Einführung der HIV-PrEP - "Es sollte so sein wie mit der Antibabypille"


  • Ana ŠARIĆ
  • Univadis
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Prof. Jean-Michel Molina ist Leiter der Abteilung für Infektionskrankheiten am Saint-Louis-Krankenhaus in Paris. Er ist Principal Investigator (PI) für zentrale ANRS-Studien: Ipergay und Prévenir mit On-Demand- und täglichem PrEP, die zur Einführung der PrEP führten und Änderung der WHO-Empfehlungen.

1. Warum brauchen wir PrEP? Warum reichen Kondome nicht zur Kontrolle der HIV-Epidemie? 00:08

2. Wie weiß man, dass der Rückgang diagnostizierter HIV-Fälle in Paris auf PrEP zurückzuführen ist? 02:04

3. Nach Bedarf oder täglich: Welches PrEP-Behandlungsschema ist beliebter und wird gut eingehalten? 03:28

4. Ist PrEP auch für die Allgemeinbevölkerung nützlich oder sollte sie nur auf MSM abzielen? 04:54

5. Wie viele Menschen nutzen PrEP in Frankreich? 07:12

6. Begünstigt der Einsatz von PrEP andere Geschlechtskrankheiten? 08:08

7. Welche Nebenwirkungen hat die PrEP? 11:23

8. Wie werden PrEP-Anwender überwacht? Von welchen medizinischen Anbietern? 15:29

9. Ist Chemsex in Frankreich ein großes Problem? 17:41

10. Was bringt die Zukunft für PrEP und deren Verabreichungsweg? Gibt es alternative und innovative Optionen? Wem würden diese am meisten helfen? 18:56

11. Welche Nebenwirkungen gibt es bei der neuen PrEP-Verabreichung? 22:33

12. Gibt es Neues bei HIV-Behandlungen? Dürfen wir uns auf neue Errungenschaften freuen? 23:20

(Video-Transkript zum Herunterladen nach unten scrollen)

 

UNIVADIS: Warum brauchen wir PrEP? Warum reichen Kondome nicht zur Kontrolle der HIV-Epidemie?

PROF. JEAN-MICHEL MOLINA:  Wir können die Epidemie nicht einfach mit Kondomen kontrollieren und HIV-Infizierte behandeln. Der Grund dafür ist, dass viele Menschen die HIV-Infektion in der Frühphase der Infektion übertragen, wenn die serologischen Nachweise noch negativ sind. Wir nennen das die Fensterphase. Während dieser Phase wissen Betroffene nichts von der Infektion und übertragen das HIV daher an ihre Partner. Und daher müssen wir die Partner besser schützen. Wir wissen, dass es zum Schutz der Partner Kondome gibt, aber Kondome werden aus mehreren Gründen nicht immer verwendet, sei es, weil sie beim Geschlechtsverkehr stören, weil sie abrutschen oder platzen oder weil die Menschen keinen Spaß an Sex mit Kondomen haben. Wir brauchen also zusätzliche Tools. Daher forschen wir recht intensiv nach einem Impfstoff für HIV. Bisher steht aber noch keine Impfung in Aussicht. Daher sind wir froh, dass wir ein anderes Tool haben, das ziemlich effektiv ist, nämlich die PrEP. Somit gibt es zwei Möglichkeiten, wie man sich schützen kann: mit PrEP oder mit Kondomen. Man kann auch beides anwenden, aber zum Schutz vor HIV reicht das eine oder das andere. Und mit PrEP haben wir in Australien, in Großbritannien und auch in Frankreich nachgewiesen, dass sich zum ersten Mal etwas auf die Epidemie auswirkt.

UNIVADIS: Wie weiß man, dass der Rückgang diagnostizierter HIV-Fälle in Paris auf PrEP zurückzuführen ist?

