Eine COVID-19-Patientin mit nach dorsal ausstrahlenden Bauchschmerzen

  • BMJ Case Reports

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Fall der Woche
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Kernbotschaften

COVID-19 ist eine Multiorgan-Erkrankung; auch das Pankreas kann offenbar betroffen sein, wie unter anderen die aktuelle Krankengeschichte einer Frau schlussfolgern lässt, die Chirurgen des Salmaniya Medical Complex in Manama (Bahrain) im Fachblatt „BMJ Case Reports“ schildern. 

Die Patientin und ihre Geschichte

Bei der Patientin handelte es sich um eine 52-jährige Frau mit Diabetes mellitus Typ 2, Hypertonie, Hypothyreose und morbider Adipositas. Die Patientin entwickelte innerhalb von einer Woche Symptome wie Fieber, trockenen Husten und Kurzatmigkeit; ein PCR-Test bestätigte die Verdachtsdiagnose einer  Infektion mit SARS-CoV-2. Einige Tage später nahmen Husten,Kurzatmigkeit und Hypoxie zu; Röntgen-Thorax-Aufnahmen ergaben den Befund einer COVID-19-Pneumonie. Behandelt wurde die Frau daraufhin mit Steroiden und Antibiotika. Als die Lungenentzündung abklang und die Patientin nach zwei negativen Nasen-Rachen-Abstrichen auf die Entlassung vorbereitet wurde, klagte sie erstmals seit Beginn der respiratorischen Symptome über Bauchschmerzen. 

Symptome und Befunde

  • Brennende Schmerzen im Epigastrium (rechter oberer Quadrant) mit Ausstrahlung in den Rücken, zudem Übelkeit und Erbrechen. Die Patientin verneinte den Konsum von Alkohol und das Auftreten ähnlicher Symptome in der Vergangenheit. Zehn Jahre zuvor war eine laparoskopische Cholezystektomie wegen Gallensteinen durchgeführt worden, fünf Monate zuvor eine Hysterektomie wegen Uterusmyomen.
  • Abdomen-CT: atrophisches Pankreas mit diffuser Fettinfiltration, minimale peripankreatische Fettstränge und Flüssigkeit sowie reaktive Lymphknoten. 
  • Der CT-Befund deutete den Autoren zufolge auf eine frühe akute Pankreatitis ohne Nekrose, Pseudozyste oder Gasbildung hin.

Diagnose und Verlauf

Die behandelnden Ärzte dachten zunächst an eine Pankreatitis durch eine Hypertriglyceridämie; Lipidprofil und Triglyceridspiegel sprachen jedoch dagegen. Hinweise auf andere mögliche Ursachen der Pankreatitis gab es den Autoren zufolge ebenfalls nicht, mit Ausnahme der Möglichkeit einer durch Medikamente induzierten Pankreatitis. Da es jedoch bereits mehrere Berichte über COVID-19-Patienten mit Bauchspeicheldrüsen-Entzündung gebe, sei ihrer Ansicht nach bei ihrer Patienten die Virus-Infektion die wahrscheinliche Ursache der Pankreatitis gewesen. Die Patientin wurde konservativ behandelt und konnte schließlich nach Hause entlassen werden.

Diskussion und Empfehlungen

Wie die Autoren erläutern, sind mehrere unterschiedliche Viren mögliche Auslöser einer akuten Pankreatitis. Der genaue Mechanismus, durch den Viren eine Pankreatitis verursachten, sei unbekannt; außerdem könnte es sein, dass unterschiedliche Viren die Bauchspeicheldrüse auf unterschiedliche Weise schädigten. Die Autoren empfehlen, jeden Patienten mit akuter Pankreatitis auf SARS-CoV-2 zu untersuchen. Sei bei einem komplizierten Verlauf einer akuten Pankreatitis durch SARS-CoV-2 ein invasiver bzw. chirurgischer Eingriff notwendig, sollte bedacht werden, dass eine Übertragung des Virus auf das medizinische Personal möglich ist. 

Erkenntnisse zum Pathomechanismus einer Pankreas-Schädigung durch SARS-CoV-2 haben kürzlich Ulmer Forscher gewonnen und im Fachmagazin Nature Metabolism“. publiziert. Die Wissenschaftler hatten Gewebe aus der Bauchspeicheldrüse mit SARS-CoV-2 in Kontakt gebracht und so herausgefunden, dass sich die sogenannten Langerhans‘schen Inseln mit dem Virus infizieren lassen. In diesen „Inseln“ sitzen die insulinproduzierenden Beta-Zellen. „Diese Beta-Zellen exprimieren bestimmte Eiweißmoleküle, ohne die SARS-CoV-2 die Zellen nicht infizieren kann. Die körpereigenen Proteine TMPRSS2 und ACE2 sind sozusagen das Schloss, über das die Coronaviren mit ihrem Schlüsselprotein `Spike´ in die Zellen eindringen. Daraufhin vervielfältigen sich die Virus-Bausteine, und viele neue infektiöse Viruspartikel werden freigesetzt. Genau das konnten wir auch in den Langerhans’schen Inseln beobachten“, so Professor Jan Münch, Studienleiter vom Institut für Molekulare Virologie der Universität Ulm, in einer Mitteilung.

Bei Autopsien von COVID-19-Patienten fanden die Forscher darüber hinaus eine SARS-CoV-2-Infektion des Pankreas. „Das Erstaunliche daran: Selbst nachdem in der Lunge keine Virusproteine mehr zu finden waren, konnten diese in der Bauchspeicheldrüse noch nachgewiesen werden, und dies bei unterschiedlich langen Krankheitsverläufen“, so Professor Thomas Barth, der als Pathologe des Universitätsklinikums Ulm an der Studie beteiligt war. Dies deute möglicherweise darauf hin, dass das neuartige Coronavirus nicht nur außerhalb der Lunge aktiv sei und andere Organe infiziere, sondern dass diese Infektionen häufiger und andauernder seien als bisher angenommen.