumatischem Stresssyndrom und Schizophrenie. Da Misshandlung bei all diesen Erkrankungen einen Risikofaktor darstellt, haben die Autoren untersucht, ob die Art und das Alter der Exposition die Reaktion der Amygdala unterschiedlich beeinflussen.

Design

Retrospektive Kohortenstudie mit 202 Teilnehmern (58,4 % weiblich) im mittleren Alter von 23,2 Jahren. 52 von ihnen (25,7 %) gaben an, nicht misshandelt worden zu sein, die anderen 74,3 % waren einer oder mehrerer Formen von Misshandlungen ausgesetzt. Gemessen wurde dies mit der Maltreatment and Abuse Chronology of Exposure (MACE)-Skala, die anhand von 52 Fragen eine dem Schweregrad der Misshandlungen entsprechende Summe ausgibt. Die Aktivierung der Amygdala wurde mittels funktioneller Kernspinresonanz erfasst.

Ergebnisse

  • 8 Teilnehmer (15,1 %) mit einem MACE-Wert von 0 hatten in der Vorgeschichte schwere Depressionen. Unter den Teilnehmern mit einen MACE-Wert von mindestens 1 waren es 51 Personen (34,2 %). Das entspricht einem Chancenverhältnis (OR) von 2,40 bei einem 95%-Konfidenzintervall von 1,05 – 6,06 (P = 0,03).
  • Ähnlich war das Verhältnis von MACE-Wert und schweren Angststörungen. Diese hatten 15,1 % der nicht misshandelten Teilnehmer berichtet gegenüber 30,9 % mit einem MACE-Wert von mindestens 1 (OR 2,45; 95%-KI 1,03 – 6,50; P = 0,03).
  • Beim Vergleich der Amygdala-Aktivierung von emotionalen Gesichtern gegenüber Figuren fanden sich abhängig vom Alter gegensätzliche Assoziationen: Teilnehmer, die im Alter zwischen 3 und 6 Jahren Misshandlungen erlitten hatten, zeigten eine verringerte Aktivierung der Amygdala (ß = - 0,17; P

Klinische Bedeutung

Wie genau die Erinnerungen der Teilnehmer nach bis zu 15 Jahren waren, ist unklar. Dennoch verbessert diese Studie das Verständnis differentieller Effekte von Misshandlungen auf die Entwicklung Jugendlicher. Eine Implikation ist, dass bei der Anamnese nicht nur die Art und Schwere von Misshandlungen erfasst werden sollten, sondern auch das Alter, in dem diese erfolgten. Inwiefern dies die Entwicklung altersgerechter Interventionsmassnahmen erleichtern könnte, bleibt abzuwarten.

Finanzierung: Keine Angaben.