Ein französischer Romancier und sein „Faible“ für Ärzte und die Heilkunde

  • Dr. med. Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Schon der Titel „Die menschliche Komödie“, die Honoré de Balzac seinem Werk gegeben hat, macht deutlich, dass der französische Romancier sich für Menschen interessiert hat, für ihre Stärken, ihre Schwächen, ihre Träume, ihre „Niederlagen“. Zu den Menschen, mit denen sich der relativ jung gestorbene, angeblich kaffee-süchtige Schriftsteller immer wieder befasste, zählten auch Ärzte, fiktive und auch reale wie etwa der berühmte Chirurg Guillaume Dupuytren (1777 - 1835), dem eine Erkrankung des Bindegewebes der Handinnenfläche ihren Namen verdankt. 

Eine Zeit des großen literarischen und wissenschaftlichen Wandels

Der Hintergrund für das Interesse des Schriftstellers an Ärzten und der Medizin: Balzac, 1799 in Tours geboren und 1850 in Paris gestorben, schrieb seine Romane in einer Zeit des großen literarischen und wissenschaftlichen Wandels. Durch den Realismus, in dem sowohl die positiven als auch die negativen Aspekte des Lebens dargestellt wurden, erhielten die Ärzte natürlich eine viel aktivere Rolle in den Romanen. Damit einher ging die Entwicklung der Wissenschaft und der Medizin, die Balzac faszinierte, was dazu führte, dass Ärzte in den Werken des Romanciers eine durchaus wichtige Rolle spielten. 

Gesundheit ein häufiges Thema in der Familie

Außerdem war Gesundheit ein stets präsentes Thema in der Familie des Schriftstellers, wie Johannes Willms in seiner Balzac-Biographie berichtet: So habe sich außer der Großmutter Sallambier, „die sich laut Willms über nichts lieber ausließ als über ihre eingebildeten Krankheiten“, auch sein Vater Bernard Francois Balzac ausschließlich damit beschäftigt, hundert Jahre alt zu werden.

Großen Einfluss auf die Arbeit des Schriftstellers hatte sein Vater auch, weil dieser während seiner zehnjährigen Tätigkeit als Verwalter des Hospizes von Tours zahlreiche medizinische Kontakte geknüpft hatte. Seine Erzählungen, Lektüren, persönlichen Studien und Broschüren zu sozialmedizinischen Themen waren für den Sohn eine große Quelle. Seine Mutter wiederum hatte ihn trotz ihrer mangelnden Zuneigung mit ihrem Interesse für Pseudoreligiöses und Okkultismus ebenfalls stark beeinflusst.

Seine Faszination für die Wissenschaften führte den Romancier dazu, dass er viele Bekanntschaften in medizinischen und wissenschaftlichen Kreisen machte und auch einiges medizinisches Wissen erwarb, insbesondere in der Neuropsychiatrie und Physiologie.

Ärzte im Leben und Werk des Romanciers

Den größten Teil seines medizinischen Wissens schöpfte Balzac aus dem Kreis seiner Freunde. Er hatte Verbindungen zu vielen großen Gelehrten seiner Zeit, etwa zu Guillaume Dupuytren, zu dem Militärchirurgen und Pathologen François Joseph Victor Broussais (1772 - 1838), dem Naturforscher Georges Cuvier und auch zu dem Zoologen Geoffroy Saint-Hilaire, dem er den Roman „Le père Goriot“ und das Vorwort in „La comédie humaine“ widmete. Einige dieser realen Mediziner und Wissenschaftler dienten als Vorbilder für Ärzte in „La comédie humaine“, außer Guillaume Dupuytren vor allem der Arzt Dr. Émile Regnault, den Balzac 1831 am Ende seines Medizinstudiums in Paris kennenlernte, und der in der „comédie humaine" Modell für den Arzt Horace Bianchon (Roman: „César Birotteau") stand.

Phrenologie, Physiognomie, Mesmerismus

Der engste Vertraute Balzacs war laut dem französischen Neurologen Professor Thierry Moulin (Hôpital Jean Minjoz, Besançon), jedoch zeitlebens Dr. Jean-Baptiste Nacquart (1780 - 1854), ein treuer Freund und Vertrauter, der bei Balzacs Tod anwesend war. Ihm widmete der Romancier „Le lys dans la vallée“ („Die Lilie im Tal“). Nacquart interessierte sich insbesondere für die Phrenologie; 1808 veröffentlichte er „Traité sur la nouvelle physiologie du cerveau, ou exposition de la doctrine de Gall“. Die überraschende Präsenz der Phrenologie und der Physiognomie in „La comédie humaine“ ist laut Moulin im Wesentlichen auf den Einfluss Nacquarts zurückzuführen, der sich weitgehend von den Theorien des französischen Mediziners und Philosophen Pierre-Jean-Georges Cabanis (1757 - 1808) über die Beziehung zwischen den physischen und moralischen Aspekten des Menschen inspirieren ließ. 