Es ist nicht nur PrEP. Es ist die Kombination oder die Zugabe von PrEP in einem Rahmen, wo man bereits eine hohe Kondomnutzung hat und bereits infizierte Menschen auch vorbeugend behandelt, was bedeutet, dass HIV-Infizierte schon sehr früh behandelt werden. Wenn man also diese Kombination bereits hat, dann hat die Aufnahme von PrEP bestimmt eine Auswirkung. Eine andere Erklärung, die wir bieten können, ist, dass zum Beispiel in Frankreich oder Australien der Rückgang bei neuen HIV-Diagnosen nur bei Gruppen beobachtet wird, die PrEP nutzen – also MSM, denn PrEP ist ziemlich beliebt und wird unter MSM verwendet, aber nicht in anderen Risikogruppen. In Frankreich wie in Australien wird der Rückgang bei neuen HIV-Diagnosen also zurzeit nur bei MSM beobachtet. Ein weiterer Punkt ist, dass wir Kondome und vorbeugende Behandlung schon seit ein paar Jahren in den USA, in Frankreich, in Australien und in Europa einsetzen, aber ohne Auswirkungen auf die Epidemie. 2018 in Frankreich hingegen, zwei Jahre nach der PrEP-Zulassung, sehen wir erstmals einen Rückgang bei neuen HIV-Diagnosen unter MSM.

UNIVADIS: Nach Bedarf oder täglich: Welches PrEP-Behandlungsschema ist beliebter und wird gut eingehalten?

PROF. JEAN-MICHEL MOLINA:  Wir lassen ihnen die Wahl, und sie finden es von selbst heraus. Im Prinzip ist der Unterschied nicht so groß. Die WHO unterstützt seit Kurzem auch PrEP nach Bedarf für MSM. Wir wollen es ihnen einfach machen. Es ist ihnen überlassen. Wenn sie jeden zweiten Tag mit jemand anderem Sex haben, müssen sie es täglich einnehmen. Wenn sie es einmal pro Woche oder alle zwei Wochen tun, dann ist die Bedarfsbehandlung vielleicht geeigneter für sie, denn so müssen sie keine Tablette schlucken ohne HIV-Risiko. Es ist also den Leuten überlassen, und wenn sie einen Termin haben, besprechen wir mit ihnen, was die beste Option für sie ist. Gleichzeitig sehen sie auch einen Peer-Berater und besprechen so mit jemandem, der in derselben Situation ist, also nicht mit einem Arzt, wie sie mit Optionen wie PrEP und Kondomen und mit anderen sexuell übertragbaren Erkrankungen am besten umgehen. Es ist also wichtig, dass sie nicht nur zum Arzt gehen, sondern auch eine sogenannte Peer-Beratung erhalten, damit sie die Therapie einhalten und sich Fragen rund um den Einsatz von PrEP beantworten lassen können.

UNIVADIS: Ist PrEP auch für die Allgemeinbevölkerung nützlich oder sollte sie nur auf MSM abzielen?

