„Dr. Google“: nicht verteufeln, sondern akzeptieren und helfen!

  • Laryngo-Rhino-Otol

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaften

Patienten sollte nicht davon abgeraten werden, zu Gesundheitsthemen im Internet zu recherchieren. Es sollten ihnen allerdings verlässliche Internet-Quellen genannt werden. Denn wer als Arzt das Autonomie- und Informationsbedürfnis der Patienten anerkennt und unterstützt, kann das Vertrauensverhältnis stärken. Von großer Bedeutung ist dabei, die oft unzureichende Gesundheitskompetenz der Patienten zu verbessern. Aufgrund der großen Bedeutung sind Internet und Digitalisierung in der Medizin auch Schwerpunktthemen der kommenden Tagung der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie.

Digitale Gesundheitskompetenz eine wichtige „Stellschraube“

Das Internet wird zunehmend von Patienten als Informations-Quelle für Informationen zu medizinischen Themen genutzt und hat inzwischen einen großen Stellenwert erreicht. Laut der Bertelsmann-Stiftung konsultieren 96 Prozent der Deutschen das Internet bei Gesundheitsfragen, jeder Sechste sogar wöchentlich. Die Beurteilung der Qualität und Seriosität der im Internet angebotenen medizinischen Informationen ist für viele Menschen jedoch schwer.  Ein wichtiger Faktor ist dabei die so genannte digitale Gesundheitskompetenz (etwa Lesefähigkeit, Medienkompetenz, EDV-Kenntnisse und naturwissenschaftliche Grundbildung). Sie gilt heute als wichtige Stellschraube in der Medizin, ist bei vielen Patienten Untersuchungen zufolge jedoch zu gering. Leider, denn „wer in dieser Hinsicht kompetent ist, muss seltener im Krankenhaus behandelt werden und verfügt in bestimmten Fällen sogar über eine geringere Sterblichkeit“, sagt Professor Friedrich Ihler, Oberarzt an der Klinik und Poliklinik für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde der LMU München, im Vorfeld der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie in Berlin.

Internet-Informationen zum Morbus Menière: Qualität unzureichend

Am Beispiel des Morbus Menière haben Ihler und seine Kollegen die Qualität von Gesundheitsinformationen im Internet überprüft. Ergebnisse sollen auf der Jahrestagung präsentiert werden. Unter den ersten 30 Webseiten, die Google zum Suchbegriff „Morbus Meniere" auflistete, fanden die HNO-Ärzte 14 von elektronischen Medien und weitere sieben von Unternehmen, die Medizinprodukte herstellen. Bei lediglich sechs Seiten waren Ärzte oder Krankenhäuser die Urheber. „Diese Seiten tauchten zudem erst ab Position 12 der Ergebnisliste auf“, sagt Ihler – das sei insofern bedenklich, als Nutzer in aller Regel nur die ersten zehn Treffer weiterverfolgten.

Die Qualität der 30 untersuchten Seiten sei unzureichend: Auf der sogenannten DISCERN-Bewertungsskala für Patienteninformationen im Internet erreichten sie im Schnitt nur 2,5 von fünf Punkten. Zudem verfügte nur jede zehnte Seite über ein HON-Zertifikat, erfüllte also die von der Stiftung Health on the Net (HON) formulierten Vorgaben bezüglich Transparenz, Datenschutz für die Nutzer, wissenschaftlicher Belegbarkeit von Behauptungen und Offenlegung der Finanzierung. Außerdem müssen laut HON-Kodex redaktionelle Inhalte klar von Werbung abgegrenzt und die Qualifikation der Verfasser erkennbar sein. Sechs der 30 Seiten enthielten außerdem Falschinformationen.

Arzt für Patienten weiterhin wichtigste Informationsquelle 

„Man muss davon ausgehen, dass autonome Patientenentscheidungen nicht allein auf der Basis von Web-Informationen möglich sind“, Ihler. Diese müssten immer von einem Arzt gewichtet und für den Einzelfall interpretiert werden. Da Patienten ihre Internet-Recherche nur selten von sich aus ansprechen, sei es Aufgabe des Arztes, gezielt nach Vorinformationen zu fragen und auf diese einzugehen. In jedem Fall verändere das Internet das Arzt-Patient-Verhältnis. „Gut informierte Patienten fordern eine stärkere Beteiligung an medizinischen Entscheidungen ein“, sagt der Experte. Ein Arzt, der das Autonomie- und Informationsbedürfnis der Patienten anerkenne und unterstütze, könne das Vertrauensverhältnis aber sogar stärken. Dazu gehöre es, dem Patienten nicht von der Internet-Recherche abzuraten, sondern ihm verlässliche Web-Seiten als Quelle an die Hand zu geben. Sorge, dass das Internet dem Arzt den Rang abläuft, hat Ihler nicht: Bei Befragungen von Patienten wurde bisher letztlich noch immer der behandelnde Arzt als wichtigste Informationsquelle genannt.

Finanzierung: Keine Angaben; Interessenkonflikte bestehen laut den Autoren nicht.