Fasziniert war Balzac darüber hinaus vom animalischen Magnetismus (Mesmerismus) und dem Phänomen des Somnambulismus. „Er war von diesen unerklärlichen Phänomenen besessen; sie spielten daher in seinen Werken eine wichtige Rolle.“  So erzählt er in dem Roman „Ursule Mirouët“ die Geschichte des Mesmerismus und beschreibt Dr. Mironet, einen so genannten Schwedenborgisten (Emanuel Swedenborg, 1688 - 1772, schwedischer Wissenschaftler, Mystiker und Theosoph), als einen starken Anhänger der Theorien von Franz Anton Mesmer, dem Begründer der Lehre vom animalischen Magnetismus. 

Dupuytren und Desplein

Einer der wohl interessantesten Ärzte im Werk von Balzac ist der Chirurg Dr. Desplein. Interessant ist er insbesondere, weil er als die fiktive Version von Dupuytren gilt. Despleins Geschichte findet sich in „La messe de l’athée“ („Die Messe des Gottlosen“), wo der große Chirurg seine eigene Geschichte erzählt. Wie Dupuytren stammt Desplein aus einer armen Familie aus der Provinz und geht Ende des 18. Jahrhunderts nach Paris, um Medizin zu studieren. Er ist kurz davor, sein Studium mangels finanzieller Mittel abzubrechen, als ein armer Wasserträger aus Saint-Flour Gefallen an ihm findet, ihm seine Prüfungen und Bücher finanziert, ihm alle materiellen Aspekte des Lebens sichert und schließlich sein Diener wird. Dank ihm wird Desplein Assistenzarzt im Hôtel-Dieu und später Chirurg, was ihn berühmt macht und ihm die Türen der Akademie der Wissenschaften öffnet. 

Balzac beschrieb Desplein als Genie: „[Er] hatte ein göttliches Auge; er durchschaute den Kranken und seine Krankheit mit einer natürlichen oder erworbenen Intuition, die es ihm ermöglichte, die dem Individuum eigentümliche Diagnostik zu erfassen, den genauen Zeitpunkt, die Stunde, die Minute zu bestimmen, wann eine Operation durchgeführt werden sollte.“ Desplein ist auch ein geschickter Augenchirurg und hilft Modeste Mignon, ihr Augenlicht wiederzuerlangen. Balzac gibt in diesem Roman Despleins Diagnose zwar nicht an, aber es ist, wie Thierry Moulin erläutert, wahrscheinlich, dass es sich um eine Katarakt-Operation handelt, Dupuytrens Spezialgebiet. 

Balzac schildert auch einige unangenehme Charakterzüge des Arztes. So stellt er Desplein als einen geizigen Mann dar: einsam und menschenfeindlich, aber um Anerkennung buhlend und ruhmsüchtig. Für Balzac erfordert die Ausübung der Medizin völlige Uneigennützigkeit. Wie gut der Schriftsteller einen Teil der Persönlichkeit Dupuytrens erkannte, wird laut Thierry Moulin durch das Gerücht verdeutlicht, dass Balzac der Geliebte von Caroline Marbouty wurde, die auch die Geliebte Dupuytrens war.

Krankheiten in der „Menschlichen Komödie

Balzac war vor allem an Ärzten interessiert, beschäftigte sich allerdings auch mit Krankheiten. So beschreibt er in seinem 1840 geschriebenen Roman „Pierrette“ den Fall eines chronischen subduralen Hämatoms, einschließlich seiner traumatischen Entstehung und chirurgischen Behandlung. Die Beschreibung wurde zu einer Zeit verfasst, als das subdurale Hämatom nicht als eigenständige klinische Entität angesehen wurde und man im Allgemeinen davon ausging, dass es das Ergebnis einer Entzündung war.

In dem autobiographischen Roman „Louis Lambert“, der erstmals 1832 veröffentlicht wurde, beschreibt Balzac den geistigen Verfall eines jungen Mannes, womit er womöglich die erste vollständige und überzeugende Beschreibung der Schizophrenie geliefert haben soll - und zwar 69 Jahre bevor Emil Kraepelin das Konzept der Dementia praecox vollständig entwickelte und 76 Jahre bevor Egon Bleuler das Wort „Schizophrenie" prägte.