PROF. JEAN-MICHEL MOLINA:  Weil wir unter MSM so gute Ergebnisse haben, müssen wir PrEP auch anderen Risikogruppen anbieten – in Frankreich ebenso wie in England und anderswo in Europa. Es hat lange gedauert, bis PrEP zu einem Standardverfahren oder einer Standardprävention unter MSM wurde. Und noch nicht alle MSM kennen PrEP, besonders junge MSM oder im Ausland geborene, die als Studenten oder Touristen nach Frankreich kommen. Wir müssen PrEP allen in der Schwulenszene bekannt machen, denn in dieser Szene haben wir eine hohe HIV-Übertragungsrate. Dasselbe gilt für Migranten aus Schwarzafrika in Frankreich. Auch dort gibt es eine hohe Übertragungsrate in Frankreich. Wir müssen ihnen bewusst machen, dass es ein neues Instrument gibt, um HIV auf wirksame Art vorzubeugen, und jetzt können wir die Schwulen als Beispiel nehmen. Das ist ganz wichtig. Jetzt müssen wir aber auch in den Gemeinschaften arbeiten. Es ist ganz entscheidend, dass wir ihnen erklären, was PrEP ist, wie man sie einsetzt und dass PrEP nicht für sich allein steht, sondern mit HIV-Tests verbunden ist. Wir müssen erklären, dass es HIV in Europa, auf der Welt noch gibt. Die HIV-Epidemie ist noch nicht vorbei. Noch heute sterben Menschen in unseren Kliniken an AIDS. Man kann noch an AIDS erkranken. Die Rate der neuen HIV-Infektionen in Frankreich beträgt jährlich 6000 Menschen in einem Land mit 60 Millionen. Das sind ganz viele Neuinfektionen. Wir müssen es also besser machen. Wir haben keinen Impfstoff, aber wir haben PrEP. Das ist schon sehr gut. Darum müssen wir sie breiter und öfter anwenden und den verschiedenen Gemeinschaften erklären, was PrEP ist, und dafür müssen wir die Gemeinschaften und die Leute einbeziehen, damit sie über PrEP Bescheid wissen. Wir müssen das Bewusstsein für PrEP steigern. Dafür benötigen wir Hilfe vonseiten der Regierung, aber auch die Beteiligung der Gemeinschaften ist entscheidend.

UNIVADIS: Wie viele Menschen nutzen PrEP in Frankreich?

PROF. JEAN-MICHEL MOLINA:  In Frankreich weiß man nicht genau, wie viele Menschen PrEP nutzen, weil wir keine Kohorte haben und weil sie zugelassen ist. Daher weiß man nicht genau, wie viele Menschen PrEP nutzen. Die Größenordnung ist vermutlich ähnlich wie in Großbritannien. Wir vermuten, dass in Frankreich etwa 20.000 Menschen PrEP nutzen. Das ist in Großbritannien vermutlich ähnlich oder etwas höher. Wir haben auch für Großbritannien keine genauen Zahlen. Aber in Europa haben wir in Frankreich und Großbritannien die höchste Anzahl an PrEP-Nutzern und wir hoffen, dass sich dies in Zukunft noch steigern wird und wir parallel dazu einen Rückgang der Neudiagnosen erleben werden.

UNIVADIS: Begünstigt der Einsatz von PrEP andere Geschlechtskrankheiten?

PROF. JEAN-MICHEL MOLINA:  Mit Ausnahme von HIV nehmen Geschlechtskrankheiten seit zehn Jahren überall auf der Welt zu. Bisher war das kein großes Thema, niemand kümmerte sich groß darum. Dank den Fortschritten bei HIV und PrEP hat die Erforschung und Überwachung von Geschlechtskrankheiten Priorität bekommen. Und dank PrEP werden Menschen viel besser als vorher überwacht und auf Geschlechtskrankheiten getestet. Dabei fanden wir heraus, dass mehr als zwei Drittel der erkannten Geschlechtskrankheiten asymptomatisch sind. Wir können sie also früher behandeln und die Übertragung an Partner verhindern. Es gibt noch viel zu tun, denn Geschlechtskrankheiten wurden seit 50 Jahren kaum erforscht. Jetzt, wo wir so gute Diagnoseinstrumente haben, brauchen wir bessere Prävention, also die Erforschung von Impfstoffen gegen Syphilis, Gonorrhoe und Chlamydien. Wir haben sehr gute Impfstoffe gegen Hepatitis A und B, wir müssen sie nur nutzen. Als wir die IPERGAY-Studie machten, stellten wir fest, dass 50 % der Teilnehmer keinen Schutz vor Hepatitis A hatten und sich beim Geschlechtsverkehr anstecken könnten. Es gab unlängst einen Ausbruch von Hepatitis A in der europäischen Schwulenszene. Diejenigen in den PrEP-Programmen waren geimpft und geschützt. Die Beteiligung an PrEP und die entsprechende Überwachung bietet Zugang zu anderen präventiven Behandlungsmethoden. Gleiches gilt für Hepatitis B. Hepatitis B wird sexuell übertragen, und nur zwei Drittel der Teilnehmer in unserem PrEP-Programm waren geschützt. Wir müssen also den Impfschutz verbessern und Geschlechtskrankheiten besser erforschen. Zurzeit entwickeln wir mit der ANRS in der Prevenir-Studie zu PrEP an einer Kohorte mit 3000 Probanden drei verschiedene Programme. Wir haben ein Programm zur Ausmerzung von Hepatitis C, denn wir stellen fest, dass Hepatitis C oft übertragen wird und eine Strategie zur Behandlung von Hepatitis C in der Kohorte nötig ist. Dann haben wir zwei weitere Forschungsprogramme zur Prävention von Syphilis und Chlamydien sowie zur Prävention von Gonorrhoe. Wir versuchen, den Kreuzschutz von der Meningokokken-B-Impfung auszunutzen, um das Immunsystem über die Impfung auch vor Gonorrhoe zu schützen. Es gibt bestimmte Hinweise, dass ein Kreuzschutz möglich sein könnte. Und wiederum dank PrEP und dank diesem Programm mit Unterstützung der französischen AIDS-Behörde laufen weitere Forschungsvorhaben zu Geschlechtskrankheiten, die nicht nur Menschen mit HIV-Risiko zugutekommen, sondern auch den anderen jungen Menschen, die an Geschlechtskrankheiten leiden.

