Drei Millionen Tote durch zu viel Salz?

  • „Food for Thought“-Kongress

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Konferenzberichte by Medscape
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Kernbotschaften

Salz ist als problematischer Bestandteil der Ernährung seit Längerem in der Diskussion. Doch im Vergleich mit Zucker ist sich die wissenschaftliche Gemeinde weniger einig, wie schädlich Salz wirklich ist und ab welcher Menge pro Tag das Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen ansteigt.

Das Panel „Müssen die aktuellen Leitlinien zu Salz nachgewürzt werden?“ auf dem „Food for Thought“-Kongress 2020, online organisiert vom British Medical Journal und dem Swiss Re Institut, versuchte Klarheit in die Debatte zu bringen. Dabei wurden aber auch Kontroversen deutlich.

2,3 oder 5 Gramm pro Tag?

„Der Körper braucht von sich aus nur eine sehr kleine Menge Salz. Zu große Mengen können ihm schaden“, sagte Prof. Dr. Nancy R. Cook von der Harvard T.H. Chan School of Public Health. Welche Salzmenge pro Tag ist also empfehlenswert? Die Leitlinien weltweit nennen hier sehr unterschiedliche Mengen, erläuterte Cook, von 2,3 Gramm Natriumchlorid (NaCl) bis 5 Gramm. Hinzu kommt: „Die tatsächliche Salzaufnahme ist schwer zu erfassen, weil das meiste über Fertiglebensmittel gegessen wird. Den Menschen ist gar nicht bewusst, wie viel Salz sie aufnehmen.“ Daher sei auch die Erfassung über Fragebögen oft ungenau. Am exaktesten seien Messungen im Urin über 24 Stunden, am besten an mehreren Tagen.

Immerhin: „Es besteht mittlerweile Konsens, dass Personen mit Bluthochdruck ihre Salzaufnahme reduzieren sollten.“ Die Effekte seien aber am stärksten bei starkem Bluthochdruck. Im Bereich 120-140 zu 80-89 mmHg sind sie nur noch schwach ausgeprägt.

Wie ließe sich nun wissenschaftlich die optimale Menge an Salz genauer bestimmen? Eine Möglichkeit wären Langzeitstudien. „Lebensstilinterventionen über einen langen Zeitraum sind aber immer schwierig“, sagt Cook. Zudem sei es ethisch kaum vertretbar, Personen über Jahre bewusst 5 Gramm pro Tag einnehmen zu lassen, wenn das Risiko besteht, das diese Menge schädlich ist.

Eine andere Möglichkeit seien Studien, in denen eine Gruppe Salz einnimmt und eine andere einen Salzersatz. Diese laufen derzeit beispielsweise in China. „Wir haben aber bereits eine gewisse Evidenz, dass weniger Salz besser ist“, sagt Cook, „die Frage ist, ob wir da wirklich noch 5 bis 10 Jahre warten müssen, bis die Ergebnisse von Langzeitstudien vorliegen, oder ob wir nicht heute schon Empfehlungen zur Salzreduktion geben können.“

5 Gramm als Maximum?

Auch Prof. Dr. Martin O’Donnell von der Universität Galway/Irland geht davon aus, dass der Zusammenhang zwischen der aufgenommenen Salzmenge und der Sterblichkeit einer J-Kurve folgt. Eine große Kohortenstudie von 2014 habe gezeigt, dass das geringste Sterberisiko bei einer Aufnahme von 2,3 bis 5 Gramm pro Tag bestehe.

Zu einer Aufnahme unter 2,3 Gramm gebe es keine großen Studien, weil es Probanden kaum gelinge, eine solche Diät durchzuhalten: „Wir wissen also nicht, welche Effekte eine sehr geringe Salzaufnahme in der Bevölkerung hätte“, sagt O’Donnell. Umgekehrt lasse sich aber durchaus auf Basis der vorliegenden Evidenz sagen, dass eine Aufnahme über 5 Gramm nicht empfehlenswert sei.

Prof. Dr. Graham Mac Gregor von der Universität London betonte die Dimension des Problems: „Bluthochdruck ist das größte Sterberisiko weltweit. 10 Millionen Menschen sterben pro Jahr dadurch. 3 Millionen dieser Todesfälle lassen sich auf einen hohen Salzkonsum zurückführen.“ Für den Benefit einer reduzierten Salzaufnahme gebe es Belege auf Bevölkerungsebene: Japan, Finnland und Großbritannien haben seit 2003 die durchschnittliche Salzmenge gesenkt. „In allen 3 Ländern sank zugleich der durchschnittliche Blutdruck und die Sterblichkeit durch Herz-Kreislauferkrankungen – auch, wenn dazu noch andere Faktoren beigetragen haben“, sagt Mac Gregor. Die Empfehlung der WHO, die tägliche Salzaufnahme zu verringern, sollte daher aufrechterhalten werden.

Hohe Lebenserwartung trotz hohen Salzkonsums?

Eine andere Ansicht vertrat der Schweizer Kardiologe Prof. Dr. Franz Messerli (Universität Bern). Er hat den Zusammenhang zwischen der durchschnittlichen Salzaufnahme und der gesunden Lebenserwartung für 182 Länder berechnet. Danach scheint zwar auch eine Menge zwischen 3 und 5 Gramm günstig zu sein. Ab 5 Gramm sinkt die Lebenserwartung tendenziell. Allerdings gibt es auch viele „Ausreißer“ aus dieser Kurve. Das betrifft unter anderem die Gruppe mit der höchsten Lebenserwartung weltweit (87,3 Jahre), Frauen in Hongkong. Sie nehmen durchschnittlich 8 Gramm Natriumchlorid pro Tag auf – also weit mehr als die WHO empfiehlt. „Das soll jetzt nicht heißen, dass Salz ein Mittel für ein langes Leben ist“, sagt Messerli, „aber die Ergebnisse widersprechen doch der Annahme, dass eine hohe Menge automatisch schädlich ist.“ Er diagnostizierte bei dem Thema eine gewisse „Polarisierung“ in der medizinischen Gemeinde.

„Hongkong hat aber noch andere Besonderheiten in der Ernährung“, wandte Mac Gregor ein, „die Menschen dort essen sehr viel Obst und Gemüse und wenig Fett.“ Zugleich gebe es in Hongkong durchaus große Probleme mit Bluthochdruck. „Man muss die Situation in einem Land deshalb immer differenziert sehen.“ Letztlich gehe es auch gar nicht so sehr darum, die Bevölkerung zum Umdenken zu bewegen, sondern eher die Lebensmittelindustrie: „Der Salzgehalt in Fertiglebensmitteln muss schrittweise gesenkt werden. Die Konsumenten würden das wahrscheinlich gar nicht merken“, so Mac Gregor.

Alle Panels des Kongresses wurden aufgezeichnet und sind online frei verfügbar.

 

Dieser Artikel von Heike Dierbach ist im Original erschienen auf Medscape.de.