Ein 95-jähriger Mann mit Delir und großem abdominellem Tumor

  • Internist

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Fall der Woche
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Kernbotschaften

Ein Delir bei alten Menschen kann viele Ursachen haben. Manchmal hilft, im wahrsten Sinne des Wortes, ein Blick unter die Bettdecke, um der Ursache auf die Spur zu kommen und eine erfolgreiche Therapie einzuleiten. Das zeigt die Krankengeschichte eines 95-jährigen Mannes, die der Internist Dr. Tomas V. Karajan vom Landesspital Liechtenstein schildert. 

Der Patient und seine Geschichte

Der 95-jährige, in einem Pflegeheim lebende Mann wurde wegen eines hyperaktiven Delirs notfallmäßig in das Krankenhaus gebracht. Benzodiazepine, Neuroleptika und auch Morphin hatten nicht geholfen. Zum Eigenschutz sei der bis dahin noch immer rüstige Mann mit einer ZEWI-Decke fixiert worden, berichtet Tomas Karajan. Bis auf Bluthochdruck, einen früheren Herzinfarkt bei KHK und eine BPH hatte der 95-Jährige keine relevanten Krankheiten.

Die Befunde 

  • Stark agitierter Patient, tachykard, erhöhter Blutdruck, Vitalparameter sonst unauffällig. Bei der Inspektion des Mannes nach Entfernen der ZEWI-Decke und Entkleiden fällt ein großer, prall-elastischer, nichtpulsierender abdomineller Tumor auf, der bis dahin laut Karajan niemandem bekannt war.
  • Abdomen-Sonographie: Bei dem Tumor handelte es sich um die Harnblase, deren maximaler Durchmesser bereits 20 Zentimeter betrug. Weitere Ultraschall-Befunde: bilaterale Hydronephrose dritten Grades.
  • Labor-Diagnostik: glomeruläre Filtrationsrate unter 15 ml/min.

Therapie und Verlauf

Nach Legen eines transurethralen Blasenkatheters rasche Besserung, noch am selben Tag Verschwinden des Delirs, zunehmende Erholung der Nierenfunktion.

Schlussfolgerungen 

Da Harnverhaltungen bei älteren Männern nicht selten Ursache für unklare delirante Zustandsbilder seien, sollten sie differenzialdiagnostisch immer erwogen werden, empfiehlt Tomas Karajan. 

Das frühzeitige Erkennen, die Abklärung möglicher Delir-Ursachen und der zeitgleiche Therapiebeginn seien besonders wichtig, heißt es in einem Übersichtsbeitrag zum Delir. Denn außer mit einer erhöhten Mortalität sei das Delir mit folgenden Komplikationen assoziiert: verlängerte Krankenhausaufenthalte, erhöhtes Sturzrisiko, erhöhte Inzidenz von Infektionen, dauerhafte funktionelle Einschränkungen von Aktivitäten des täglichen Lebens, erhöhte poststationäre Unterbringung in Langzeitpflegeheimen und dauerhafte kognitive Einschränkungen.