UNIVADIS: Welche Nebenwirkungen hat die PrEP?

PROF. JEAN-MICHEL MOLINA:  Im Rahmen der PrEP haben wir zum Glück zwei Wirkstoffe, nämlich Tenofovirdisoproxilfumarat und Emtricitabin, die immer noch zur Behandlung der HIV-Infektion eingesetzt werden und seit 15 Jahren eingesetzt worden sind. Wir kennen diese Wirkstoffe sehr gut und sie sind die Eckpfeiler der antiretroviralen Therapie für Patienten mit HIV-Infektion, weil sie sehr wirksam und sehr sicher sind. Gleichzeitig erklärt dies, warum diese Wirkstoffe heute als Generika erhältlich sind, weil wir lange Erfahrungen damit haben und sie keinem Patent unterliegen – zumindest in Europa und bald auch in den USA. Nur in den USA wird noch die Marke Truvada verwendet. In der restlichen Welt heißt das Generikum TDF-FTC. Wir wissen also, dass die Sicherheit besonders für junge Menschen sehr gut ist. In unserer Studie mussten weniger als 0,5 % die PrEP absetzen, weil sie unerwünschte Ereignisse hatten. Die häufigsten Nebenwirkungen sind gastrointestinaler Art, also etwas Durchfall, manchmal Übelkeit. Wir verordnen den Patienten, das Medikament beim Essen zu nehmen, um die Nebenwirkungen zu verringern, und sie gehen mit der Zeit zurück. Wie bei jedem Medikament kann es zu GI-Störungen kommen. Es gibt noch zwei Nebenwirkungen, die man überwachen muss, aber sie sind sehr selten. Es geht um die renale Sicherheit. Bei manchen Menschen, die an Komorbiditäten wie Diabetes oder Hypertonie leiden oder die nephrotoxische Medikamente nehmen, kann ein erhöhtes Risiko von renaler Toxizität auftreten. Man muss also den Kreatininspiegel überwachen und die Nierenfunktion beurteilen. Wir haben aber einige Studien dazu gemacht: Die renale Sicherheit ist ausgezeichnet. PrEP allein schädigt die Nieren also nicht, sondern es geht um Komorbiditäten und andere toxische Wirkstoffe. Das ist auch der Grund für die ärztliche Überwachung. Und der Vorteil einer Teilnahme an einem PrEP-Programm besteht ja in der ärztlichen Aufsicht. Viele Patienten, die wir heute wegen PrEP in der Klinik sehen, sind noch nie zum Arzt gegangen. So können wir Hypertonie und andere Erkrankungen feststellen, oder auch Geschlechtskrankheiten, wie bereits erwähnt wurde. Gleiches gilt für Drogen und Medikamente, für Chemsex beispielsweise. Und wir versuchen, Leuten zu helfen, die Probleme mit Drogen haben. Zu diskutieren wäre noch die Sicherheitsfrage bezüglich Knochen, denn diese Wirkstoffe können langfristig die sogenannte Knochenmineraldichte etwas senken. Für Männer ist das aber kein Thema, denn sie bekommen keine Osteoporose. Der Rückgang bei der Knochenmineraldichte beträgt 1 %. Und das nimmt mit der Zeit nicht zu, sondern stabilisiert sich. Es ist also eigentlich kein Thema und muss nicht überwacht werden. Man muss sich keine Sorgen um die Knochen machen, wenn man PrEP einnimmt. Und darin liegt auch der Vorteil einer Einnahme nach Bedarf, denn so belastet man sich weniger stark als mit einer Tablette täglich und weist ein besseres Sicherheitsprofil auf. Kurzum: Die Sicherheit ist kein Thema, und in Bezug auf PrEP muss man keine Sicherheitsbedenken haben. Die Sicherheit ist sehr gut. Viel besser als beispielsweise die Antibabypille, wie ich meine, denn wir haben wirklich langjährige Erfahrungen mit beiden Wirkstoffen zur Behandlung der HIV-Infektion. Die Sicherheit ist also sehr gut.

