Ein Mann mit Oberbauchschmerzen und eine hilfreiche Liquor-Analyse

  • Der Internist

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Fall der Woche
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Kernbotschaften

Epigastrische Schmerzen haben viele mögliche Ursachen; oft helfen Anamnese, klinische Untersuchung und eine Sonographie oder andere bildgebende Methode weiter. Eher selten dürfte auch eine Liquor-Analyse indiziert sein, wie etwa in dem Fall eines Mannes, dessen Krankengeschichte ein Team um Privatdozent Dr. Ingmar Mederacke von der Medizinischen Hochschule Hannover schildert.

Der Patient und seine Geschichte

Der 59-jährige Mann kam den Autoren zufolge wegen stärksten, seit einigen Tagen bestehenden Oberbauchschmerzen in die Notaufnahme der Klinik. Eine Gastroskopie,  die kurz zuvor durchgeführt worden war, hatte keinen wegweisenden Befund geliefert. Wegen eines chronischen HWS-Syndroms nahm der Mann Ibuprofen und einen Protonenpumpenhemmer, wegen Bluthochdruck nahm er Nebivolol plus Olmesartan. Die epigastrischen Schmerzen habe der Patient als massiv und brennend beschrieben; sie seien vermehr während der Nacht aufgetreten und hätten in den Rücken ausgestrahlt. Weitere Beschwerden habe der Mann nicht angegeben, etwa Gewichtsverlust und Nachtschweiß . 

Befunde und Diagnose

  • Reduzierter Allgemeinzustand, normaler Ernährungszustand, Vitalparameter normal, kein Fieber
  • Druckschmerzhaftes Epigastrium ohne Zeichen eines Peritonismus, Stuhlgang und Miktion unauffällig 
  • Aufnahmelabor inklusive Urinuntersuchung ohne weiterführende Ergebnisse
  • Serologischer Befund: keine akute Infektion mit Herpesviren oder Hepatitisviren;  keine Borrelieninfektion bei anamnestisch bestehendem Zeckenbiss 
  • Sonographie: Nicht weiterführend
  • Gastroskopie: heilendes Ulkus im Bereich der Z-Linie sowie leichtgradige Refluxösophagitis
  • Elektrokardiogramm: unauffällig
  • Echokardiographie: Pumpfunktion und Klappen unauffällig
  • CT ohne Hinweise auf Lungenarterienembolie oder Aortendissektion 
  • MRT: kein in die Perineuralscheide infiltrierendes Pankreaskarzinom
  • WS-MRT mit KM: Radikulitis 
  • Liquor-Analyse: entzündliches Zellbild mit lymphomonozytärer Pleozytose, schwerer Schrankenstörung und intrathekaler Immunglobulinsynthese mit oligoklonalen Banden von Typ 2; borrelienspezifische Antikörper im Liquor (Serologie persistierend negativ)

Diagnose: Neuroborreliose nach Zeckenbiss mit diffuser Schmerzsymptomatik 

Empfehlungen 

Bei der Abklärung epigastrischer Beschwerden sollten nach Ausschluss häufiger Ursachen auch seltenere Differenzialdiagnosen wie die Neuroborreliose berücksichtigt werden, empfehlen die Autoren; dies gelte „insbesondere auch aufgrund der guten Therapierbarkeit“. Eine Neuroborreliose könne auch ohne Erythema chronicum migrans auftreten; außerdem könne die serologische Untersu- chung auf Borrelien im Blut negativ sein,  sodass bei Verdacht eine Liquorpunktion erfolgen sollte. 

Eine Neuroborreliose tritt nach Angaben der Autoren bei etwa 10–15 % aller klinisch apparenten Borrelieninfektionen auf. Die häufigste Manifestationsform mit etwa zehn Prozent stelle eine Beteiligung des peripheren Nervensystems mit inflammatorischer Polyradikulitis von Spinalnerven oder Hirnnerven mit segmentalradikulärer, häufig nächtlicher Schmerzsymptomatik dar, in 2–4% der Fälle könne es zudem zu einer Beteiligung des ZNS kommen (Meningitis, seltener eine Myelitis oder Enzephalitis .

Gemäß den Leitlinien werde eine 14-tägige antiinfektive Therapie bei früher Neuroborreliose empfohlen, da Studien bei längerer Therapie keinen Vorteil hätten zeigen können. Ein Jahr nach Behandlung seien neun von zehn Patienten symptomfrei. Bei chronischer Neuroborreliose sollte länger behandelt werden (14–21 Tage).