Ein älterer Mann mit spinalen Symptomen nach SARS-CoV-2-Infektion


  • Dr. med. Thomas Kron
  • Fall der Woche
Der Zugang zum gesamten Inhalt dieser Seite ist nur Angehörigen medizinischer Fachkreise vorbehalten. Der Zugang zum gesamten Inhalt dieser Seite ist nur Angehörigen medizinischer Fachkreise vorbehalten.

Kernbotschaften

Neurologische Symptome und Komplikationen bei Patienten mit COVID-19 sind schon mehrfach beschrieben worden. Erst vor wenigen Tagen ist, wie berichtet, eine S1-Leitlinie zu „Neurologischen Manifestationen bei COVID-19“  erschienen. Eine im Zusammenhang mit COVID-19 bislang kaum beschriebene Komplikation schildern die australischen Autoren der folgenden Kasuistik.

Der Patient und seine Geschichte

Ein 60-jähriger Mann wird mit fortschreitender bilateraler Schwäche der unteren Extremitäten, Harnverhalt und Obstipation ins Krankenhaus eingeliefert. Die Anamnese-Erhebung ergibt, dass er 18 Tage zuvor, einen Tag nach Rückkehr von einem Flug aus Südamerika, Fieber und Husten hatte. Zudem entwickelte er eine Dysgeusie und eine Anosmie. Ein Nasopharynxabstrich auf SARS-CoV-2 lieferte einen positiven PCR-Befund. Seine respiratorischen Symptome verschwanden nach 13 Tagen. Am 16. Tag trat eine akute Harnretention auf, so dass ein Blasenkatheter gelegt werden musste. In den zwei Tagen darauf berichtete der Mann über eine fortschreitende Steifheit der unteren Extremitäten, Schwierigkeiten beim Gehen und Obstipation, was dann zu seinem Besuch in der Notaufnahme führte.

Die Anamnese ergibt zudem eine gut kontrollierte Hypertonie und Hypercholesterinämie (Medikation; Angiotensinrezeptorblocker / Kalziumkanalblocker, Statin). Der Mann war ein ehemaliger Raucher und an Rückführungsflügen von Südamerika nach Australien beteiligt. Bei mehreren seiner Kollegen, die mit ihm mit dem selben Flug zurückkehrten, wurde auch COVID-19 diagnostiziert.

Die Befunde

  • Atemfrequenz 16 Atemzüge pro Minute, Sauerstoffsättigung 97% (Raumluft), Blutdruck 154/88 mmHg, Herzfrequenz 85 Schläge pro Minute, Temperatur 36,7 ° C. 
  • Die klinische Untersuchung ergab einen erhöhten Muskeltonus, eine Hyperreflexie und eine verminderte Propriozeption der unteren Extremitäten, außerdem bilateral bis zur Höhe des Nabels fleckigförmig verteilte Parästhesien. Bei der digitalen Rektaluntersuchung war der Analtonus vermindert. Es gab keine klinischen Hinweise auf ein schweres Schädel-Hirn- oder Wirbelsäulentrauma, die allgemeine neurologische Untersuchung war unauffällig. 
  • Blutuntersuchungen ergaben ein leicht erhöhtes C-reaktives Protein (CRP) (21 mg/l ), eine erhöhte Sedimentationsrate der Erythrozyten (44 mm/h), ein erhöhtes D-Dimer (0,79 g/l) und eine Lymphopenie (0,8 × 109/l). 
  • Ein CT-Scan mit KM der lumbosakralen Wirbelsäule zeigte eine diffuse Bandscheibenvorwölbung, jedoch keine signifikante Spinalkanalstenose Das zerebrale KM-CT war unauffällig (kein Hydrozephalus, keine Raumforderung, kein Ödem, keine Blutung).
  • Ein MRT des gesamten Spinaltraktes zeigte hyperintense zentrale T2-Signale von T7 bis T10, was nach Angaben der Autoren den Verdacht einer akuten transversen Myelitis nahelegte. Ein zerebrales und orbitales MRT lieferte keine Hinweise auf entzündliche Prozesse.
  • Liquor-Befund: erhöhte Proteinkonzentration (0,79 g/l), aber normaler Glukose-Wert (3,2 mmol/l). Liquor- und Blutkulturen waren negativ.
  • Kein Nachweis von SARS-CoV-2 im Liquor 
  • Die Serologie für SARS-CoV-2 belegte eine kürzlich aufgetretene Infektion (SARS-CoV-2 IgG 640, SARS-CoV-2 IgA 160, SARS-CoV-2 IgM 20).
  • Keine ACE-Spiegel im Liquor; Serum-Antikörper gegen Anti-Myelin-assoziiertes Glykoprotein-IgM, Myelin-Oligodendrozyten-Glykoprotein und Neuromyelitis optica IgG waren negativ.
  • Negative Serologie für Mycoplasma, Epstein-Barr-Virus, Cytomegalovirus, HIV, Hepatitis B und C 
  • Kein Hinweis auf einen Autoimmunprozess
  • Serumferritin (711 μ/l) und Interleukin-6-Spiegel (7,8 pg/ml) wurden erst am 10. Tag der Aufnahme (28 Tage nach Auftreten der Symptome) gemessen und zeigten einen erhöhten Ferritinspiegel, aber einen normalen Interleukin-6 (IL-6) -Spiegel.

Diagnose, Therapie und Verlauf 

Aufgrund der Anamnese und der Befunde gingen die Autoren von einer postviralen akuten transversalen Myelitis, vermutlich aufgrund einer immunvermittelten Entzündung, aus. Der Patient wurde daher drei Tage lang mit 1 Gramm intravenösem Methylprednison pro Tag behandelt. Die neurologischen Symptome besserten sich kurz nach Abschluss der Steroidtherapie. Die MRT des gesamten Spinaltraktes am Tag 10 ergab eine fast vollständiges Verschwinden der zuvor zwischen T7 und T10 hyperintensen Signale. Der Mann erlangte die volle motorische Kraft der unteren Extremitäten zurück, die Parästhesien verschwanden, der Blasenkatheter konnte entfernt werden. Am 11. Tag nach der Aufnahme wurde der Patient aus dem Krankenhaus nach Hause entlassen.