UNIVADIS: Wie werden PrEP-Anwender überwacht? Von welchen medizinischen Anbietern?

PROF. JEAN-MICHEL MOLINA:  Man muss sich bewusst sein, dass PrEP eine neue Behandlungs- und Präventionsstrategie ist, also sind nicht alle vertraut damit. Wir müssen die Studierenden in den Universitäten über PrEP aufklären. Wir müssen Aufklärungsarbeit leisten und Hausärzte und andere Anbieter mit PrEP vertraut machen. Laut jüngsten Daten aus Frankreich gibt es in Paris zum ersten Mal einen Rückgang bei neuen HIV-Diagnosen. Das gibt den Menschen hoffentlich Vertrauen in PrEP und in die Bereitstellung von PrEP. Wir müssen dafür sorgen, dass sie sich damit wohlfühlen. Es sollte so sein wie mit der Antibabypille. In den 1970er Jahren herrschte große Skepsis, und es wurde viel über die Pille diskutiert. Heute bestreitet niemand mehr, dass es sich dabei um eine sehr effektive Methode handelt, die Frauen nutzen können oder nicht. Es gibt andere Mittel, um Schwangerschaften vorzubeugen, aber sie ist eine Option. Bei PrEP ist es auch so. Man sollte die Leute auffordern, weiterhin Kondome anzuwenden, aber auch wenn sie dazu nicht bereit sind, können sie sich vor HIV schützen. Ja, man muss sich von einem Arzt überwachen lassen, aber in immer mehr Ländern kann das auch eine Pflegekraft tun, und wir haben in Frankreich einen Antrag gestellt, sodass PrEP von Pflegekräften ausgegeben werden darf und man nicht jedes Mal zum Arzt gehen muss. Die Überwachung ist ganz einfach. Man muss das nicht alle drei Monate machen, sondern könnte es je nach Ausgangswerten des Kreatininspiegels alle 6–12 Monate vornehmen, um sicher zu sein, dass alles in Ordnung ist. Und der Vorteil einer Teilnahme an einem PrEP-Programm besteht ja in der ärztlichen Aufsicht. Viele Patienten, die wir heute wegen PrEP in der Klinik sehen, sind noch nie zum Arzt gegangen. Und so können wir Hypertonie und andere Erkrankungen feststellen, oder auch Geschlechtskrankheiten, wie bereits erwähnt wurde. Gleiches gilt für Drogen und Medikamente, für Chemsex beispielsweise. Und wir versuchen, Leuten zu helfen, die Probleme mit Drogen haben.

UNIVADIS: Ist Chemsex in Frankreich ein großes Problem?

