ECDC: Bislang schwerste Vogelgrippe-Epidemie in Europa

  • Andrea Hertlein
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaften

Die Vogelgrippe hat in diesem Jahr ein bislang unbekanntes Ausmaß angenommen. Wie aus einem aktuellen Bericht des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) hervorgeht, ist die Seuchensaison 2021-2022 die größte, die man bisher in Europa beobachtet hat. Auch wenn die Gefahr für den Menschen als gering eingeschätzt wird, sollte bei Atemwegsinfektionen von Risikogruppen immer auch eine Aviäre Influenza (HPAI) in Betracht gezogen werden.

Demnach zeigten die neuesten Daten insgesamt 2467 Ausbrüche bei Geflügel, 48 Millionen gekeulte Vögel in den betroffenen Betrieben, 187 Nachweise bei in Gefangenschaft gehaltenen Vögeln und 3573 dokumentierte Grippeereignisse bei Wildvögeln. Darüber hinaus sei die geografische Ausdehnung des Ausbruchs beispiellos: Sie reiche von den Svalbard-Inseln über Südportugal und den Osten bis zur Ukraine und betrifft 37 europäische Länder.

Schleswig-Holstein und Niedersachsen schwer betroffen

Auch in Deutschland hat die Vogelgrippe in dieser Saison besonders viele Vögel heimgesucht. „Ein Infektionsgeschehen mit dem Ausmaß wie im aktuellen Sommer beobachte man zum ersten Mal ,sagte Timm Harder, Leiter des Nationalen Referenzlabors für Aviäre Influenza (HPAI) am Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) bei Greifswald gegenüber dem Spiegel. Betroffen waren vor allem Schleswig-Holstein und Niedersachsen betroffen. In Mecklenburg-Vorpommern habe es zuletzt weniger Nachweise gegeben.

Keine Infektion beim Menschen

"Glücklicherweise gab es bei den jüngsten Ausbrüchen der Vogelgrippe in der EU/EWR keine Infektionen beim Menschen", sagte Andrea Ammon, Direktorin des ECDC. Trotz der außergewöhnlich hohen Zahl der in letzter Zeit bei Geflügel und Vögeln festgestellten Fälle sowie zahlreicher Übertragungen der Vogelgrippe auf verschiedene Säugetierarten wurde in den letzten Jahren in der EU/im EWR keine Übertragung auf den Menschen beobachtet, heißt es im Bericht. Darüber hinaus wurde weltweit nur eine geringe Zahl von Infektionen beim Menschen mit asymptomatischen oder milden Krankheitsverläufen gemeldet. Das Gesamtrisiko für die Bevölkerung sei nach wie vor gering.

Mehrere Personengruppen, vor allem diejenigen, die im Tiersektor arbeiten, seien jedoch einem erhöhten Risiko ausgesetzt, mit infizierten Tieren in Kontakt zu kommen. „Wachsamkeit ist erforderlich, um Infektionen mit Influenzaviren so früh wie möglich zu erkennen und um Risikobewertungen und Maßnahmen im Bereich der öffentlichen Gesundheit zu treffen", so Ammon.

Neuer ECDC-Leitfaden

Dazu hat der ECDC am Montag einen Leitfaden veröffentlicht. Darin werden Arbeitgeber aufgefordert ihre Risikobewertung am Arbeitsplatz regelmäßig überprüfen und sicherstellen, dass alle erforderlichen technischen, organisatorischen, Wartungs- und Hygienemaßnahmen getroffen werden, um eine Infektion der Arbeitnehmer zu verhindern. Zu diesen Maßnahmen gehören die Vermeidung von Aerosolen und Staub, eine angemessene Belüftung, die Trennung von Arbeits- und Privatkleidung sowie Maßnahmen zur Verhinderung der Kontamination von Arbeitsräumen.

Ärzte sollte bei Verdacht auf zoonotische Influenza testen

Der ECDC fordert außerdem Ärzte auf, Patienten mit Atemwegserkrankungen und kürzlicher Exposition gegenüber potenziell infizierten Tieren auf Infektionen zu testen. Eine Untersuchung auf zoonotische Influenza sollte auch bei Patienten mit schwerer akuter Atemwegserkrankung unbekannter Herkunft sowie bei schwer kranken Patienten mit früherem Kontakt zu Tieren in Betracht gezogen werden. Es ist von größter Bedeutung, Übertragungsereignisse frühzeitig zu erkennen, so der ECDC.