Eine Appendektomie reduziert das Risiko für Morbus Parkinson um ein Fünftel

  • 15.11.2018

  • Michael Simm
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Eine große epidemiologische Studie stützt die Hypothese, dass die Parkinsonkrankheit ihren Anfang im Magen-Darm-Trakt nimmt: Nach einer Appendektomie war das Risiko zu erkranken in der schwedischen Bevölkerung insgesamt um 19 % geringer und das Diagnosealter um 1,6 Jahre verzögert.

Hintergrund

Ein Charakteristikum des Morbus Parkinson ist die Akkumulation des Proteins α-Synuklein, die einer aktuellen Hypothese zufolge im Magen-Darm-Trakt ihren Anfang nimmt. Auch treten gastrointestinale Störungen auf, oftmals bis zu 20 Jahre vor der Krankheitsmanifestation. In einigen epidemiologischen Studien konnte zudem gezeigt werden, dass trunkale Vagotomien, welche die Nervenverbindungen vom GI-Trakt zum Gehirn unterbrechen, mit einem geringeren Risiko einhergehen, an Morbus Parkinson zu erkranken. Dies und weitere Indizien haben die Autoren dazu veranlasst, nun auch den möglichen Einfluss einer Appendektomie zu untersuchen.

Design

Auswertung zweier unabhängiger, aber komplementärer Datensätze: Das nationale Schwedische Patientenregister, die sämtliche Diagnosen der gesamten Bevölkerung enthält, sowie der Parkinson´s Progression Markers Initiative mit sowohl demographischen, als auch genetischen Informationen zu 849 Parkinson-Patienten und 200 Kontrollen.

Hauptergebnisse

  • Die Auswertung der schwedischen Datenbank mit nahezu 1,7 Millionen Individuen, 92 Millionen Personenjahren und einer Nachverfolgungszeit von bis zu 52 Jahren ergab, dass eine Appendektomie mit einem niedrigeren Risiko einhergeht, an Parkinson zu erkranken: Unter den 551.647 Personen mit einer Appendektomie war die Parkinson-Inzidenz 1,60 / 100.000 Personenjahre, bei den Kontrollen 1,98 / 100.000 Personenjahre. Die Risikoreduktion von 19,3 % (95%-Konfidenzintervall 10,4 – 27,2 %) war hochsignifikant.
  • Auch die Prävalenz war unter appendektomierten Personen niedriger als in der Allgemeinbevölkerung, und zwar um 16,9 %. In der ersten Gruppe wurden jeweils 1,17 / 1000 Personen mit Parkinson diagnostiziert, in der zweiten waren es 1,4. Außerdem fand man eine Verzögerung des durchschnittlichen Alters bei der Diagnose um 1,6 Jahre, wenn der Blinddarm mindestens 20 Jahre zuvor entfernt worden war, und von 3,6 Jahren, wenn der Eingriff mindestens 30 Jahre zurück lag.
  • Da epidemiologische Studien ein höheres Risiko für die landlebende Bevölkerung ergaben – möglicherweise wegen höherer Pestizid-Expositionen – wurde diese Untergruppe separat ausgewertet. Tatsächlich zeigte sich hier mit 25,4 % eine noch stärkere Risikoreduktion, während Stadtbewohner in dieser Subgruppenanalyse keine Risikoreduktion mehr aufwiesen.
  • Die Forscher bestätigten außerdem die Häufung aggregierten α-Synukleins in den Schleimhäuten und im enterischen Plexus des gesunden menschlichen Appendix in allen Altergruppen, einschließlich Individuen unter 20 Jahren, sowie verkürzte Formen von α-Synuklein, die zur Verklumpung neigen. Diese Formen waren zwar auch bei gesunden Individuen vorhanden, bei Patienten mit Parkinson-Krankheit jedoch konzentrierter.

Klinische Bedeutung

Die Daten deuten auf eine Rolle des Appendix bei der Genese der Parkinson-Krankheit hin und zeigen gleichzeitig einen möglichen Mechanismus auf. Der Befund, dass die Risikoreduktion infolge einer Appendektomie im Wesentlichen durch den starken Effekt bei der Landbevölkerung zustande kommt, deuten die Autoren so, dass durch den Eingriff Umweltfaktoren beeinflusst werden.

Finanzierung: Alzheimer´s Society of Canada, Michael J. Fox Foundation, u.v.a.