PROF. JEAN-MICHEL MOLINA:  Heute nehmen Menschen überall Drogen – das nimmt leider immer mehr zu. Es ist ein großes Problem in den USA und auch in Europa. Es sind aber nicht nur Menschen mit HIV-Risiko, sondern alle jüngeren Personen, die an Wochenenden auf Partys oder in Diskotheken gehen. Es gibt momentan sehr viele Drogen auf dem Markt, und die Leute wissen nicht einmal, welche Art von Drogen sie nehmen. Wenn sie zu ihrem PrEP-Termin kommen, können wir die Diskussion eröffnen, wenn sie dazu bereit sind. Wenn ihr Drogenkonsum außer Kontrolle ist und sie zu viele Drogen nehmen, können wir sie fragen, ob sie zu einer Fachperson für Suchtfragen gehen möchten. Wir haben Pflegekräfte, die darauf spezialisiert sind, und wir arbeiten auch klinisch an diesem relativ neuen Thema. Denn hier haben wir ein echtes Sicherheitsproblem mit Chemsex, also mit Geschlechtsverkehr unter dem Einfluss von Drogen.

UNIVADIS: Was bringt die Zukunft für PrEP und deren Verabreichungsweg? Gibt es alternative und innovative Optionen? Wem würden diese am meisten helfen?

PROF. JEAN-MICHEL MOLINA:  Weil jetzt Nachweise vorliegen, dass die Ausgabe dieser Medikamente zur Behandlung der HIV-Infektion auch für Risikogruppen zur Vorbeugung einer HIV-Ansteckung sehr gut funktioniert, haben alle Unternehmen die PrEP-Forschung verstärkt, um die Wirksamkeit anderer Stoffe oder anderer Verabreichungswege zu beurteilen. Es werden zurzeit einige andere Wirkstoffe getestet, die Alternativen zu Tenofovir und Emtricitabin bieten, und das Unternehmen, das diese Wirkstoffe herstellt, also Gilead, hat vor Kurzem eine Studie abgeschlossen, in der nachgewiesen wurde, dass ein Prodrug von Tenofovir, nämlich Tenofoviralafenamid, als PrEP bei MSM in Kombination mit FTC ebenso gut war wie Tenofovir. Und dessen Sicherheit könnte sogar noch besser sein, was renale Toxizität betrifft. Für Menschen mit eingeschränkter Nierenfunktion wäre das eine sehr gute Option. Das Problem ist, dass es ein neuer Wirkstoff ist und es in Europa kein Generikum gibt. Die Kosten sind also höher. Aber für Menschen mit Nierenversagen oder Niereninsuffizienz, die PrEP anwenden wollen, ist das jetzt eine Option. Vielversprechender finde ich den Einsatz der lang wirksamen PrEP. Eines der Probleme mit PrEP, das sich abzeichnet, ist die mangelnde Therapietreue nach einer gewissen Zeit und folglich der mangelnde Schutz. Einige Unternehmen arbeiten also an lang wirksamen Mitteln, die man sich zum Beispiel alle drei Monate spritzen könnte. So wären die Betroffenen drei Monate lang geschützt. Noch interessanter finde ich den Einsatz von Implantaten unter der Haut. Das sind ähnliche Implantate wie jene zur Empfängnisverhütung. Das Unternehmen Merck, das diese Implantate zur Empfängnisverhütung herstellte, arbeitet daran, über das gleiche Implantat auch Wirkstoffe zur PrEP abzugeben. Und sie haben auf der Konferenz in Mexiko im vergangenen Juli gezeigt, dass der Wirkstoff, der im Implantat für PrEP zum Einsatz kommen soll, in ausreichender Menge für fast ein Jahr abgegeben werden kann. Somit hätte man ein Implantat mit antiretroviralen Wirkstoffen, die sogar mit einem Verhütungsmittel kombiniert werden könnten. Für Frauen wäre es großartig, und für Männer natürlich auch, PrEP über ein Implantat zu bekommen. Ein Implantat würde ein Jahr lang reichen. Es gibt noch andere Optionen, etwa für Frauen in Afrika, nämlich ein Vaginalring, der für einen Monat in die Vagina eingeführt wird und einen Monat lang PrEP bietet und die Frauen so schützt. Das Schutzniveau ist geringer als mit Tabletten, weil der Wirkstoff nicht im ganzen Körper verteilt wird und nicht in ausreichend hoher Konzentration ins Blut übergeht. Der Schutz ist also lokal. Der gebotene Schutz ist 50 %, was aber viel besser ist als 0 %. Und diese Schutzmethode könnte zum Beispiel in Afrika verbreitet werden.

