Eine Frau mit Atemnot und blauen Skleren

  • Dr. med. Thomas Kron
  • Patienten-Fall
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Kernbotschaften

Fallen bei Patienten blaue Skleren auf, sind mehrere mögliche Ursachen zu erwägen. Eine Ursache hat der japanische Arzt Dr.Yasuhiro Kano (Department of General Internal Medicine, Tokyo Metropolitan Tama Medical Center) bei einer 46-jährigen Frau festgestellt. 

Die Patientin und ihre Geschichte

Die 46-jährige Frau stellte sich wegen seit drei Monaten zunehmender Müdigkeit und Kurzatmigkeit vor. Sie hatte eine Vorgeschichte von Uterusmyomen mit starken Menstruationsblutungen.

Die Befunde 

Die körperliche Untersuchung ergab eine Blässe des Gesichts und des Bindehautrands, blaue Skleren und Koilonychien. 

Labortests ergaben einen Hämoglobinwert von 4,0 g/dl (Referenzbereich 12-16), einen Hämatokritwert von 16,7 % (37-47), ein mittleres korpuskuläres Volumen von 54,8 fL (80-98), einen Serumferritinwert von 0,8 ng/ml (24-307) und eine Transferrinsättigung von 2,8 % (20-50 %). 

Diagnose und Therapie

Aufgrund der Diagnose Eisenmangelanämie erhielt die Patientin eine Bluttransfusion und Eisenpräparate. Wegen ihrer Uterusmyome wurde sie mit oralen Gonadotropin-Releasing-Hormon-Antagonisten behandelt. Drei Monate später waren laut Yasuhiro Kano ihre Symptome und körperlichen Befunde, einschließlich der blauen Skleren, verschwunden; Hämoglobin- und Ferritinwerte hatten sich normalisiert.

Diskussion

Blaue Skleren sind nach Angaben von Kano ein häufiger Befund bei Eisenmangel, werden aber oft übersehen. 1908 habe Sir William Osler erstmals eine blaue Verfärbung der Skleren als Symptom einer Anämie bei jungen Mädchen beschrieben. Fast 80 Jahre später hätten dann britische Ärzte im „Lancet“ berichtet, dass blaue Skleren bei Patienten mit Eisenmangelanämie (87 %) häufiger vorkommen als bei Patienten mit anderen Arten von Anämie (7 %). Bei erwachsenen Patienten wiesen blaue Skleren Berichten zufolge eine Sensitivität von 87 % bis 89 % und eine Spezifität von 64 % bis 94 % für Eisenmangelanämie und Eisenmangel auf.

Blaue Skleren kommen laut Kano auch bei anderen Erkrankungen vor, etwa bei rheumatoider Arthritis, Myasthenia gravis und langfristiger Steroidtherapie. Besonders häufig sind sie bei genetisch bedingten Erkrankungen, insbesondere bei der Osteogenesis imperfecta. 

Eine bekannte Ursache ist auch eine langjährige Behandlung Minocyclin. Über einen solchen Fall haben zum Beispiel vor knapp einem Jahr US-Dermatologen um Professor Dr. Misha Rosenbach (Universität von Pennsylvania, Philadelphia) im Fachmagazin „JAMA“  berichtet. 

Den Autoren zufolge kann sich die Minocyclin-induzierte Hyperpigmentierung als bläuliche Pigmentierung der Haut, die der Skleren, Nägel, Zähne und der Mundschleimhaut manifestieren. Die gemeldete Inzidenz schwanke zwischen 2 % und 15 % bei Patienten, die wegen Akne behandelt würden, und zwischen 41 % und 54 % bei Patienten mit rheumatoider Arthritis. Der Mechanismus der Hyperpigmentierung sei unklar; histopathologische Untersuchungen weisen laut Rosenbach und seinen Kollegen darauf hin, dass Minocyclin und/oder seine Metaboliten wahrscheinlich unlösliche Komplexe mit Eisen bilden, die sich im Gewebe ablagern. Die durch Minocyclin hervorgerufene kutane Hyperpigmentierung bleib auch nach Absetzen des Medikaments bestehen; die Therapie sei schwierig.