Ein französischer Monarch mit analen Qualen

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Von Christoph Renninger

Im Januar des Jahres 1686 formte sich ein Tumor am Gesäß des Sonnenkönigs. Sein Leibarzt Antoine Daquin beschreibt den Tumor als kleinen Knoten, zwei Fingerbreit vom Anus entfernt, nicht schmerzhaft, gerötet oder pulsierend. Wahrscheinlich wurde der Knoten durch eine entzündende Drüse ausgelöst, da dies im 17. Jahrhundert häufig vorkam.

Die Ärzte Ludwigs begannen die Behandlung unter anderem mit Zucker, verschiedenen Kräutern oder mit in Rotwein gekochten Rosen. Als sich aus dem Knoten ein perianaler Abszess entwickelte, punktierten sie ihn, um Eiter abzulassen. Den entstandenen Hohlraum füllten sie mit verschiedenen Substanzen, was dem König erhebliche Schmerzen bereitete.

Ludwig XIV. wurde zunehmend wütend, da Abszess und Eiter ihn weiter quälten und er sich deshalb täglich 2-3-mal umziehen musste. Seine Beschwerden dauerten Monate an, die Schmerzen nahmen sogar zu. Jedes Mal, wenn er sich besser fühlte, machten es die Hofärzte durch Einläufe und Abführmittel wieder schlimmer. . Regelmäßige Behandlungen mit rot-glühendem Eisen hatten die Ausmaße noch vergrößert.

Nach Monaten der Schmerzen und anderer Beschwerden realisierte der Herrscher, dass seine Ärzte machtlos waren, und entschied sich für eine Operation. Bis dahin isolierte er sich mürrisch in seinen privaten Gemächern in Versailles. Am Hofe war er nur noch selten zu sehen, er musste das Reiten aufgeben; in den Gärten hielt er sich in einer Sänfte auf.

Das Vorspiel zur Operation

Zur damaligen Zeit galten Chirurgen  als "Handwerker" und nicht als Ärzte. Und kein Chirurg sollte es wagen, Hand an den König zu legen, ohne den Eingriff perfekt zu beherrschen. Die Operation wurde im Detail und streng geheim geplant. Außer den Ärzten des Königs waren lediglich seine Mätresse und geheime Ehefrau Madame de Maintenon und sein Beichtvater Pére La Chaise darüber informiert.

Der königliche Chirurg Charles-François Félix (junior) (1635 – 1703) hatte eine derartige Operation nie zuvor durchgeführt, durfte aber experimentell Erfahrungen sammeln: und zwar an Patienten aus den Krankenhäusern in Versailles. Historiker haben erfolglos versucht, mehr über deren Schicksal in Erfahrung zu bringen. Gerüchte besagen, dass die Opfer der Experimente bei Sonnenaufgang heimlich beerdigt wurden.

Der Tag der Operation

Am Tag vor dem Eingriff spazierte der König durch seine Gärten, aß mit der Familie zu Abend. Aufgrund der starken Schmerzen dabei fasste er schließlich den Entschluss, die Operation kurzfristig um einen weiteren Tag zu verschieben. Am 18. November 1686 um 7 Uhr morgens war es dann soweit.

Um keinen Verdacht zu erregen, waren die königlichen Ärzte und Chirurgen, sowie vier Apotheker in den frühen Morgenstunden auf unterschiedlichen Wegen im Vorzimmer des königlichen Schlafgemachs eingetroffen. Nach einem Einlauf zeigte der König großes Interesse an den Instrumenten, die zum Einsatz kommen sollten, und schien seine Nerven gut unter Kontrolle zu haben.

Ludwig XIV. legte sich nun bäuchlings auf ein Bett, mit einem Kissen unter dem Bauch und weit gespreizten Beinen. Die dreistündige Operation wurde ohne Betäubung durchgeführt. Angeblich klagte der König nicht über Schmerzen und rief lediglich zwei Mal „Mon Dieu“, obwohl die Schmerzen qualvoll gewesen sein müssen.

Der Eingriff war ein Erfolg. Später waren zwar zwei weitere ähnliche Eingriffe notwendig. Der Sonnenkönig aber war von der Operation überzeugt,  Schnell verbreitete sich im Palast die Kunde von der Heilung. Der König hielt von seinem Bett aus Hof, singend und in bester Stimmung. Schon zwei Tage später war Ludwig XIV. wieder auf den Beinen.

Ein Platz in den Geschichtsbüchern?

Es war die wohl berühmteste Operation des 17. Jahrhunderts, in den persönlichen Krankenakten des Königs taucht sie jedoch lediglich mit einem halbseitigen Satz auf. Der operierende Chirurg war natürlich an einer ausführlichen Beschreibung interessiert und verfasste am Tag darauf ein 18-seitiges Dokument. Über den Verbleib dieses Berichts ist wenig bekannt. 2007 soll er wieder aufgetaucht und bei einer Auktion für 4000 Euro versteigert worden sein.