UNIVADIS: Welche Nebenwirkungen gibt es bei der neuen PrEP-Verabreichung?

PROF. JEAN-MICHEL MOLINA:  Einige Frauen klagen über Geschwüre in der Vagina, die mit dem Einsatz der Ringe zusammenhängen. Doch gesamthaft scheint die Sicherheit sehr gut zu sein. Ich glaube, es ist ganz ähnlich wie mit Verhütung. Es muss mehrere Optionen für Männer und Frauen geben: Ringe, Pillen, Wirkstoffe zum Spritzen, Implantate. Dann können die Leute wählen, was sie anwenden wollen. Vielleicht beginnen sie mit Pillen und wechseln dann zu Implantaten oder setzen sie ab, weil das Risiko weg ist. PrEP ist keine Strategie, die man lebenslang anwenden muss. Es ist wie die Antibabypille: Es ist gut für eine gewisse Zeit, in der man eine Schwangerschaft oder eben HIV verhindern will.

UNIVADIS: Gibt es Neues bei HIV-Behandlungen? Dürfen wir uns auf neue Errungenschaften freuen?

PROF. JEAN-MICHEL MOLINA:  Zur Behandlung haben wir heute sehr wirksame Medikamente. Was sich eher abzeichnet, sind lang wirksame Spritzen oder Implantate anstelle der Tabletten. Es gibt Strategien für wöchentliche Tabletten oder monatliche Tabletten, Spritzen alle zwei Monate – das kommt schon bald, und das ist sehr erfreulich, denn mit einer Spritze alle zwei Monate vergisst man das HIV und bekommt das Gefühl, man habe keine Infektion mehr. Das sind gute Nachrichten! Und das gilt auch für Implantate. Dieselben Mittel, die lang wirksamen Medikamente, können zur Behandlung dienen. Für PrEP ist das noch einfacher, aber es kommt auch für Behandlungen, und das Ziel oder der Gral ist es, ein Heilmittel gegen HIV zu finden. Zurzeit laufen viele Studien, um ein Heilmittel zu finden und HIV bei bereits infizierten Patienten auszumerzen, sodass sie keine Medikamente mehr einnehmen müssen. Die Nebenwirkungen der Behandlungen sind bereits sehr gering. Die meisten Patienten haben keine Nebenwirkungen. Für mich war PrEP in letzter Zeit wirklich der Durchbruch, und jetzt müssen wir warten. Lang wirksame Mittel werden für die Betroffenen interessant sein, sind aber kein Durchbruch wie PrEP, denn bei der Prävention gab es damit eine grundlegende Veränderung. Ein Durchbruch wäre ein Impfstoff, Nachweise einer wirksamen Impfung, denn das benötigen wir noch. Der nächste Durchbruch, auf den wir warten, wäre also ein Impfstoff und ein Heilmittel – das brauchen wir in Bezug auf HIV. Um die Krankheit zu beenden, braucht es ein Heilmittel und eine Impfung. Was wir heute haben, ist recht gut. Wir können die Epidemie wohl eindämmen und schmälern, was schon sehr schön und sehr wichtig ist, aber um HIV auszurotten, brauchen wir Heilmittel und Impfung.

Disclosures / Honorare: MSD, Gilead, ViiV, Teva

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