Die Folgen der Operation

Die Chirurgen wurden mit Adelstiteln, Palästen und Reichtümern belohnt. Jeder Mensch, der an einer Analfistel litt, hatte nun Hoffnung auf Heilung durch die Operation. Und wie alles, was der Sonnenkönig tat, wurde auch die Operation zur Mode am Hofe. Adlige standen Schlange, um wie der König operiert zu werden, ob mit oder ohne Fistel.

Nicht nur der König war bei der Operation sehr mutig, auch die Operateure. Eine misslungene Operation oder gar der Tod des Königs hätten schwerwiegende Konsequenzen gehabt. Die Kunde über die erfolgreiche Operation fand den Weg durch ganz Europa; viele Menschen kamen nach Frankreich, um dort von den geübten Chirurgen operiert zu werden. Paris war das Zentrum der Anatomie und Chirurgie. Zuvor von Ärzten in den Schatten gestellt, standen nun die Chirurgen im Rampenlicht.

Auch bei anderen Gelegenheiten benötigte Ludwig XIV. chirurgische Hilfe, etwa nach einem Reitunfall 1683 und aufgrund eines Abszesses an seinem Hals. Sein späterer Hofchirurg Georges Mareschal (1686-1736) war zudem in ganz Europa bekannt für seine Fähigkeiten bei der Operation von Blasensteinen.

Der Tod von Ludwig XIV. im Jahr 1715 wurde auch durch medizinische Fehler verursacht. Seine Ärzte opponierten gegen eine chirurgische Intervention und hielten eine beginnende Gangrän fälschlicherweise für Ischiasbeschwerden. Der König flehte seine Chirurgen an, sein Bein zu amputieren, aber es war bereits zu spät. Unter extremen Schmerzen starb der König, auch wenn durch eine frühzeitige Amputation sein Leben hätte gerettet werden können.  

Die Entwicklung der französischen Chirurgie

Durch Macht und Einfluss des Sonnenkönigs etablierte sich die Chirurgie als medizinische Disziplin. So setzte er selbst chirurgische Lehrstühle im Le Jardin du Roi (heute Jardin des Plantes) ein, oftmals im Disput mit der mächtigen medizinischen Fakultät. Die Universität sah die königlichen Ärzte mit Argwohn und war skeptisch gegenüber dem Aufstieg der Chirurgen. Die Fakultät war als reaktionär und feindselig gegenüber den neuen Ideen der Aufklärung bekannt und es kam sogar zu körperlichen Auseinandersetzungen.

Nach dem Tod Ludwig XIV. führten die nächsten königlichen Chefchirurgen eine Reihe von Reformen durch, etwa zur Neuorganisation der chirurgischen Ausbildung mithilfe erfahrener Operateure. Die ersten offiziellen Kurse wurden 1724 abgehalten. Die medizinische Fakultät wollte erfolglos die Kontrolle darüber erlangen.

Ein wichtiger Schritt war die Einrichtung der l’Academie Royale de Chirurgie 1731 mit Unterstützung von Ludwig XV. Die Einrichtung der Akademie war ein sofortiger Erfolg und war schnell in der Fachwelt angesehen. Sie existierte 62 Jahre und brachte eine große Zahl bekannter Chirurgen hervor.

Voltaire (1694-1778) beschreibt den Fortschritt in der Chirurgie als so schnell und verblüffend, dass Menschen aus allen Teilen der Welt nach Paris kamen, um sich operieren zu lassen. Frankreich hatte nicht nur hervorragende Chirurgen, sondern als einziges Land auch die notwendigen Instrumente.

Mit der Revolution von 1789 fand auch die königliche Akademie ihr Ende. In den folgenden turbulenten Jahren mit wechselnden Republiken, Kaiser- und Königreichen gab es wenig akademische Entwicklung im Feld der Chirurgie. Eine neue Fachgesellschaft wurde erst 1843 in Paris geschaffen.

Unter dem Einfluss der Arbeiten des Autoren und Philosophen Denis Diderot (1713-1784) vereinten sich im Medizinstudium die innere Medizin und die Chirurgie. Medizinische Einrichtungen in Paris, Montpellier und Straßburg ersetzen rein chirurgische Ausbildungsstätten.

Napoleon Bonaparte (1769-1821) verhinderte eine erneute Spaltung der medizinischen Disziplinen, indem er eine unabhängige Organisation von Chirurgen verbot. 1808 fand eine Neuorganisierung der Universitäten statt, medizinische Fakultäten wurden wieder aufgebaut, mit gleichberechtigtem Dasein der wichtigen medizinischen Fachgebiete.

Dieser Artikel ist im Original erschienen bei Coliquio.de.